Der Wahrheit folgen

Bericht

Es klingt eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Was es aber wirklich bedeuten kann, der Wahrheit zu folgen, berichtet Christoph Zehendner am Bespiel zweier Menschen, die wohl unterschiedliche Wege gingen und doch einem verpflichtet waren: ihrem Glauben an Jesus Christus.

Wer könnte mir mehr zum Thema Wahrheit erklären als Ludhia? Die kleine Frau sitzt mir auf der Terrasse eines großen Hauses in Indien gegenüber. Und sie nimmt mich mit zu einem für sie abgrundtief schrecklichen Tag im Jahr 2008. Damals lebt sie mit ihrem Mann Digal Nayak im indischen Bundesstaat Orissa. Beide haben Gerüchte gehört: Aufgestachelte Hindu-Fanatiker bedrohen Christen, haben es vor allem auf Pastoren abgesehen. Digal Nayak ist Pastor. Doch er flieht nicht, sondern will seiner kleinen Gemeinde beistehen. Als die Scharfmacher näherkommen und ihr Gebrüll schon zu hören ist, ist an Flucht nicht mehr zu denken. 

Sein letzter Atemzug

Digal Nayak schickt Ludhia mit dem kleinen Sohn in ein einigermaßen sicheres Versteck. Er selbst rennt in die kleine Kirche, schnappt sich die Bibel vom Altar, versucht das Buch in Sicherheit zu bringen. Doch ein Fanatiker entdeckt ihn. Die Bibel wird verbrannt. Sprüche gegen Gott hallen durch die Nacht. Dann Häme: „Na, warum hilft Dir Dein Jesus denn nicht?“. Die rasende Menge zerrt ihr Opfer durch die Straßen. Dann beginnt sie, Digal Nayak zu verprügeln. Sticht mit Messern auf ihn ein. Schlägt ihm eine Hand ab. Digal Nayak bräuchte jetzt nur zu beteuern: Ich will kein Christ mehr sein, sondern wieder als Hindu leben. Diese kleine Lüge würde ihn retten. Er müsste nur einen Augenblick lang die Unwahrheit sagen. Doch dazu ist er nicht bereit. Und so stirbt er. „Mitten auf der Straße tat mein Mann seinen letzten Atemzug“, erzählt mir Ludhia. „Sie haben ihn nicht mit einem Schlag getötet, sondern bewusst ganz langsam, in kleinen Schritten.“ Ludhia verstummt. Ich treffe sie bei Recherchen für mein Buch „Namaste. Du bist gesehen“. Ich spüre, wie tief dieser Tod sie erschüttert hat, wie sehr sie um ihren Mann trauert. Und doch spüre ich auch: Sie zweifelt nicht einen Moment lang daran, dass er damals die richtige Entscheidung getroffen hat.

In Indien habe ich oft von solch beeindruckenden Menschen gehört, von ihrer Liebe zur Wahrheit, von ihrem Bekennermut. Dutzende, vielleicht mehrere Hundert, Märtyrer verloren bei den Massakern in Orissa ihr Leben. Zehntausende von Frauen, Männern, Kindern wurden verjagt, beraubt und in die Flucht geschlagen. Nur wenige von ihnen nahmen das „Angebot“ der Fanatiker an, verleugneten ihren Glauben und kamen so mit dem Schrecken davon. Doch nicht nur in dieser Extrem-Situation erfordert Christsein in Indien (und in vielen anderen Gegenden unserer Welt) Konsequenz, Mut und die Liebe zur Wahrheit. In manchen Bundesstaten verlieren bitterarme Bewohner von Elendsvierteln die Berechtigung, in staatlich subventionierten Geschäften Lebensmittel einzukaufen – nur weil sie sich taufen lassen. Für einen Sack Reis zahlen Christen deshalb das Vielfache vom dem, was Hindus bezahlen. Diese Ungerechtigkeit mit einer kleinen „Notlüge“ umgehen? Das kommt kaum einem in den Sinn.

„Sie zweifelt nicht einen Moment lang daran, dass er damals die richtige Entscheidung getroffen hat.“

Zielscheibe von Brandsätzen

Auch Khader hat sich nicht umstimmen lassen. Auch er ist der Wahrheit des Evangeliums treu geblieben. Ihn lerne ich in Beit Jala bei Bethlehem kennen. Ursprünglich stammt er aus Gaza. Als die Hamas an die Macht kommt, ist Khader Pastor einer kleinen Freikirche dort. Doch er muss fliehen, nachdem seinen Freund Rami ein schreckliches Schicksal ereilt. Rami, ein damals dreißigjähriger Familienvater, aufgewachsen in griechisch-orthodoxer Tradition. Rami hatte sich entschieden, bewusst als Christ zu leben. Er ließ sich taufen, trat Khaders Gemeinde bei. Bald arbeitete er im Buchladen der palästinensischen Bibelgesellschaft. Dieser einzige christliche Buchladen im Gazastreifen war schon oft Zielscheibe von Bedrohungen, Bomben und Brandsätzen. Warum auch immer die Islamisten es gerade auf den friedfertigen Rami abgesehen hatten – immer häufiger versuchten sie, ihn einzuschüchtern. Forderten ihn ultimativ auf, seinem christlichen Glauben abzuschwören und Muslim zu werden. Im Oktober 2007 kidnappen sie Rami. Schon wenige Stunden nach der Entführung wird seine Leiche entdeckt. Rami wird zum ersten Märtyrer der palästinensischen Christen. Nur weil er treu zu Jesus Christus gehalten hat. 

Für seinen Freund Khader ein Schock. „Und dann bekam ich plötzlich selbst einen Anruf von einem fanatischen Muslim“, berichtet Khader weiter. „Er versuchte, mich einzuschüchtern. Und er bedrohte auch andere Christen aus meinem Bekanntenkreis. Ich betete und spürte immer mehr: Ich könnte das nächste Opfer sein. Ich muss Gaza verlassen. Diese Entscheidung zu treffen, war sehr schwer für mich. Aber es wurde immer klarer: Hier kann ich nicht bleiben.“ Heute kümmert sich Khader um eine kleine Gemeinde im Westjordanland. Zu den wenigen übriggebliebenen Christen im Gaza-Streifen hält er Verbindung, so gut es geht. Sein Weg verlief anders als der von Digal Nayak. Doch der Wahrheit ist auch Khader treu geblieben – mit vielen schweren Konsequenzen.

Der Wahrheit folgen?

Was ich lernen kann aus Begegnungen mit Menschen wie Khader und Ludhia? Der Glaube an Jesus Christus ist für sie keine nette Tradition, in die man irgendwie hineinwächst und in der man dann halt bleibt. Er kann weitreichende Konsequenzen haben. Zur Wahrheit zu stehen kann – im schlimmsten Fall – den Kopf kosten. Oder finanzielle Nachteile bringen. Oder Unverständnis, Ausgrenzung, Hohn und Spott. In unseren Breitengraden erleben das – Gott sei Dank – nur wenige Christinnen und Christen. Doch das könnte sich ändern. Was also könnte es für uns bedeuten, der Wahrheit zu folgen? Als Christ meinen Mann oder meine Frau stehen. In Diskussionen liebevoll, aber unmissverständlich sagen, zu wem ich gehöre. Mich nicht einschüchtern lassen, sondern treu bleiben All diese Lektionen sollte ich wohl zu lernen beginnen. 

Jesus spricht oft von der Wahrheit. Die Wahrheit über Gott und die Welt, über Tod und Leben, über Verlorenheit und Erlösung, die er zu bringen hat. Diese Wahrheit kann frei machen, sagt er (Joh. 8,32). Doch wenn ich das so zitiere, dann bekomme ich es fast mit der Angst zu tun. So klar, eindeutig, kompromisslos an der Wahrheit ausgerichtet, wie ich es gerne möchte, werden mein Denken, Fühlen und Handeln wohl nie sein. Ich habe keine Ahnung, wie ich reagieren würde, wenn ich Situationen erleben müsste wie Ludhia und Khader. Und so bin ich froh, dass auch dieser Satz im Johannes-Evangelium zu finden ist: „Die Gnade und Wahrheit sind uns durch Jesus Christus begegnet“ (Joh. 1, 17). Gnade ist immer ein unverdientes Geschenk, zu dem ich nichts beitragen kann. Ich will mich beschenken lassen und gleichzeitig meinen kleinen Beitrag dazu leisten, der Wahrheit die Ehre zu geben. Unbeirrt. Standhaft. Treu. Ganz so, wie Ludhia es mir deutlich gemacht hat: „Ich bin voller Trauer. Aber ich bin auch dankbar dafür, dass mein Mann treu zu Jesus gestanden hat. Ich will jetzt auch so treu sein.“

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