Sie muss sehr mutig gewesen sein

Biografie

Fragt man heute nach Vorbildern, fallen die Antworten oft sehr zaghaft aus. Zu viele moderne Menschen meinen, ohne auszukommen. Sie fokussieren sich lieber auf sich selbst. Dass es auch anders geht, zeigt ein Ausflug in den Alltag von Hedwig von Redern. Johanna Postelt hat ihn unternommen und kam bewegt zurück.

Sie muss eine Powerfrau gewesen sein. Würde man die Lebensleistungen von Hedwig von Redern in einer Liste zusammenfassen, wäre diese lang. Sie war Übersetzerin und Herausgeberin mehrerer Zeitschriften, gründete einen Missions-Gebetsbund für Frauen und missionierte unter Menschen am Rand der Gesellschaft. Sie übernahm Seelsorgedienste im Krankenhaus und unterrichtete Kinder in der Sonntagsschule. Zuletzt und vielleicht vor allem war sie Schriftstellerin und Dichterin. An dieser Stelle halte ich inne und gebe den Gefühlen Raum, den ein solcher Vorzeige-Lebenslauf in mir auslöst. Und ich merke, dass ich ein wenig zurückschrecke: zu vorbildlich, zu fromm, weit weg von meinem eigenen Leben.

Am Platz, den Gott ihr gab

Das Gegenteil fühle ich, wenn ich die Lieder von Hedwig von Redern lese. Sie schrieb Lieder, die in die Tiefe gehen und offensichtlich in schweren Situationen ihres Lebens entstanden sind. Hier spüre ich einen starken, aufrichtigen, nicht abgehobenen Glauben. Ein Ringen mit schweren Situationen, die Gott ihr zumutet, und den Entschluss, Gott dennoch – oder gerade – in dieser Situation zu vertrauen. Diese Lieder drücken aus, dass die eigene Kraft eben nicht reicht, um alles zu schaffen. Fast scheint es, als müsse sie sich durch ihre Lieder selbst Mut zusprechen: Sie stehen am Platz, den Gott Ihnen gab; dem Platz, den er Ihnen zugedacht hat. Heute vielleicht am bekanntesten ist folgendes Lied von ihr: „Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl. Das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.“

„Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl. Das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.“

Große, mutige Worte! Worte, die auch in eine Zeit wie die unsere sprechen können, die von tiefer Unsicherheit, von markanten Umbrüchen und großer Angst geprägt ist. Angst vor der Zukunft, Angst vor Corona, vor dem Alleinsein, vor dem Verlust der Arbeit. Die Gefühle, die mich heute umtreiben, hat auch Hedwig von Redern gekannt. Den Kampf, Gott in all dem trotzdem zu vertrauen, hat auch sie geführt – und offensichtlich hat sie die Erfahrung gemacht, dass da jemand ist, auf den sie sich auch in großen Schwierigkeiten verlassen kann.

Sie stand ihre Frau

Und plötzlich kommt mir die Dichterin näher. Sie, die als Adlige in eine wohlhabende Familie geboren wurde, hatte eben kein sorgloses Leben, keinen Vorzeige-Lebenslauf. Mit 20 Jahren verlor sie ihren Vater, den sie sehr geliebt hatte. Kurze Zeit später brannte das Schlossgut der Familie nieder und die Familie musste in eine kleine, ärmliche Wohnung in Berlin ziehen. Ihr Leben war geprägt von Schwierigkeiten, dem Verlust geliebter Menschen und jahrelanger Krankheit. Aber sie hatte eine große Gabe: die Gabe der Worte. Vor allem mit dieser Gabe half sie den Menschen, indem sie ihre Hoffnungslieder weitergab, indem sie Texte schrieb, lehrte und mit anderen betete. Wie außergewöhnlich: eine alleinstehende Frau, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte, redete vor vielen über ihren Glauben. Und sie veröffentlichte Texte und Gedichte. In einer Zeit, als Frauen normalerweise verheiratet waren, zu Hause arbeiteten und in der Öffentlichkeit wenig zu sagen hatten. Sie muss also auch mutig gewesen sein, diese Hedwig von Redern. Wer Texte schreibt und veröffentlicht, macht sich auch immer angreifbar.

Übrigens: Hedwig von Redern hat sich immer wieder intensiv mit dem Leben von Christen auseinandergesetzt, die vor ihr lebten, und spürte dabei, dass sie sich ihnen über die Zeit hinweg verbunden fühlte. „Wir werden einander so nahe gerückt, dass man meinen könnte, wir könnten denen die Hände reichen“. Gerade habe ich es ihr nachgemacht und habe mich Hedwig von Redern für einen Moment ganz nahe gefühlt.

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