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Im Test der Zeit

Klartext

Die Menschen wenden ihr vielerorts in Scharen und bitter enttäuscht den Rücken zu – und das nicht erst seit Skandalen um den schändlichen Missbrauch von Kindern. Jürgen Schulz hat sich angeschaut, warum so viele kein Interesse mehr an der Kirche haben – egal, ob katholisch, evangelisch oder freikirchlich. Er spricht Klartext. Und er gibt Antworten, wie Kirche zukunftsfähig wird und den Test der Zeit besteht.

Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Wer meint, auf diese Frage eine abschließende Antwort geben zu können, leidet unter einer massiven Hybris. Dass die Kirche selbstverständlich eine Zukunft hat, liegt in der Zusage Jesu begründet (Matthäus 16,18). Ich mache mir um die Christenheit in Deutschland also keine existenziellen Sorgen. Um die Kirche als Institution hingegen schon. Sie muss sich vielfältigen Herausforderungen stellen. 

Wir brauchen Rückgrat

Im Hinblick auf die Zäsur, die Deutschland gerade erlebt, ist es dran, eine Grundsatzfrage zu stellen. Am Weihnachtsfest 2022 werden sich in Deutschland nach Jahrhunderten zum ersten Mal weniger als 50 % der Menschen zum Christentum bekennen und Mitglied einer Kirche sein. Sie treten in Scharen aus. Um diesem Trend entgegenzuwirken, diskutieren Kirchenvertreter, Theologen und Gemeindemitglieder seit Jahrzehnten über neue Ansätze. Wie kann die Kirche zukunftsfähig gemacht werden? Der durchschlagende Erfolg bleibt aus! Weder neue Gemeindeformen, theologische Neuinterpretationen noch die offensive Kritik an der römisch-katholischen Sexualmoral bewirken eine Kehrtwende. 

Fakt ist: Als Christinnen und Christen in Deutschland müssen wir neu lernen, in einem säkularen, postchristlichen Kontext den Glauben zu leben. Die Auswirkungen einer schwindenden Kirche wird die Gesellschaft als Ganzes spüren, denn mit der schwindenden Kirchenmitgliedschaft schwinden auch die finanziellen Mittel, die die soziale Infrastruktur unseres Landes bedeutend mittragen. Die Kirchen werden sich neu formen müssen. Und will die Kirche Menschen gewinnen, die keinen Bezug zum christlichen Glauben haben, braucht sie ein starkes Rückgrat, um mutig neue Wege zu beschreiten. Aber gerade hier offenbaren viele Kirchengemeinden eine gravierende Schwäche. 

„Als Freikirchen sind wir manches Mal so frei, dass wir vergessen haben, was es bedeutet, Kirche zu sein.“

Die Zersplitterung muss aufhören

Die am lautesten diskutierten Lösungen scheinen nur in eine Richtung zu weisen: eine weitere Öffnung für den gesellschaftlichen Konsens (was auch immer das ist). Reformbewegungen in der katholischen Kirche setzen sich für die Frauenordination ein, plädieren für eine Aufgabe des Zölibats und eine Anerkennung der Ehe für alle. Als Vorbild dienen hier die evangelischen Landeskirchen –und im freikirchlichen Raum sieht es im Wesentlichen nicht anders aus. Ein Austausch zwischen unterschiedlichen Sichtweisen findet kaum mehr statt. „Cancel Culture“ bestimmt zunehmend das Geschehen. Anstatt in einem säkularisierten und oftmals feindlich gesinnten Umfeld geschlossen für den christlichen Glauben einzutreten, zersplittert die Christenheit immer weiter.

Eine Vision für die Kirche der Zukunft zu finden wird dringend. Wer aber visionär in die Zukunft gehen will, muss erst mal eine Reise in die Vergangenheit wagen. Diesen entscheidenden Aspekt höre ich nur sehr bedingt im öffentlichen Diskurs. Wir können aber keine Kirche sein, ohne unsere eigene Geschichte zu kennen. Als junger Theologieprofessor pflegte Thomas Oden eine Freundschaft mit seinem erfahrenen jüdischen Kollegen Will Herbert. Oden wollte von Herbert, einer Koryphäe an ihrer Universität, lernen, was einen hervorragenden Theologen ausmacht. Bei einem der gemeinsamen Mittagessen hob Herbert unverhofft den Finger, schaute Oden direkt an und sagte mit Wut in den Augen: „Du wirst nie ein Theologe sein, wenn Du dich nicht tief in die klassische christliche Tradition einarbeitest.“ Die Kirche der Gegenwart muss sich neu ihrer klassischen und apostolischen Wurzeln bewusst werden. 

Zurück zum Bekenntnis

Die Kirche als Organismus und Institution findet ihre Begründung im Ostergeschehen. Der auferstandene Jesus ist der Eckstein der Gemeinde. Die Kirche hat nur da eine Zukunft, wo dieses Bekenntnis von der Gemeinde kompromisslos bejaht und geteilt wird. Neben dem Eckstein bilden die Apostel und Propheten das Fundament der Kirche (Epheser 2,19–22). So wichtig das Bekenntnis zu Jesus ist, so elementar ist die apostolische Grundlage. Gott hat seine Gemeinde nicht planlos und verwaist sich selbst überlassen. Jesus hat zu Lebzeiten den Aposteln zugesagt, dass der Heilige Geist als der Geist der Wahrheit kommen und sie in aller Wahrheit leiten wird (Johannes 16,13). Die grundlegenden christlichen Überzeugungen für Glauben und Leben hat Gott offenbart, und sie sind uns heute in der Bibel überliefert.

Damit steht die Kirche in einer besonderen Spannung, die so manche Kirchengemeinde gerade zerreißt. Als Christen sind wir aufgefordert, an dem Alten festzuhalten und gleichzeitig neue Wege zu gehen. Wir sollen für den Glauben kämpfen, der uns ein für alle Mal überliefert worden ist (vgl. Judas 4). Zugleich suchen wir neue Wege, um das Evangelium ausnahmslos allen Menschen zu bezeugen. Wir überschreiten kulturelle und soziale Grenzen. Wir kontextualisieren. Kirchen, die diese Spannung verstehen und gut gestalten, werden auch in Zukunft florieren. 

 

 

„Fakt ist: Als Christinnen und Christen in Deutschland müssen wir neu lernen, in einem säkularen, postchristlichen Kontext den Glauben zu leben.“

Wofür treten wir ein?

Als Pastor einer Gemeinde in einer katholischen Hochburg erlebe ich diese Dynamik hautnah. Die katholischen Kollegen lernen gerne von uns Freikirchlern wie wir kirchliche Veranstaltungen planen. Also: was spricht die Menschen heute an? Ich lerne von ihnen, was es bedeutet, Kirche zu sein – als überzeugter Evangelischer. Denn als Freikirchen sind wir manches Mal so frei, dass wir vergessen haben, was es bedeutet, Kirche zu sein. Viele Theologen, Pastoren und Gemeindeleiter können die konstitutiven Elemente der Kirche nicht benennen, obwohl die Bibel dazu nicht schweigt. Will die Kirche in Zukunft nicht nur eine Gemeinschaft von Menschen sein, muss sie sich wieder neu ihrer ureigenen klassischen Identität bewusstwerden und aus dieser apostolischen Identität heraus aktiv die Zukunft gestalten.

Welche konkreten Schritte sollten wir also gehen? Von den ersten Christen können wir lernen, wie wichtig Glaubenskurse (Katechese) für Säkulare und Gläubige zugleich sind. Menschen müssen wieder neu lernen, wofür das Christentum eintritt. Das betrifft Lehre und Leben, Bildung und Ritual. Wir brauchen eine neue Hinführung zum christlichen Glauben. Wie jemand mit Armen, Fremden und Kranken umgeht, muss ebenso ein Thema sein wie die Glaubensbekenntnisse. Nur so werden sich authentische Kirchengemeinden entwickeln. So haben die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten nach Christus Gemeinde gebaut. Diese apostolischen Prinzipien haben den Test der Zeit längst bestanden. Letztlich sind wir in den Worten von Anselm von Canterbury, „Zwerge auf Schultern von Riesen.“

So kann was draus werden

Wenn Christen sich wieder neu ihrer Anfänge bewusstwerden, wird auch der Heilige Geist an Bedeutung gewinnen. Die Kirche der Zukunft ist eine geisterfüllte Institution. Eine Kirche, die nicht aus der übernatürlichen Kraft und Gegenwart des Geistes Gottes lebt, wird eingehen. Im Hinblick auf seine eigene katholische Kirche bemerkte der Theologe Karl Rahner treffend: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein.“ Die Kirche braucht wieder Mut, das Transzendente, oder wie Rahner es nennt, Mystische zu predigen. Die weite Mehrheit derer, die die Kirche verlassen, gehen, weil sie nie ein persönliches, erweckendes Geisterlebnis hatten. Eine Kirche ohne Geisterlebnis ist aber eine Kirche ohne Glauben, ist eine Kirche ohne Jesus Christus. Die Kirche muss neben der Taufe wieder neu die Notwendigkeit eines persönlichen Bekenntnisses eines jeden Gemeindemitglieds zur Mitgliedschaft in der Kirche entdecken. Und das betrifft alle Kirchen, die Freikirchen miteingeschlossen. 

Eine geisterfüllte Kirche ist dann notwendigerweise heterogen. Denn Gottes Geist sprengt menschliche Grenzen. Bei aller Heterogenität ist die apostolische Kirche nicht pluralistisch. Es gab schon immer Wahrheiten, die alle Christen geteilt haben (Orthodoxie). Es gab schon immer Überzeugungen, die alle Christen als Irrlehre (Häresie) abgelehnt haben. Und es gab schon immer Streitthemen, in denen Christen sich noch nie einig waren (Heterodoxie). Die Kirche der Zukunft hält die heterogenen Glaubensformen aus und lernt neu in der Denk- und Sprachwelt der Gesellschaft über Orthodoxie und Häresie zu streiten.

Lebensstiftende Antworten

Wir sind also alle gefordert. Ein starrer Traditionalismus in den Freikirchen kann genauso schädlich für die Zukunft der Kirche sein wie eine leidenschaftslose Liturgie in den großen Kirchen. Bei mir in Paderborn würde ich im Gespräch mit meinen katholischen Kollegen noch stärker betonen, was ich hier bisher nur kurz angeschnitten habe: einen gesunden Pragmatismus und eine innovative Grundhaltung. Für uns alle gilt: Die Kirche der Zukunft muss wieder neu lernen, in einem säkularen Umfeld in der Minderheit zu sein. Sie muss sich neuen gesellschaftlichen Fragen stellen und zu radikalen gesellschaftlichen Umbrüchen Antworten geben. Damit diese Antworten aber lebensstiftend und zukunftsfähig sind, braucht die Kirche zuvorderst das persönliche Bekenntnis zu Jesus Christus und ein Verständnis, was es bedeutet, dass wir eine, heilige, christliche, apostolische Kirche sind. 

Jürgen Schulz, verheiratet mit Lydia und Vater von vier Kindern, ist Pastor einer Gemeindegründung (paderkirche.de) und Gastdozent am TSR, Doktorand im AT und im Podcast duolog.de mit Karl im Gespräch über Glaube und Gesellschaft.

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