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Wie relativ die Wahrheit ist

Philosophie

Alles gleich gültig oder einfach nur gleichgültig? In Zeiten von Fakenews und sogenannten alternativen Fakten müssen wir es genauer wissen und sorgfältig hinschauen. Kann es sein, dass tatsächlich jeder eine eigene Form der Wahrheit hat und das auch so in Ordnung geht? Dr. Hans-Arved Willberg bringt Licht ins Dunkel.

Wie relativ ist Wahrheit? Um diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten, müssen wir erst einmal so exakt wie möglich klären, was die beiden Wörter bedeuten: „relativ“ und „Wahrheit“. Um es nicht unnötig kompliziert zu machen, schauen wir dazu im Duden nach. „Relativ“ meint, heißt es dort, dass etwas „nur in bestimmten Grenzen, unter bestimmten Gesichtspunkten, von einem bestimmten Standpunkt aus zutreffend und daher in seiner Gültigkeit, seinem Wert o. ä. eingeschränkt ist“. Und „Wahrheit“ ist definiert als „die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird“. Mit diesem Befund können wir schon einmal eine erste klare Antwort formulieren: Relativ kann nur eine Wahrheit sein, die vom Bezugspunkt der Person abhängt, die sie ausspricht. Nun kommt alles auf die Frage an, ob das immer so ist. Alles Ansichtssache? Viele behaupten das und fühlen sich mit dieser Meinung weitsichtig und tolerant. Tatsächlich ist das aber kurzsichtig und unverantwortlich. 

Von wegen Toleranz

Kurzsichtig ist es, weil es dem einfachsten Anspruch der Logik nicht gerecht wird. Ein logischer Grundsatz lautet nämlich, dass ein klar definiertes Ding nicht zugleich auch ein anderes sein kann. Damit können wir nun gleich auch die Behauptung „Alle Wahrheit ist relativ“ prinzipiell widerlegen. Wer sie vertritt, meint ja, damit objektiv recht zu haben: „Ich behaupte die objektive Wahrheit, wenn ich sage, dass alle Wahrheit relativ ist.“ Das ist aber unlogisch, denn damit widerspricht er sich. Er müsste eigentlich, wäre er wahrhaftig, auf die Allgemeingültigkeit der Aussage, dass alle Wahrheit relativ sei, verzichten. Dadurch wird die Behauptung aber völlig unsinnig: Ich behaupte, etwas sei wahr, das meiner Ansicht nach gar nicht wahr sein kann. Unverantwortlich ist das überdies, weil damit jeder Meinung gleiche Gültigkeit eingeräumt wird. Von wegen Toleranz! Das Dogma der gleichen Gültigkeit aller Meinungen hat einen anderen Namen: Gleich-Gültigkeit! Dieses scheinbar ach so weltoffene Dogma ist das Gift in der öffentlichen Meinungsbildung, das alle Glaubwürdigkeit zersetzt, weil es alle Wahrheit bezweifelt und alle noch so dreiste Lüge salonfähig macht. 

Es ist gar nicht kompliziert: Wahrheit beanspruchen darf alles, was logisch ist. Erinnern wir uns an die Duden-Definition: Wahrheit ist „die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird“. Ich lege ein Streichholz auf den Tisch und noch eins und verkünde Dir, eine radikal abstrakte These aufzustellen: „1 + 1 = 2“. Du schaust mich verwundert an und sagst: „Hör mal, das ist doch eigentlich nur einfach logisch, oder?“ Diese Art von Wahrheit nennen wir Objektivität; wir können auch „Sachlichkeit“ dazu sagen: Die Sache ist so, wie sie ist: Begriff und Gegenstand stimmen überein. Oft ist die objektive Wahrheit evident, das heißt, sie ist unmittelbar einsichtig. „Unmittelbar einsichtig“ bedeutet: Wir können davon ausgehen, dass jeder Mensch mit Verstand angesichts derselben Wahrnehmung zum selben Ergebnis kommt. Anders ist es bei komplexen Sachverhalten und neuen Entdeckungen. Um zum Beispiel schwierige mathematische Formeln entdecken, erklären und anwenden zu können, ist besonderes Expertenwissen nötig, obwohl sie genauso logisch sein müssen wie 1 + 1 = 2, denn andernfalls wären sie ja unsinnig. Bei allen Angelegenheiten dieser Art muss die Einsicht erst hergestellt werden, sie liegt nicht auf der Hand. Da genügt es auch nicht, wenn jemand einen genialen Einfall hat; objektiven Wahrheitsanspruch kann er erst geltend machen, wenn andere Experten desselben Fachgebiets die Logik der Formel bestätigen. Dann sagen sie miteinander: „Das hier ist eine gute neue Theorie“. Damit meinen sie: Das hilft uns weiter in unserer Forschung und das können wir nun auch andern beibringen. Es ist sinnvoll vermittelbar, weil es logisch ist. 

Das, was ich gerade skizziert habe, nennt man „Wissenschaft“. Schlagen wir noch mal im Duden nach. Was steht da zur Definition von „Wissenschaft“? Es sei die „(ein begründetes, geordnetes, für gesichert erachtetes) Wissen hervorbringende forschende Tätigkeit in einem bestimmten Bereich“. Das ist nichts anderes als das Hervorbringen objektiver Wahrheit in diesem „bestimmten Bereich“. „Wahrheit“ meint im Altgriechischen (übrigens auch im Neuen Testament) wörtlich genommen „Unverborgenheit“: Da zeigt sich etwas, wie es ist. Damit meinen wir: Der logische Zusammenhang wird klar und wir finden den passenden Begriff dafür, mit dem wir diesen Gegenstand eindeutig genug von anderen abgrenzen.

„Das Dogma der gleichen Gültigkeit aller Meinungen hat einen anderen Namen: Gleich-Gültigkeit! Dieses scheinbar ach so weltoffene Dogma ist das Gift in der öffentlichen Meinungsbildung, das alle Glaubwürdigkeit zersetzt, weil es alle Wahrheit bezweifelt und alle noch so dreiste Lüge salonfähig macht.“

Die Sache mit den Erdnüssen

Hiervon ausgehend können wir nun einen fundamental wichtigen Satz formulieren: Von Wissenschaft kann überhaupt nur die Rede sein, wenn objektive Einsichten in natürliche oder geistige Zusammenhänge entstehen, die in der jeweiligen Fachwelt wenigstens so viel Zuspruch erhalten, dass sie als brauchbare Theorien zur weiteren Forschung anzusehen sind. Das heißt keinesfalls, dass der wissenschaftliche Mainstream immer recht hat. Es heißt aber, dass angebliche neue oder wieder neu aufbereitete Theorien nur dann zu objektiven Wahrheiten werden können, wenn ihre Vertreter die Mühe nicht scheuen, die jeweilige Fachwelt davon zu überzeugen, dass ihre Erkenntnisse logisch sind und der Forschung weiterhelfen. Alles andere ist der Definition nach nicht Wissenschaft und kann darum auch keinen wissenschaftlichen – das heißt objektiven – Wahrheitsanspruch stellen. 

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Der objektiven Wahrheit geht Wesentliches ab, wenn sie nicht durch die subjektive Wahrheit ergänzt wird, wie auch umgekehrt dasselbe gilt. Objektiv ließe sich feststellen, per Selfie zum Beispiel für jeden erkennbar, dass ich gerade Erdnüsse esse. Aber nur ich allein weiß, wie sie mir gerade schmecken. Ich kann mich mit anderen über den Geschmack von Erdnüssen verständigen und wir könnten etwa einen ziemlich objektiven lexikalischen Eintrag daraus werden lassen, aber die gemeinsame Wahrheitsfindung geht hier einen anderen Weg. Man bezeichnet ihn als Intersubjektivität. Zum Beispiel essen wir gemeinsam Erdnüsse und tauschen uns darüber aus. Dabei stellen wir fest, dass wir offensichtlich ganz ähnliche Geschmacksempfindungen haben. Und trotzdem bleibt meine Erdnusserfahrung eine grundsätzlich andere als deine. Vielleicht magst du gar keine Erdnüsse und du hast einen guten Grund dafür. Das ist nun wirklich deine Wahrheit – und wollte ich darauf bestehen, dass auch du Erdnüsse mögen musst, weil sie halt einfach gut sind, würdest du dich zu Recht gar nicht verstanden fühlen. 

Das entspricht nun in der Tat dem Wort „relativ“, denn diese Art von Wahrheit hängt vom subjektiven Standpunkt ab. Allerdings wird sie umso glaubwürdiger und brauchbarer, je besser sie intersubjektiv teilbar ist. Wäre ich der einzige Mensch, der Erdnüsse mag, so läge der Verdacht sehr nahe, dass mein Geschmackssinn nicht normal funktioniert oder dass sonst etwas mit mir nicht stimmt, und würde es sich nicht um harmlose Erdnüsse, sondern um sehr seltsame Wahrnehmungen, Konstruktionen, Assoziationen und Vorlieben handeln, die weder mir noch andern guttun und vielleicht sogar gefährlich sind, sollte ich mich dringend in psychiatrische Behandlung begeben. 

Wir brauchen einen Konsens

Es zeigt sich also, dass die relative Wahrheit der Subjektivität nicht unverbunden neben der objektiven Wahrheit steht, um sich wie eine isolierte Halbkugel mit ihr zur ganzen Wahrheit zusammenschließen. Ihre Glaubwürdigkeit hängt vielmehr davon ab, wie weit sie intersubjektiv teilbar ist. Das aber verbindet sie mit der objektiven Wahrheit, denn hier wie dort ist wesentlich für die Glaubwürdigkeit der Wahrheitsbehauptung der Konsens. Auch die Objektivität gewinnt erst durch den intersubjektiven Konsens ihre Überzeugungskraft. Andernfalls mag die Fachperson, die den objektiven Befund vor sich hat, mit den Achseln zucken und sagen: „Es mag ja richtig sein, aber es bedeutet mir nichts.“ Es ist nicht inspirativ, es hilft nicht wirklich weiter. Ganz anders ist es, wenn eine Gruppe von Wissenschaftlern sagt: „Das ist eine objektive Erkenntnis, die wir für wirklich wichtig und hilfreich halten. Wir sind begeistert!“ Was uns Menschen entscheidend verbindet und motiviert und auch allen sinnvollen Fortschritt begründet, ist immer das Intersubjektive. 

Ich habe mich für meine Argumentation auf den Duden berufen. Darf man das als Philosoph? Wer sagt denn, dass der Duden immer recht hat? Niemand sagt das. Sprache ist etwas geschichtlich Gewachsenes und natürlich verändern sich die Definitionen. Aber das, was lexikalisch definiert ist, muss sowohl dem gegenwärtig gültigen Wissensstand als auch dem tatsächlichen Sprachgebrauch gerecht werden, sonst ist es unbrauchbar für die Verständigung – es gibt keinen vernünftigen Konsens. Die Tatsache der allmählichen Veränderung vieler Definitionen ist aber der Grund dafür, warum die Wissenschaftler ihre gemeinsamen Erkenntnisse prinzipiell lieber „Theorien“ statt „Wahrheiten“ nennen – selbst dann, wenn es sich um beeindruckend logische Resultate handelt. Es ist ihnen klar, dass sich ihnen auch in diesen Fällen immer nur ein bescheidendes Fragment der Realität enthüllt hat, das wieder in Bezug zu vielen anderen Realitäten steht, die noch im Verborgenen liegen, und dass in Zukunft möglicherweise auch andere Begriffe besser passen werden. Wer weiß, was sich noch auftun wird, wenn diese Erkenntnis im Licht des größeren Zusammenhangs erscheint, der noch unentdeckt ist? Insofern ist tatsächlich alle Wahrheit relativ. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sie dadurch ihren Wert als Wahrheit verliere und zur bloßen Ansichtssache herabsinke. Es bedeutet nur, dass wir „die“ Wahrheit nie als absolutes Endergebnis in der Tasche haben. 

Ganz normal und spannend

Für uns Christen kommt es entscheidend darauf an, dass wir die Unterscheidung von objektiver und subjektiver Wahrheit ernst nehmen. Die objektive Wahrheit ist Sache der Wissenschaft. In das Horn der leider weit verbreiteten irrationalen Wissenschaftsfeindlichkeit zu stoßen, steht uns nicht zu. Wenn wir bei komplexen Sachverhalten mitreden wollen, müssen wir entweder selbst Fachpersonen sein oder die bescheidene Position von Lernenden einnehmen, die auch wirklich offen dafür sind, manche Vorurteile hinter sich zu lassen. Unser persönlicher Glaube hingegen ist vor allem eine subjektive Wahrheit und somit auch etwas ganz anderes als „die eine objektive absolute Wahrheit“, was leider viele Christen denken. Doch auch hier können wir uns um möglichst weit gehenden intersubjektiven Konsens bemühen, nicht nur mit anderen Christen. Hier wie dort kommt es vor allem auf die Logik an. Wir können davon ausgehen, dass die subjektiven Glaubenswahrheiten, wenn sie dem Leben wirklich guttun, zwar in Ergänzung, nicht aber im Widerspruch zu den objektiven Befunden der Wissenschaft stehen. Wenn es doch so aussieht, heißt das wahrscheinlich einfach nur, dass wir noch nicht genug wissen. Das ist ganz normal und spannend. „Unser Wissen ist Stückwerk“, hat bekanntlich Paulus gesagt, der wohl begnadetste aller Theologen. Und dabei bleibt es auch.

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