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Warum konnte ich nicht glücklich sein?

Persönlich

Wovon das Glück des Einzelnen abhängt, ist oft nicht so einfach zu durchschauen. Die Umstände sind komplex, die Seele ist es sowieso. Wünsche, Fragen und Enttäuschungen machen das Ganze zu einer manchmal ziemlich explosiven Mischung der Emotionen. Ilka Brühl weiß, wovon sie schreibt, und nimmt uns mit in ihre Geschichte.

Ein Neuanfang. Während ich das Wort im Kopf hin und her wälze, es zur Probe mal mit der Zunge forme, ploppen nur positive Bilder auf. Ein frischer Haarschnitt nach einer gescheiterten Beziehung, der Auszug aus dem Elternhaus in die ersten eigenen vier Wände, oder die guten Versprechen an Neujahr. Einmal Reset, und alles wird gut? Und wieso haben wir dann trotzdem häufig so viel Bammel davor? Ich nippe am Kaffee und erinnere mich an die Neuanfänge meines eigenen Lebens. Waren das diese glorreichen Szenen wie aus einem Film? Beschritt ich unter heroischer Musik im Hintergrund den Weg und hatte nicht den geringsten Zweifel?

Der erste wirkliche Neustart war keineswegs freiwillig und deshalb alles andere als willkommen. Während meiner Grundschulzeit zogen wir um, weil meine Eltern ein Haus gekauft hatten. Uns trennten 20 Kilometer von der alten Wohnung – heute ein Witz. Doch damals? Anfangs fuhren meine Eltern mich noch hin und wieder zu den früheren Freunden, aber es wurde immer seltener. Und ich fand auch schnell Anschluss. Dennoch dauerte es eine Weile, bis mir das neue Haus wirklich ein Zuhause wurde. Ich trauerte dem bunten Teppich mit Tieren darauf hinterher, den Pizzaschnecken vom Bäcker nebenan und meinen Spielkameraden. 

Alles für die Katz?

Viele Jahre später war ich es dann, die den Neuanfang suchte. Gleich mehrmals sogar. Zunächst nach der zehnten Klasse, als ich für die Oberstufe auf ein technisches Gymnasium wechselte. Ich hatte mich nicht mehr wohlgefühlt auf der alten Schule und schon länger den Plan, Maschinenbau zu studieren. Diesmal legte ich alle Hoffnung in den Wechsel und ich war ganz sicher, das Glück dort zu finden. Zu der Zeit war ich noch eine unsichere Teenagerin und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Da kam eine Schule voller nerdiger Jungen doch genau recht – nirgends wäre mein Aussehen, mit dem ich so haderte, unbedeutender. Wie hatte ich mich nur getäuscht. Auch dieses Gymnasium bildete natürlich den Querschnitt unserer Bevölkerung ab. Vom Jungen, der im Kettenhemd zur Schule kommt, über den absoluten Streber bis hin zum beliebten Sunnyboy war jeder Typus dabei. Darunter verteilten sich vereinzelt ein paar Mädchen gleicher Bandbreite. Ich war den Hierarchien und gesellschaftlichen Spielchen also keineswegs entronnen. War deshalb alles für die Katz? Nicht doch! Die Erfahrungen haben mich dennoch bereichert und mir die Erkenntnis beschert, dass man vor manchen Problemen nicht davonlaufen kann. Dieses Phänomen kennen einige ausgewanderte Menschen, die in der Ferne bemerken, dass sie dort nicht glücklicher sind. Sucht man den Neuanfang wegen der eigentlichen Erfahrung, so ist das begrüßenswert, doch er ist kein Allheilmittel. Manchmal kostet er sogar richtig viel Überwindung, egal wie freiwillig er ist. 

„Ich tauschte ein sicheres, hohes Einkommen gegen unregelmäßige, häufig schlecht bezahlte Aufträge. Und ich könnte glücklicher nicht sein.“

Völlig am Ende?

Nachdem ich mein Abitur mit 1,4 gemacht habe und vor Stolz fast geplatzt bin, entschied ich mich gegen den ursprünglichen Plan und studierte Chemie. Meine Lehrerin in diesem Fach hatte den Unterricht dermaßen spannend gestaltet, dass sie meine Leidenschaft geweckt hatte. Was ich damals noch nicht wusste: Ein Chemiestudium ist eines der härtesten, und ich fiel ziemlich auf die Nase. Als ich mit nervösen Fingern die Seite der Leibnitz-Universität in Hannover aktualisierte, um die Prüfungsergebnisse herunterzuladen, war ich völlig am Ende. Wochenlang hatte ich jeden Tag im Labor gestanden oder gelernt, selbst Silvester hätte ich beinahe über den Lehrbüchern verschlafen. Das hatte sich garantiert gelohnt. Noch ein Klick. Durchgefallen. Ich musste mich verlesen haben, das konnte nicht sein. Wenn ich mit dem Pensum nicht mal eine 4,0 hinbekam, wie sollte das dann weitergehen? Wie könnte ich diesen Zustand viele Jahre aufrechterhalten? Ich zerbrach mir ewig den Kopf, denn durch das gute Abi saß ich auf einem verdammt hohen Ross. Doch es nützte ja alles nichts, und so hörte ich nach dem zweiten Semester freiwillig auf, bevor man mir die Wahl nicht mehr ließe. Ich ging lieber erhobenen Hauptes.

Ob das klappt?

Nun stand ich schon wieder vor einem Neuanfang. Ich hätte mich freuen und gründlich abwägen sollen, in welche Richtung es weitergeht. Doch ich war frisch verliebt, wollte unbedingt zu meinem Partner nach Braunschweig ziehen und auf keinen Fall den Eltern auf der Tasche liegen. Ziemlich schnell manifestierte sich die Idee des dualen Maschinenbaustudiums. Ich redete mir ein, dass es doch das war, was ich immer gewollt hatte, bis eine talentierte Lehrerin mich vom eigentlichen Weg abgelenkt hatte. Durch meine rosa Brille glaubte ich gerne an diese Möglichkeit. Um sicherzugehen, schrieb ich unzählige Bewerbungen, und als ich die Zusage eines renommierten Unternehmens erhielt, hätte die Freude nicht größer sein können. Die einzige Sorge war, ob ich das Studium diesmal schaffe. Aber es klappte, das Lernen wurde wieder von Erfolgserlebnissen belohnt, und ich absolvierte parallel meine Ausbildung zur Industriemechanikerin und das Maschinenbaustudium mit Übernahmegarantie. Ein Lottogewinn! Oder nicht? Warum konnte ich dann nicht glücklich sein? Lange versuchte ich, die nagende Stimme in meinem Hinterkopf zu unterdrücken, die mir sagte, dass ich dort nicht voll Freude war. Aber ich konnte doch nicht schon wieder etwas Neues beginnen! Wer hatte überhaupt behauptet, dass Arbeiten Spaß mache? Andere wären dankbar für diesen Job, was war denn verkehrt bei mir?

Doch als die Stimme mit den Jahren lauter wurde, sprang ich 2020 ins kalte Wasser. Tschüss Ingenieursjob, hallo kreative Selbstständigkeit. Ich tauschte ein sicheres, hohes Einkommen gegen unregelmäßige, häufig schlecht bezahlte Aufträge. Und ich könnte glücklicher nicht sein. Dabei war ich vorher so nervös, was ich machen würde, wenn es mir auch nicht gefiele. Natürlich strahle ich nicht jeden Tag bis über beide Ohren, das wäre wohl unrealistisch. Doch insgesamt erlebe ich eine Erfüllung in meiner Arbeit, wie ich sie mir seit dem begonnenen Chemiestudium vor zehn Jahren nicht erträumt hätte. 

Ich möchte Sie ermutigen: suchen Sie so lange, bis Ihr Herz angekommen ist, und stellen Sie nicht gesellschaftliche Erwartungen über Ihr eigenes Glück. Ich wünsche Ihnen noch viele wundervolle Neuanfänge in Ihrem Leben.

Ilka Brühl lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in Braunschweig, liebt Kaffee und Essigchips. Die gelernte Maschinenbauingenieurin arbeitet heute als Autorin und Illustratorin und möchte zeigen, was für eine Bereicherung unsere Vielfalt ist. ilka-bruehl.de

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