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Unvollkommen wohltuend

Partnerschaft

Sie beschreiben ihre Beziehung selbst als bisweilen toxisch und bleiben doch beieinander. Sie können nicht alleine, aber auch nicht zusammen. So scheint es jedenfalls lange Zeit. Doch sie haben unterschätzt, wozu sie fähig sind. Mit Begleitung von außen und unendlich harter Arbeit haben die beiden ihre Beziehung zu einem Zuhause gemacht, in dem nicht nur sie sich wohlfühlen. Zum Schutz ihrer Privatsphäre veröffentlichen wir den Beitrag anonym.

Meine Frau und ich lernten uns über eine gemeinsame Freundin auf einer Geburtstagsfeier kennen und verliebten uns Hals über Kopf ineinander. Weil wir sehr weit auseinander wohnten, starteten wir damals mit einer Fernbeziehung, die von Wochenendbesuchen und täglichen Telefonaten lebte. Deshalb hatten wir wenig Raum für gemeinsame Unternehmungen und nutzten die Gesprächszeit intensiv, um uns auszutauschen und so besser kennenzulernen. Tatsächlich gingen wir dabei sehr schnell in die Tiefe: Wer waren wir und was wollten wir für die Zukunft? Wie stellten wir uns Beziehung allgemein vor, was erwarteten wir von unserem Partner, und was war uns wichtig? Wir genossen diese Gespräche beide sehr, weil wir merkten, dass wir in vielen Punkten übereinstimmten. 

Es ging nicht nur um Socken

Eigentlich keine schlechte Grundlage für eine Beziehung. Jedoch bemerkten wir genauso schnell, dass es auch einige Punkte gab, in denen wir scheinbar unüberwindbare Differenzen hatten. Diese Punkte handelten leider nicht nur davon, in welcher Form Socken zusammengelegt werden müssten, sondern von Ansichten oder Verhaltensweisen, die wir jeweils nicht bereit waren am anderen zu akzeptieren. Wir standen also vor der Entscheidung, die Beziehung aufzugeben oder fortzuführen. Wir waren noch so am Anfang, dass es unproblematisch gewesen wäre, sich zu trennen – manchmal passt es eben nicht zusammen. Aus unterschiedlichen Gründen trafen wir diese Entscheidung jedoch nicht, die zu diesem Zeitpunkt vielleicht die richtige gewesen wäre. Aber warum? 

Die Angst, sich zu verlieren

Sie hatte bereits mehrere Beziehungen hinter sich, war von ihnen oft sehr enttäuscht worden und sah in ihm und seinem Idealismus insbesondere bezüglich Beziehung und Familie endlich jemanden, bei dem sie bekommen könnte, was sie sich wünschte und brauchte. Er war, getrieben von diesem Idealismus, unfähig sich einzugestehen, dass eine Beziehung trotz großen Engagements scheitern und nicht alles im Vorhinein analysiert und bewertet werden kann. Er war es gewohnt, eine Sache zu durchdenken, abzuwägen, sich zu entscheiden und erfolgreich damit zu sein. Und natürlich war da immer noch die Zuneigung und emotionale Verbundenheit, die uns aneinanderband. Also blieben wir beieinander und sollten in den kommenden Jahren eine unglaublich schwere und teilweise destruktive, wenn nicht sogar toxische Zeit durchleben. Wir konnten unsere Differenzen weder auflösen noch ignorieren und stritten regelmäßig in einer Heftigkeit, die kaum zu beschreiben ist. Wir kamen so weit, dass wir irgendwann nur noch wütend aufeinander waren. Auch wenn wir behaupteten und sogar selbst glaubten, wir sprächen in Diskussionen nur die Wahrheit aus, verletzten wir uns in Wirklichkeit bewusst gegenseitig mit unseren Aussagen. Denn wir fühlten uns unverstanden, waren verletzt und verletzten uns immer weiter. Unsere Beziehung war zu diesem Zeitpunkt auf der einen Seite stark geprägt von der Angst, einander zu verlieren, weil wir regel-mäßig kurz vor einer Trennung standen, auf der anderen Seite aber auch von Misstrauen, Unverständnis und Selbstzentrierung. Wir steckten fest und schafften es auch jetzt nicht, es zu beenden. Wir brauchten einen Neuanfang.

„Wir konnten unsere Differenzen weder auflösen noch ignorieren und stritten regelmäßig in einer Heftigkeit, die kaum zu beschreiben ist.“

Wir mussten uns entscheiden

Ein guter Freund, der unsere Situation kannte, gab dem Mann in unserer Beziehung irgendwann den für dessen Teil enorm wertvollen Rat, sich langfristig zu entscheiden. Für die Beziehung oder gegen die Beziehung. Im Kern ging es nämlich genau darum. Der ein oder andere wird denken: „Ist doch klar, dass eine dauerhafte Beziehung das braucht!“ An der Stelle kommt jedoch ins Spiel, was „sich entscheiden“ für uns und unsere Situation bedeutete. Wir hatten uns schließlich dafür entschieden, diese Beziehung einzugehen und sie nicht wegen unserer Probleme aufzugeben. Hatten wir uns also in gewisser Weise nicht bereits entschieden? Die Antwort ist: Nein! Im Nachgang war diese Erkenntnis ein wichtiger Wendepunkt, denn unsere Perspektive wandte sich von einem jeweils ich-orientierten zu einem beziehungsorientierten Ansatz. Jetzt könnte dieser Beitrag mit dem Märchenklassiker enden: „Und sie lebten glücklich bis … “, der Rest ist bekannt. Aber unsere Beziehung ist kein Hollywoodliebesfilm, und unsere Probleme sind nicht einfach verschwunden. Wofür wir uns nämlich nicht entschieden hatten, war, sich für unsere jeweiligen Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste sowie für unsere jeweiligen Kämpfe, Vorgeschichten, Prägungen und Defizite zu interessieren und diese zu akzeptieren. Einander tatsächlich zuzuhören, in Diskussionen wortwörtlich auf das konzentriert zu sein, was die andere Person sagt, und dabei insbesondere zu berücksichtigen, wer wir waren und was uns bewegte. „Jeder Mensch ergibt in seinem Kontext Sinn“ heißt es. Denn ohne Kontext bleibt die wahre Bedeutung oder Absicht einer Aussage oder einer Handlung häufig unklar.

Der Weg zu uns selbst

Für uns bedeutete das praktisch, unsere Denkstrukturen und Verhaltensweisen zu verändern. Uns regelmäßig zu reflektieren und in schwierigen Situationen und in Streit bewusst nach den als konstruktiv erkannten, gegen die intuitiven und bisher an den Tag gelegten Verhaltensmuster zu handeln und sie so zu verändern. Dazu gehörte für uns insbesondere, sich selbst zu verstehen und zu kennen. Warum zum Beispiel machten bestimmte Themen einen so unglaublich schnell wütend? Und war das wirklich komplett auf den anderen zurückzuführen, oder spielte dabei vielleicht auch ein dadurch getriggertes Kindheitstrauma eine Rolle? Es kann viele verschiedene Gründe geben, warum manche Emotionen Teil eines Austausches werden – und wenn es nur die schlechte Laune am frühen Morgen ist. Weiß und berücksichtigt man das, fällt es wesentlich leichter, die mit einem Thema verbundene Wut nicht einfach auf den Diskussionspartner zu projizieren, und dann kann man ein konstruktives Gespräch führen. 

Es ging für uns also nicht nur darum, an der Beziehung zu arbeiten, sondern besonders auch darum, an uns selbst zu arbeiten. Das machte es unglaublich anstrengend und war immer wieder mit Rückschlägen und Versagen verbunden. Wir kämpfen diesen Kampf bis heute, sind aber an einem Punkt, den wir niemals gedacht hätten, erreichen zu können. Zwar lösen sich manche Dinge wahrscheinlich niemals vollends auf, das ist aber auch nicht das Ziel. Stattdessen ist diese Unvollkommenheit Teil einer wohltuenden und vertrauensvollen Beziehung auf Augenhöhe, die Imperfektion aushalten kann und deren Hauptmotiv Liebe ist.

Die Autorin und der Autor sind der Redaktion persönlich bekannt, seit 2019 miteinander verheiratet und haben einen kleinen Sohn. Sie ist Erzieherin und er Betriebswirt. Sie lieben die Comedy-Serie Brooklyn 99, Diskussionen über Gott und die Welt und lange, gemeinsame Autofahrten.

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