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Umgekrempelt

Theologie

Es ist fast unbeschreiblich, was die Bibel einem manchmal zumutet. Geschichten wie die über Saulus von Tarsus, zum Beispiel. Seine Geschichte von unmittelbarer, unangekündigter und uneingeschränkter Veränderung zwingt einen geradezu zu einem Aufschrei. Entweder vor Zorn oder vor Begeisterung. Dr. Hans-Georg Wünch bringt sie uns nahe und erklärt, was sie heute noch bedeutet.

„Das glaube ich dem nicht! Das ist doch ein Trick!“ – „Man kann doch nicht einfach so tun, als ob das alles nicht gewesen sei!“ – „Glaubst du wirklich, Gott würde so jemanden benutzen für sein Reich? An seinen Händen klebt doch Blut! Der ist ein Christen-Killer!“ So, oder so ähnlich könnten die Gespräche in der christlich-jüdischen Gemeinde in Damaskus gewesen sein, als Hananias ihnen von seiner Erscheinung berichtete. Jesus selbst war ihm erschienen und hatte ihm den Auftrag gegeben, in eine bestimmte Straße in Damaskus zu gehen und dort nach einem Mann namens Saulus von Tarsus zu fragen.

Große Zweifel, große Furcht

Saulus von Tarsus – das war ein gefürchteter Name. Dieser Mann war ein hoher Pharisäer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, Christen aufzuspüren und verhaften zu lassen. Er war dabei gewesen, als Stephanus von einem jüdischen Mob gesteinigt worden war und hatte das auch noch unterstützt. Er war verantwortlich für den Tod von Christen! Und jetzt sollte Hananias diesen Mann aufsuchen? Und was hatte der Herr gesagt: „Denn siehe, er betet“ (Apg. 9,11b). Und auch Saulus hätte angeblich eine Vision gehabt und einen Mann namens Hananias gesehen, der die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehen würde (V. 12). 

Auch Hananias hatte seine Zweifel geäußert. Schließlich hatte er von diesem Mann schon so viel Schreckliches gehört. Er hatte die Christen in Jerusalem verfolgt und war jetzt mit der Vollmacht des Hohepriesters gekommen, um das auch in Damaskus zu tun (V. 13). Vor so jemandem versteckt man sich. Aber man sucht ihn doch nicht freiwillig auf! Doch Hananias hörte weder auf seine Zweifel noch auf die guten Ratschläge der anderen Christen. Jesus hatte ihm davon erzählt, dass dieser Saulus die gute Nachricht, das Evangelium, vor Heiden, Könige und das Volk Israel tragen werde (V. 15). Und dass er für dieses Bekenntnis zu Jesus leiden werde (V. 16). Also ging Hananias hin und legte diesem Christen-Killer die Hände auf. Es fasziniert zu lesen, was er dabei sagte: „Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.“ (V. 17b). Lieber Bruder – so betitelt Hananias diesen Christenhasser. 

„Vom Christen-Verfolger war er innerhalb kurzer Zeit zum verfolgten Christen geworden.“

Radikale Kehrtwende

Mal ganz ehrlich: geht das nicht ein bisschen zu weit? Muss dieser Saulus nun nicht zunächst einmal für einige Zeit unter Beweis stellen, dass seine Lebenswende wirklich ernst gemeint war? Erst einmal büßen und zeigen, dass er tatsächlich ein anderer Mensch geworden war? Aber Hananias wusste: Gott hatte Saulus radikal umgekrempelt. Nichts war mehr so wie bisher. Und weil Gott Saulus verändert, ihn angenommen und in seinen Dienst gestellt hatte, war er jetzt auch für Hananias zu einem „lieben Bruder“ geworden. Denn das hatte Saulus ja mit Hananias und allen anderen Christen gemeinsam: sie alle hatten einmal ohne Jesus gelebt, hatten sich mehr oder weniger deutlich gegen ihn gewandt – und waren von Jesus überzeugt und angenommen worden. 

Und Saulus selbst? Er wurde sehend und ließ sich umgehend taufen. Damit setzte er ein öffentliches Zeichen: Ich gehöre jetzt zu diesem Jesus! Und dann ging er selbst in die Synagogen und fing an, von Jesus zu reden und zu erklären, dass dieser Jesus Christus der Messias sei. Natürlich führte das zu vielen Diskussionen. Aber damit kannte Saulus sich aus. Als Pharisäer kannte er alle Argumente. Und weil er auch das Alte Testament kannte, konnte er ihnen jetzt aus der Heiligen Schrift heraus die Argumente entgegenhalten, dass dieser Jesus wirklich der Messias war. Er trieb seine Gegner regelrecht in die Enge, so dass sie beschlossen, diesen unbequemen Menschen nun selbst zu töten. Vom Christen-Verfolger war er innerhalb kurzer Zeit zum verfolgten Christen geworden. Er wurde daher heimlich aus der Stadt gebracht und kehrte nach Jerusalem zurück. Und in Jerusalem? Hier fing das gleiche Spiel wieder an. „Das kann doch nicht sein – Saulus ein Christ? Das ist bestimmt ein übler Trick. Der will sich nur bei uns einschleichen, um uns dann alle verhaften zu lassen!“ Man glaubte einfach nicht, dass Saulus nun ein Jünger von Jesus geworden war (V. 26).

Und so wie es in Damaskus Hananias gewesen war, der für ihn eingetreten war, war es jetzt in Jerusalem Barnabas. Er hatte offenbar die Geschichte erzählt bekommen, wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus Jesus begegnet war und wie er dann in Damaskus frei und öffentlich von diesem Jesus gepredigt hatte (V. 27). Barnabas setzte sich für Saulus ein und brachte ihn zu den Aposteln. Und schon bald fing Paulus auch in Jerusalem an, öffentlich zu predigen. Und wieder wollte man ihn töten, so dass Paulus nach Cäsarea und dann schließlich in seine Heimat Tarsus gebracht wurde. Viele Jahre später holte ihn dieser Barnabas nach Antiochien, um dort die neu entstandene Gemeinde zu lehren (Apg. 11,25f).

Das kann nicht ohne Folgen bleiben

Saulus (der jüdische Name), der dann später meistens Paulus hieß (sein römischer Name) wurde zu dem entscheidenden Missionar für die nichtjüdische Welt. Und alles hatte damit angefangen, dass Gott diesem entschiedenen Christen-Hasser begegnet war und ihn umgekrempelt hatte. Und dass Menschen wie Hananias und Barnabas ihre Skepsis überwunden und dieser Veränderung geglaubt hatten. Sie hatten tatsächlich ernstgenommen, was Vergebung und Neuanfang bedeuten: Das Alte ist wirklich vorbei. Als Jesus am Kreuz starb, hatte er auch für Menschen wie Saulus, die andere verfolgt und ihren Tod verursacht hatten, bezahlt. Und wenn Gott so jemandem vergeben hatte, mussten das auch Hananias und Barnabas tun. 

Kann man wirklich noch einmal neu anfangen? Gibt es so etwas wie ein „weißes Blatt“, auch wenn man schon so viel falsch gemacht hat? Saulus/Paulus ist ein gutes Beispiel dafür, dass das wirklich möglich ist. Es gibt einen Neuanfang, wenn die Schuld vergeben ist. Und was bedeutet das für uns in der Gemeinde? Haben wir wirklich verstanden, wie tiefgreifend Vergebung ist? In Jesaja 1,18 lesen wir: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.“ Für uns selbst nehmen wir das gerne in Anspruch. Aber sind wir auch bereit, diese Vergebung anderen zuzusprechen? Menschen, die wie Saulus/Paulus wirklich große Schuld auf sich geladen haben? Und dann mit diesen Menschen neu anzufangen? Ihnen Vertrauen zu schenken? 

Dr. Hans-Georg Wünch lebt mit seiner Frau im Westerwald und ist passionierter Motorradfahrer. Er ist Dozent für Altes Testament und Studienleiter am Theologischen Seminar Rheinland sowie Prof. extr. am Department for Biblical and Ancient Studies an der University of South Africa (UNISA), Südafrika, und am Department Old Testament and Hebrew Scriptures der University of Pretoria, ebenfalls Südafrika.

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