Sunshine on my shoulder

Essay

Das hat man nicht so oft, dass einem Menschen begegnen, die Glück ausstrahlen. Angelika Marsch ist so ein Mensch. Da lag es nahe: wir baten sie, uns zu erzählen, was sie glücklich macht. Wer mit ihrer ersten impulsiven Antwort hadert und vermutet, unsere Autorin hätte nicht recht über die Frage nachgedacht oder schlicht immer Glück gehabt, bildet sich sein Urteil besser erst am Ende des Artikels.

Was brauche ich zum glücklich sein? Offen gestanden, recht wenig. Ein kleiner Sonnenstrahl im Gesicht – und schon singe ich hingebungsvoll den alten John Denver Hit „Sunshine on my shoulder makes me happy“. In diesem Moment bin ich es auch, glücklich! Ja, so einfach kann es sein: Sonne im Gesicht, mehr nicht. Hand aufs Herz: Brauchen wir denn wirklich viel mehr, um beglückende Augenblicke erleben und genießen zu können? Oder denke ich hier zu oberflächlich und „Glück“ bedeutet mehr als spontane happy moments, die – einer Sternschnuppe gleich – schnell kommen und wieder verschwinden? Was bedeutet der Begriff „Glück“ überhaupt? Und, was noch wichtiger ist: Wie können wir Menschen denn glücklich sein?

Wo geht’s hier zum perfekten Glück?

Unfassbar, wie viel zum Thema Glück geschrieben wurde! Philosophen von der Antike bis zur Neuzeit, Theologen unterschiedlicher Couleur, Psychologen und Pädagogen mit ihren verschiedenen Ansätzen und sogar Volkswirtschaftler – alle beschäftigen sich mit dem Thema Glück. Nicht überraschend ist dabei, dass das jeweilige Menschenbild ausschlaggebend ist für die einzelnen Definitionen. Als Beispiel: Sieht man in dem homo sapiens lediglich ein im Vergleich zu bestimmten Tierarten leicht höher entwickeltes Wesen, dann reicht es schon zum perfekten Glück, wenn die primären Bedürfnisse nach Essen, Trinken und Sex befriedigt sind. Sieht man in ihm aber ein Wesen, das eine moralisch-ethische Verpflichtung hat, geht Glück deutlich über die primäre Bedürfnisstillung hinaus, der Blick wird auf das Gegenüber gelenkt und auf die Verantwortung für die Welt.

Vom Sprachgebrauch her kennen wir im Deutschen die beiden Deutungsweisen „Glück haben“ und „Glück empfinden". „Da haste aber Glück gehabt“ heißt dann wohl „Du bist durch einen unerwarteten Umstand begünstigt worden“. Quasi per Zufallsgenerator bist du ohne eigenes Zutun gewählt worden. Anders sieht es aus mit dem „Glück empfinden“. Das kann je nach Person recht unterschiedlich sein. Deshalb spricht man in der Psychologie auch vom „subjektiven Wohlempfinden“, das den individuellen Grad an Zufriedenheit misst. Derzeit wird das Thema Glücksempfindung stark durch den prominenten Mediziner und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen geprägt, der unter anderem durch sein Buch „Glück kommt selten allein“ bekannt wurde. Er hat eine kostenlose Glücksakademie gegründet, an der man gemäß den Prinzipien der positiven Psychologie einüben kann, wirkliches Glück zu empfinden.

Also stimmt es doch, das altbekannte Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“? Was ja wohl so viel bedeutet wie „Jeder ist selbst dafür verantwortlich, dass er in seinem Leben glücklich wird.“ Wenn ich diesen Satz auf „Glück haben“ beziehe, stimmt es wohl nicht, denn wer kann schon den Zufallsgenerator beeinflussen? Aber wenn es um „Glück empfinden“ geht, dann passt es sehr gut. Es liegt ja offenbar an mir, inwieweit ich Glücksmomente erleben kann.

Glück empfinden hat mit Achtsamkeit zu tun. Erlebe ich selbst Alltägliches bewusst - oder folge ich lediglich einer Routine? Die Eine duscht jeden Tag stumpf vor sich hin; ein Anderer empfindet es als Glück, warmes Wasser auf der Haut zu spüren und ein gut riechendes Gel auf dem Körper zu verteilen. Ich kann mein Empfinden beeinflussen, indem ich achtsam wahrnehme, was in mir und um mich herum geschieht, und dann diesem Geschehen Sprache verleihe: „Wunderbar, diese Dusche!“ Es ist meine eigene Entscheidung, den Blick bewusst auf etwas zu richten, was positiv ist und mich deshalb auch so stimmt. Nicht umsonst gibt Paulus den Rat (Philipper 4,8 NL Bibel): „Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen.“ Durch das Nachdenken über die positiven Dinge kann ich meine Empfindungen beeinflussen.

„Es liegt ja offenbar an mir, inwieweit ich Glücksmomente erleben kann.“

Alles Hygge, oder was?

Apropos Empfindungen. Auch hier gibt es eine weitere Unterscheidung. Sie bezieht sich auf die Empfindungsdauer. Ich kann kurze Glücksmomente empfinden oder für längere Zeit im Glück sein. Gemäß dem World Happiness Index gehören die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt. Das liegt vor allem an „Hygge“, dem Lebensgefühl, das einfach glücklich macht. Dieses aus dem Norwegi-schen stammende Wort beschreibt den gesellschaftlichen Wert des Zusammenseins. „Im Wesentlichen ist ‚Hygge‘ eine gemütliche, herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens mit netten Leuten zusammen genießt.“ Essen und Trinken, Lachen und Erzählen – und das über Stunden. Gemeinsam entschleunigen und vom Alltag abschalten, da werden wahre Ströme von Glückshormonen ausgeschüttet.

Forscher an der Harvard Universität in den USA bestätigen die Bedeutung von „Hygge“. In umfangreichen Glücks-Studien haben sie über 600 Personen über 75 Jahre lang beobachtet. Es wurde alles getan, um sicher zu stellen, dass die Ergebnisse valide sind. „Die Blutwerte der Probanden wurden analysiert, die Gehirnströme gemessen, und sie wurden regel-mäßig interviewt.“ Robert Walkinger, einer der Betreuer der Studie, fasst das Ergebnis so zusammen:

Beziehungen, egal in welcher Form, machen uns glücklich. Dabei kommt es nicht auf die Anzahl der Freunde an oder ob man in einer festen Partnerschaft lebt. „Viel wichtiger ist, wie tief die Beziehung zu der Person ist. Kann man bei ihr ganz man selbst sein, Quatsch machen, weinen und gemeinsam lachen? Und kann auch die andere Person sich komplett bei einem fallen lassen und so sein wie sie ist?“

Persönlich kann ich dies voll bestätigen. Von jemandem zutiefst verstanden zu werden macht mich glücklich: Wenn ich eine gewisse Seelenverwandtschaft spüre, ein echtes Interesse an mir und meinen inneren Vorgängen, ein wirkliches Zuhören und Nachfragen, ein inten-sives Dabeibleiben in einem Gespräch. Beziehungen, die diese Tiefe erreicht haben, machen mich total glücklich. Wenn menschliche Beziehungen für die Qualität des Lebens so wichtig sind, wie viel mehr ist es die Qualität stiftende Lebensgemeinschaft mit Gott. Mit die-sem Gott, der mich erschaffen hat und umfassend kennt, bei dem ich so sein kann wie ich bin, zu dem ich immer kommen kann, ungeschminkt und echt. Von ihm heißt es, er hat uns in seine Hände gezeichnet und liebt uns mit ewiger Liebe. Die Gemeinschaft mit ihm ist auf ewig angelegt, sein Liebesband hält, ohne auszuleiern. Ein Vers aus Psalm 73 kommt mir dabei in den Sinn. Zunächst erfahren wir von der inneren Zerrissenheit des Schreibers. Er vergleicht sich mit Menschen, die ohne Gott leben und die so unverschämt viel Glück haben, während er selbst so viel Unglück erlebt. Mit diesen inneren Schwankungen kommt er nur zurecht, weil er die göttliche „Hygge“ erfährt: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Psalm 73,28

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Im Hebräischen heißt es übrigens: „Und ich – die Nähe Gottes war/ist/wird sein für mich gut.“ Übersetzen kann man die Nähe Gottes im Sinne von „Gott ist mir nahe“ oder aber als Nähe zu Gott im Sinne von „Ich nähere mich Gott (an)“ – Beides war und ist und wird für mich gut sein. Das hebräische Wort für „gut“ kann auch mit „angenehm“ oder „schön“ übersetzt werden. Wichtig ist, dass im Hebräischen beide aktiv sind: Gott und der Mensch.

Wer kennt mich eigentlich wirklich?

In einer aufrechten, lebendigen Beziehung mit Gott zu leben, das kann uns dauerhaft erfüllen, uns im Glück sein lassen. Denn diese Beziehung ist tragfähig, auch in solchen Zeiten, wenn keine momentanen Glücksströme durch uns hindurchfließen. Wenn wir von Zweifeln geplagt sind, Freundschaften wegbrechen, eine Krankheit uns mürbe macht, oder wir keinen gangbaren Weg mehr sehen. Mir persönlich ist es tröstlich, dass Gott mich besser versteht als irgendein Mensch, egal wie lange wir uns kennen oder wie tief die Beziehung ist. Gott ist mein Schöpfer, keiner kennt mich so umfassend und tief wie er – er liebt mich und jubelt über mich (Zephanja 3,17). Das macht mich glücklich!

Als beglückend erlebe ich auch die Gemeinschaft mit anderen Christen. Mit ihnen gemeinsam zu entdecken, was denn all die Schätze sind, die in Christus verborgen liegen (Kolosser 2,3), macht mich dankbar und froh. Selbst kleine und große Reibungen erlebe ich – wenn sie denn mal nach viel Seelenschmerz endlich angesprochen und ausgesprochen sind – im Nachhinein als bereichernd. Die Gemeinde von Jesus Christus hat in sich selbst einen unverdienten Beziehungsschatz, wenn sie ihn denn entdeckt, ausgräbt und gestaltet.

Es liegt stark an der eigenen Persönlichkeit, welche Dinge außerdem auf die eigene Glücksliste kommen. Bei mir steht Fokussierung ganz oben. Ich erlebe es als Glück, wenn ich mich auf Wesentliches konzentriere. Das kann bedeuten, meinen Besitz zu verkleinern und einfacher zu leben. Es macht mich glücklich, auszumisten und Klarheit zu schaffen. Es macht mich glücklich, das eigene Einkaufs- und sonstige Verhalten auf Umweltbelastung hin zu überprüfen und mich entsprechend anders zu positionieren. Für mich persönlich ist es auch beglückend, Menschen aus anderen Ländern im Blick zu haben und ihnen zu helfen. Und auf jeden Fall bedeutet es: die Gedanken bewusst zu füllen mit dem, was zufrieden macht.

Zum guten Schluss: Für mich ist beides wichtig, „im Glück sein“ und „Glück empfinden“, weniger „das Glück haben“. Die beiden ersten kann ich persönlich beeinflussen; ich kann mich entscheiden! Gerade erlebe ich fast täglich, dass ich „im Glück bin“: Ich kann auf ein aktives Arbeitsleben zurückschauen und mich an all dem freuen, was Gott geschenkt hat. An den guten, aber auch an den schwierigen Zeiten. Denn auch das ist Glück, nichts krampfhaft glorifizieren zu müssen. Ja, und dann empfinde ich selbstverständlich Glücksmomente. Beim Musizieren, Tanzen oder bei einem leckeren Stück Kuchen. Und natürlich, wenn die Sonne auf mein Gesicht scheint und ich wieder einmal lauthals „Sunshine on my shoulder makes me happy“ singe.

Magazin Frühling 2020