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So will ich leben

Leitartikel

Ich schaue mich um, und mich stört, was ich sehe. Ich sehe, wozu Menschen fähig sind, und es gefällt mir nicht. Ich höre, was sie sagen, und ich bin sicher, dass es nicht stimmt. Ich rieche die Verschwörung und finde, sie stinkt. Ich sehe den Splitter im Auge meines Gegenübers. Doch den Balken im eigenen Auge sehe ich nicht. Von Detlef Eigenbrodt.

Beginnen wir mit einer schlichten Definition und befragen den Duden zum Schlagwort Fiktion: „etwas, was nur in der Vorstellung existiert; etwas Vorgestelltes, Erdachtes, eine bewusst gesetzte, widerspruchsvolle oder falsche Annahme als methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems.“ Und Wikipedia meint: „Fiktion bezeichnet die Schaffung einer eigenen Welt durch Literatur, Film, Malerei oder andere Formen der Darstellung sowie den Umgang mit einer solchen Welt. Bei der Fiktion handelt es sich um eine bedeutende Kulturtechnik, die in weiten Teilen der Kunst zum Einsatz kommt.“ Soweit, so klar. Und was sind Fakten? Wiki meint: „Eine Tatsache (factum, respektive facti; altgriechisch πράγματα) ist je nach Auffassung ein wirklicher, nachweisbarer, bestehender, wahrer oder anerkannter Sachverhalt.“ Und der Duden resümiert: „etwas, was tatsächlich, nachweisbar vorhanden oder geschehen ist; eine [unumgängliche] Tatsache.“

Das kann doch nicht wahr sein

Durch meinen Kopf rauschen  viele Persönlichkeiten, im Moment vorwiegend von Politikern, deren Aussagen sich klar der Definition von Fiktion zuordnen lassen, so dass ich nicht recht verstehe, warum sie weithin als Fakten wahrgenommen werden. Und – was mich fast noch mehr irritiert – als wahr angenommen werden. Norbert Blüm sagte einst: „Und es gilt auch der Satz - zum Mitschreiben: Die Rente ist sicher“1 . Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl meinte kurz nach dem Mauerfall (ja, der Mauer, von welcher der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz zwei Monate vor ihrer Fertigstellung sagte „niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“…)2 : „Durch unsere gemeinsamen Anstrengungen, durch die Politik der sozialen Marktwirtschaft, werden schon in wenigen Jahren aus Brandenburg, aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Sachsen, aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen blühende Landschaften3 geworden sein.“  Eine satte Fehleinschätzung erlaubte sich der frühere CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt: „Die deutsche Pkw-Maut ist ein europäisches Projekt, meine Damen und Herren.“4  Ob das nur eine Fehleinschätzung oder eine bewusste Lüge war, mag entscheiden wer will. Der Europäische Gerichtshof jedenfalls stoppte diese Pläne. Dieter Hildebrandt veröffentlichte im März 2009 ein Hörbuch mit dem Titel: „Politiker-Märchen. Die schönsten Lügen aus 60 Jahren Bundesrepublik“ und meint dazu: Von Adenauer bis Westerwelle, von Strauß bis Ypsilanti: Die besten Märchen erzählt noch immer das Parlament. Vielleicht muss man Kabarettist sein, um daran nicht zu verzweifeln.“5

2010 wird dem Parlamentarischen Staatssekretär im Arbeitsministerium Ralf Brauksiepe eine an sich harmlose Frage von Frau S. auf abgeordnetenwatch.de zum Verhängnis. Es geht um die Neuordnung der Hartz IV-Verwaltung, ein sperriges und trockenes Thema, das normalerweise nicht dazu geeignet ist, die Gemüter zu erhitzen. Welche Sprengkraft Brauksiepes Antwort vom 3. November in sich birgt, wird nicht sofort deutlich. Der CDU-Mann schreibt sinngemäß, die Union hätte bei der Neuordnung der Hartz IV-Verwaltung gerne das Grundgesetz geändert, auch um Bürokratie abzubauen. Doch sei dies am Widerstand der SPD gescheitert. Brauksiepe wörtlich: „Wir müssen diesen Weg allerdings so gehen, weil die SPD sich klar festgelegt hat, eine Verfassungsänderung in diesem Bereich nicht mitzutragen.“6

„Fiktion ist etwas, was nur in der Vorstellung existiert; etwas Vorgestelltes, Erdachtes, eine bewusst gesetzte, widerspruchsvolle oder falsche Annahme als methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems.“

Und schauen wir noch auf einen wahren Meister seines Fachs, Herrn Trump. Eigentlich sollte er im Juli 2020 im Rosengarten des Weißen Hauses über die Maßnahmen gegen China und dessen Sicherheitsgesetz sprechen, das gegen Hongkongs Teilautonomie vorgeht. Doch Trump nutzte diese Pressekonferenz zu einer Wahlkampfrede, die „selbst für seine Verhältnisse extrem war“, wie es CNN nannte. Der TV-Sender zählte auf die Schnelle 19 falsche oder irreführende Aussagen in dem rund einstündigen Monolog7. Und diese Zahl hier klingt wie eine Statistik aus dem Verhörraum eines größeren Polizeireviers: In 500 Tagen 3250 falsche Aussagen! 3250! Und dabei handelt es sich nur um die Startbilanz des ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Ende Mai 2018 lieferte die „Washington Post“ dazu eine lange, akribisch belegte Liste von öffentlichen Falschaussagen im Netz. Daraufhin legte Präsident Donald Trump an Tempo zu. Im Juni und im Juli kamen 970 weitere dazu. 16 Lügen pro Tag8. Hat ihm das geschadet? Kaum. Denn seine Anhänger nahmen seine Worte für bare Münze und schalten diejenigen der Lüge, die nachweislich die Wahrheit ans Licht brachten. Natürlich. Wir könnten unter anderem auch über Herrn Putin, Xi Jinping, Erdogan oder Kim Jong-un sprechen. Aber ehrlich, warum sollten wir das in diesem Zusammenhang tun? Von denen dürfen wir ja keine Orientierung an und keine Treue zu Fakten erwarten. Von demokratisch gewählten Führern aber müssen wir das!

Wie wollen Sie leben?

Verheerend ist, dass der Hang zur Fiktion, die egoistisch berechnende und kalkuliert impertinente Haltung, die dahintersteht, Schule macht! Denn so viel ist klar: Das Volk nimmt allzu gern die Lügen der Oberen – übrigens auch derjenigen in Industrie und Kirche – zur Rechtfertigung der eigenen Gewissenlosigkeit an. „Fiktion bezeichnet die Schaffung einer eigenen Welt“, lasen wir am Anfang, und kommen jetzt nicht mehr umhin uns zu fragen, in welcher Welt wir denn selbst leben. Und in welcher wir leben wollen. Denn weil wir wissen, dass wir den eigenen Kopf nicht mit einem Verweis auf die Schuld der anderen aus der Schlinge ziehen können, müssen wir uns festlegen. Was gilt als Maßstab unseres Denkens, Redens und Handelns? Fiktion? Oder Fakten?

„Verheerend ist, dass der Hang zur Fiktion, die egoistisch berechnende und kalkuliert impertinente Haltung, die dahintersteht, Schule macht! Denn so viel ist klar: Das Volk nimmt allzu gern die Lügen der Oberen – übrigens auch derjenigen in Industrie und Kirche – zur Rechtfertigung der eigenen Gewissenlosigkeit an.“

 

Fakten. „Etwas, was tatsächlich, nachweisbar vorhanden oder geschehen ist; eine [unumgängliche] Tatsache“, so lasen wir im Duden. Das ist bei vielem oft recht einfach: Von Reden und Vorträgen gibt es audiovisuelle Aufzeichnungen oder Filmdokumentationen. Von Reden gibt es Manuskripte, Menschen wurden Zeugen von dem, was gesprochen und proklamiert wurde, Geschichtsschreiber und Biographen, Nachrichtenmagazine oder Hobbyfilmer. Wir wissen sehr oft, was geschehen ist, haben die nachweisbar belegbaren Fakten auf dem Tisch und könnten es damit mit der Wahrheit eigentlich einfach haben. Wäre da nicht die Angewohnheit des Menschen, immer wieder zur Interpretation zu greifen. Was wir besonders oft dann tun, wenn uns die Wahrheit nicht gefällt. Oder wenn wir der Überzeugung sind, dass wir mit der Wahrheit keine Karriere machen können, dass wir nicht gewinnen, aufsteigen, profitieren können. Ja, der Mensch ist schon ein besonderes Geschöpf. In sich weiß er, dass er lügt, aber der Zweck scheint das Mittel zu heiligen. Das Gemeinwohl. Die Gesellschaft, die mit der Wahrheit gar nicht richtig umgehen kann. 

Jetzt schauen wir kurz mal nach links und rechts. Nach vorn und nach hinten. Da stehen schon die tapferen Frauen und Männer mit ihren Transparenten und Schildern und beklagen unseren Notstand. Sie machen aufmerksam auf Themen, über die gesprochen werden muss. Sie rufen nach Verantwortung, sie fordern Transparenz. Manche von ihnen schießen dabei wohl auch über das Ziel hinaus. Schade. Denn jedes gute Argument wird  kaputt gemacht, wenn es auf die falsche Weise vorgetragen wird. Am Ende ist leider keinem geholfen. 

Da ist was Wahres dran

Kürzlich saß ich mit einem Freund zusammen und wir sprachen darüber, wie sich die Regierung in den letzten zwölf Monaten so gemacht hat und welche Entscheidungen uns wohl der Februar und März noch so einbringen werden. Er hatte gute Argumente dafür, dass man manches hätte anders machen können, oder zumindest jetzt dann langsam anders machen müsste. Er meinte, viele Menschen halten den Lockdown, den wir seit November verordnet bekommen haben, nicht mehr aus. Familien kommen an ihre Grenzen, Eltern, die sich neben der Arbeit zusätzlich um die Betreuung der Kinder kümmern müssen, der Handel und die Gastronomie liegen am Boden und viele würden diese Zeit wirtschaftlich nicht überleben. Ich meine, da ist viel Wahres dran. Ich habe Freunde, die betroffen sind, deren Geschäfte geschlossen sind, die heute noch nicht wissen, was morgen kommt. Ich kenne Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten und  mehrere kleine Kinder haben die zur Zeit ausschließlich von ihnen betreut werden. Und ja, sie sagen es ist anstrengend. Sie sind belastet, sie freuen sich auf andere Zeiten. Aber sie sagen auch, es ist machbar. Es ist auszuhalten, es ist, wie es ist. Hat die Wahrheit unterschiedliche Gesichter? Fakt ist: wenn die Kitas dicht sind, müssen die Eltern sich um die Betreuung ihrer Kinder kümmern. Fiktion ist, dass Familien das nicht aushalten, ertragen und sogar managen könnten. Fakt ist, dass es hart ist. Fiktion ist, dass es nicht geht. Ich weiß, das klingt stark vereinfacht, und vermutlich ist es genau das, aber der Punkt ist der: wer meint, die Wahrheit zu kennen, muss bedenken, dass er sich irrt. Und die individuelle Wahrheit muss nicht automatisch auch die kollektive sein.

Manche sagen: Frau Merkel richtet mit ihrer Politik das Land zu Grunde. Andere sagen: Frau Merkel kümmert sich darum, dass das Land nicht zu Grunde geht. Alle schauen dabei auf die gleichen Fakten, aber von anderen Standpunkten, mit anderen Absichten, mit anderen Deutungen. Könnte es sein, dass beide Recht haben? Oder beide nicht?

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Ich möchte dabei sein

Ich möchte mich nicht damit zufriedengeben, dass unsere Führer lügen. Ich möchte, dass gewählte Volksvertreter das Volk vertreten und für ihre Unwahrheiten zur Rechenschaft gezogen werden. Ich möchte, dass sie eine zweite Chance bekommen, aus ihren Fehlern zu lernen und zur Wahrheit zurückkehren. Ich möchte, dass das Volk jederzeit das Recht hat, seine Stimme zu erheben. Mit Achtung und Respekt. In Wut und in Zorn. Ich möchte, dass es dabei der gleichen Wahrheit folgt, die es zurecht einfordert. Ich bin nicht damit einverstanden, das industrielle Führer Milliarden Umsätze machen – weil sie rücksichtslos betrügen. Ich möchte, dass sie dafür bestraft werden. Ich möchte, dass Kirchen, die die Wahrheit und Liebe Jesu verkünden, Menschen nicht ausgrenzen. Ich möchte dabei sein, wenn die Fakten siegen und Fiktion zurückkehrt auf Kinoleinwände und in Bücher. Ich möchte Verantwortung tragen, unterstützen, ertragen, aufbauen, den anderen sehen und berücksichtigen und auch dann die Wahrheit sagen, wenn ich mit einer Lüge vermeintlich besser davonkäme. Ich möchte dabei begreifen, dass nicht alles, was ich für Wahrheit halte, auch Wahrheit ist. Ich kann mich irren. So wie alle anderen auch. Ich möchte beweisbare Lügen als solche brandmarken dürfen, egal, von wem sie kommen. Ich möchte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit als hohes ethisches Gut anstreben – und ich möchte auch, dass Liebe und Barmherzigkeit darüberstehen. Ich möchte all das nicht nur von der Gesellschaft erwarten, sondern es selbst genauso geben. Ja, so. So will ich leben!