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Wie kann ich's nur begreifen?

Gedanken

Wir kommen an diesem Stück Weltliteratur nicht vorbei: den Seligpreisungen. So schräg sie auch daherkommen mögen, so widersprüchlich, so unverständlich und herausfordernd: Selig ist, wer ihnen nicht aus dem Weg geht und sie auf sich wirken lässt. Schwester Ursula Metz tut das schon aus beruflichen Gründen. Oder präziser gesagt: aus Gründen der Berufung.

Die Seligpreisungen gehören zum Gebetsleben der Klöster, so auch zu unserem. In vielerlei Gestalt begleiten sie uns da: als Ganzes gesungen, gesprochen oder einzeln als Themenvorgabe einer Gebetszeit. Auch wenn man sie wie ich – wie wir alle – längst auswendig kann, geht es mir damit wie Luther beim Beten des Vaterunsers. Es will mir nicht so recht gelingen, bis zum Schluss mit meinen Gedanken in voller Konzentration bei der Sache zu bleiben. Zu kompakt, zu anders als die Maßstäbe dieser Welt und des Lebens, kommt diese „Regierungserklärung“ Jesu daher. Und doch sind mir diese göttlichen Thesen so lieb und immer wieder erhellend für meine Sicht der Umstände und ich lerne, ihre Einschätzung zu ahnen und zu buchstabieren. Deshalb ist es sicher auch nicht verwerflich, wenn ich immer nur bei einer, zwei oder drei Aussagen stehen-bleibe und sie bruchstückhaft wahrnehme.

Na, herzlichen Glückwunsch auch

So ist das Wort „selig“ als solches schon sehr vielfältig. Dabei fällt mir immer wieder der dumme und freche Ausspruch meiner älteren Geschwister ein, den ich zu hören bekam, wenn ich als Jüngste versuchte, von einem Erlebnis zu berichten, das ihnen nicht glaubwürdig erschien: „Wer’s glaubt, wird selig, wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel.“ Wie gut kann ich mich an die Wut erinnern, die mich in solchen Situationen erfasste! Von klein auf kannte ich auch den Ausdruck des „seli-gen Sterbens“, sprich des Heimkommens in die ewige Heimat bei Gott. Aber sind die Seligpreisungen Jesu eine Vorausset-zung für mein Seelenheil? Viele verschiedene Übersetzungen können erhellen, was Jesus meint: Selig = glücklich. Weniger hilfreich für mich ist: Glück gehabt – als sei man gerade so am Unglück vorbeigeschrammt. Da ist es mir eine Hilfe, wenn ich in einer Auslegung lese (Neukirchener Bibel), dass man diesen Begriff auch vom Griechischen her mit: „herzlichen Glückwunsch“ übersetzen kann. Das bringt mich aber auch ins Fragen. Glückwunsch – zur geistlichen Armut, zu Leid, zur Bekümmerung? Da spüre ich, dass Jesus mein Erleben anders bewertet. Wenn ich in seiner Gegenwart erkenne, dass ich arm dastehe ohne ihn, dann bin ich glücklich dran!

„Wenn ich verstehe, dass das Leid, das ich trage, mich öffnet für seinen Trost, dann wird es zu meinem Glück.“

Wirkliche Armut kann ich kaum nachempfinden bei allem versorgt sein und versorgt werden, in dem ich leben darf. Natürlich rühren mich Berichte von armen, verunsicherten Kindern an und solche von Vätern und Müttern, die mit traurigen Augen zu trösten versuchen. Die Spendenaufrufe nehmen verständlicherweise kein Ende, und das ist auch gut so! Aber wenn ich mir vorstelle, dass diese Menschen vielleicht nie etwas gehört haben von dem Gott, der sie sieht, dann spätestens weiß ich, dass beides zusammenkommen sollte: die humanitäre Hilfe und die Botschaft des Evangeliums! „Es gibt einen Gott, der dich sieht, dem du nicht egal bist, weil er dich liebhat!“

Das macht mich mutig und frei

Wenn ich verstehe, dass das Leid, das ich trage, mich öffnet für seinen Trost, dann wird es zu meinem Glück. So kann ich bei allen Seligpreisungen ein vielleicht sehr kleines Fenster geöffnet bekommen für Gottes Sicht, die mich aus der Hoffnungslo-sigkeit und fatalistischen Bewertung meiner Situation herausholt. Das macht mich mutig, diesem großartigen Herrn, dem ich mich verschrieben habe, wirklich Schritt für Schritt zu vertrauen. Er macht mich damit frei von aller frommen Leistung.

Noch eine andere Entdeckung habe ich gemacht: beim Lesen der Bibel treffe ich auf Menschen, die ich genau der einen oder anderen Seligpreisung zuordnen könnte, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Es geht ja letztendlich um Glauben, ohne schon ein Ergebnis zu sehen. Natürlich fällt mir da Abraham als Vater des Glaubens ein. Wie lange hat er Leid getragen, weil der erhoffte und versprochene Nachkomme sich nicht einzustellen schien. Und war es nicht „ungerecht“ von Gott, ihm den langersehnten Sohn, nachdem dieser endlich da war, wieder abzufordern? Ja, Abraham hat am Glauben festgehalten! Aber es gab auch in seinem Leben ganz menschliche Tiefen, die ihn zwischen der Verheißung und ihrer Erfüllung haben zweifeln lassen. Es lohnt sich, seinen Lebensweg daraufhin nachzulesen (1. Mose 12 – 24). Viele andere Biografien aus der Bibel können uns helfen zu erkennen, dass wir keine Helden werden müssen, ehe Gott etwas mit uns anfangen kann! Ich denke hier zum Beispiel an Mose, alle Erzväter und Propheten, an Johannes den Täufer, die Eltern Jesu und die Jünger. Sie alle kannten Zeiten des Zweifelns, die Versuchung, wegzulaufen und aufzugeben, Zeiten des Unglaubens eben. Aber wenn der Herr sie angesprochen hat und sie sich haben ansprechen lassen, waren sie glücklich dran und kamen zu dem Ziel, das Jesus in den Seligpreisungen verspricht: den Halt in ihm, dem barmherzigen Gott, der durchhalten lässt, bis zur Erfüllung.

Werde ich durchhalten?

So ist an dem schnoddrigen Ausspruch meiner Geschwister doch etwas dran: Wer’s glaubt, was Jesus sagt, ist schon selig. Er ist zu beglückwünschen, weil da einer erkannt wird, der mir das Leben nicht mit neuen Auflagen schwerer macht, sondern im Gegenteil: Er hilft mir zu tragen, anzunehmen, was mir schon hier im Alltag weiterhilft. Beim Zitieren der Seligpreisungen fallen mir einige auf, zu denen es mich besonders hinzieht. Die seliggepriesenen Leidtragenden zum Beispiel. Mir begegnen in der Seelsorge viele Menschen, die über dem Leid, das ihnen widerfahren ist, zum Opfer geworden sind. Sie liegen erdrückt am Boden und klagen Gott an für so viel unverdientes, schweres Schicksal. Andere tragen ihre Not und schütteln sie nicht ab. Sie blicken vertrauensvoll in die Zukunft und hoffen auf die Zeit, in der ihr geliebter Herr ihnen die Last abnimmt.

Beneidenswert sind für mich die Sanftmütigen. Vermutlich rührt mich das besonders an, weil ich mich nicht zu dieser Kategorie Mensch zählen kann. Ihr Erbe wird das Land, die Erde sein. Sie brauchen sich weder Wohnrecht noch Heimat zu erkämpfen. Was mag das bedeuten? Ich kann es kaum ermessen, aber jedenfalls Glück, das irdisches Verständnis von Glück weit übertrifft.

Während ich so überlege, geht in mir sozusagen ein Warnlicht an: werde ich diese Gewissheit durchhalten, wenn ich wegen meines Glaubens verfolgt und gefoltert würde? Wenn mir Unrecht geschähe und Lügen über mich verbreitet würden, wie würde ich damit umgehen? Ja, ich weiß, Zweifel und Tränen würden kommen, aber weh mir, wenn ich dann nicht wüsste, dass mein Herr und Heiland an meiner Seite ist und dass er mich sieht und mit mir leidet. Meine Seligkeit besteht in dem Wissen: er führt mich durch alle Not zum Ziel.

So will ich mich aufmachen und jeder einzelnen Seligpreisung immer wieder nachspüren. Dann kann ich vielleicht in mir noch mehr entfalten, was Gottes Glück für mich bedeutet.

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