So etwas gibt es einfach gar nicht

Essay

Klar sind wir viel glücklicher, wenn alles rund läuft. Zu unserer Zufriedenheit. Klar ist das nicht dauerhaft der Fall. Klar geht auch mal etwas gehörig schief, ob mit oder unseren Einfluss. Klar hält uns das Glück nicht ewig die Treue. Eva Dittmann hat sich Gedanken dazu gemacht, wie wir Menschen mit Zeiten dieses „Un-Glücks“ umgehen. Und warum.

Unglück hat viele Gesichter: Eine verheerende Naturkatastrophe, ein Krieg mit seinen unzähligen Opfern, der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, ein tragischer Unfall mit langfristigen Folgen, eine lebensvereinnahmende Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Scheidung der Eltern, konfliktgeladene Beziehungen oder soziale Isolation – all das sind nur ein paar Schlaglichter einer so vielschichtigen und weitreichenden Realität. Wirklich fassbar ist sie aber nicht. Denn obwohl es sicherlich einige furchtbare Ereignisse gibt, die wir kollektiv als „Unglück“ bezeichnen würden, ist und bleibt das Unglück doch eine zutiefst subjektive Kategorie, eine subjektiv empfundene Lebenswirklichkeit. So kann das, was für den einen eine absolut lebensverändernde Katastrophe darstellt, für den anderen ein neutrales oder gar positives Ereignis sein. Und das, was den einen bis ins Mark erschüttert, mag für den anderen eine vorübergehende Lappalie oder nichts als ein lästiger Zwischenfall sein. Jeder hat seine eigene „Unglückshierarchie“. Hierbei spielen die eigene Biografie, die aktuelle Lebenssituation und auch die Persönlichkeit sicherlich eine wesentliche Rolle. 

Komplikationen des Lebens

Doch bei all dieser Unglücksvielfalt bleibt trotzdem klar: Unglück gehört zum Leben dazu. Niemand kann sich davor schützen. In unserer von Sünde geprägten und gefallenen Welt lassen sich Unglücksfälle leider nicht vermeiden. Und so sehr wir uns auch bemühen, den Klauen dieses Gefallenseins zu entfliehen, es wird uns nicht gelingen. 
Umso wichtiger wird dann die Frage, wie wir mit diesen „Komplikationen des Lebens“ umgehen. Was tun wir, wenn das Schicksal mal wieder um sich schlägt? Wie reagieren wir, wenn wir der Willkür des Lebens schutzlos ausgeliefert sind? Und es geht mir an dieser Stelle tatsächlich erst einmal um die analytische, also die beschreibende Frage. Die Frage „Wie sollten wir damit umgehen?“ möchte ich in diesem Rahmen ganz bewusst zurückstellen. Denn das Wesen des Unglücks ist so komplex, dass eine Pauschalantwort für einen guten Umgang mit solchen schrecklichen Situationen bestenfalls enttäuschend wäre. Und dennoch können wir aus unseren persönlichen Beobachtungen durchaus Schlüsse für einen reflektierten, hoffnungsvollen Umgang mit unserem Unglück ziehen. 

Überlegen Sie doch mal für sich selbst: Wie reagieren Sie auf Unglück? Wie fühlen Sie sich dabei? Was löst es in Ihnen aus? Also, was macht es mit Ihnen? Sind Sie enttäuscht oder wütend? Fühlen Sie sich leer und hoffnungslos? Löst dieses Unglück Scham- oder Schuldgefühle in Ihnen aus? Versetzt es Sie in Angst oder Panik? Reagieren Sie passiv-defensiv, destruktiv oder proaktiv? Und macht es sie unglücklich? Ja, das ist eine ernst gemeinte Frage, denn Unglück macht nicht zwangsläufig unglücklich. 

„Gesundheit, Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Gerechtigkeit – manchmal zeigt eben erst der Verlust von etwas den wahren Wert, den unser Herz diesen Dingen zuschreibt.“

Die Antworten auf diese Fragen sind in gewisser Weise ein Spiegel unseres Herzens. Denn sie zeigen uns unsere Werte und Prioritäten und offenbaren unser Gottesbild. Sie zeigen uns, worauf wir unsere Hoffnung setzen. Worauf unser Herz ausgerichtet ist. Was uns glücklich macht. Wen oder was wir wirklich lieben. Und wen oder was wir letzten Endes anbeten. Ja, unsere Reaktion auf Unglück kann tatsächlich ein Indikator unseres Gottes- oder Götzendienstes sein. 

Glücksbringer des Lebens

Ich will diesen Gedanken etwas näher erläutern. Was würde passieren, wenn Sie mit einer schweren Krankheit diagnostiziert werden? Natürlich ist das ein gravierender Einschnitt in Ihr Leben, der Sie aus Ihrem Alltagstrott herausreißt und alles durcheinanderwirbelt. Das muss die Seele erst einmal verarbeiten. Aber wie reagiert Ihr Herz auf diese schockierenden Nachrichten? Ihre jeweilige Reaktion – in ihrer Art und Intensität! – kann dabei Ihren geistlichen Zustand widerspiegeln und gegebenenfalls sogar verkappten Götzendienst entlarven. Denn sie zeigt, worauf das Herz ausgerichtet ist. Ist es vielleicht die verlorene Unabhängigkeit, die Ihnen Ihre Würde nimmt? Die körperliche Vergänglichkeit, die Ihnen die Realität der gefallenen Schöpfung so klar vor Augen führt? Die fehlende Leistungsfähigkeit, die sonst Ihren Wert als Menschen definiert hat? Das beeinträchtigte Sicherheitsgefühl, das alle Zukunftspläne auf „irgendwann“ verschieben muss? Oder die Ungerechtigkeit dieses Leids, die Sie Gott am liebsten vor die Füße schleudern würden? 

Gesundheit, Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Gerechtigkeit – in Ihren gesunden Zeiten hätten Sie all das vielleicht nicht als Ihre „Glücksbringer“ identifiziert, aber manchmal zeigt eben erst der Verlust von etwas den wahren Wert, den unser Herz diesen Dingen zuschreibt. Wer sein Herz auf einen dieser selbsternannten Glücksbringer (alias Götzen) ausrichtet, hat natürlich viel zu verlieren. Denn all diese Dinge, können uns wieder genommen werden. Und ein solches Unglück führt dann unausweichlich zu einem Unglücklichsein. Wer nach einem Unglück unglücklich wird, sollte sein eigenes Herz also unbedingt einer Götzendurchsuchung unterziehen.

Ausrichtung des Lebens

Was heißt das jetzt für unseren Umgang mit Unglück? Kurz gesagt: Der Umgang mit Unglück beginnt bereits vor dem Unglück. Denn wir entscheiden nicht erst in unheilvollen Situationen, worauf wir unsere Hoffnung und Zuversicht setzen. Und wir entscheiden das auch nicht auf eine rein intellektuelle Weise – so als könnten wir uns einfach ein für alle Mal dafür entscheiden, dass Gott in unserem Leben die höchste Priorität hat und wir demnach unser Herz auf ihn ausrichten. So funktioniert unser Herz leider nicht. Nein, diese „Herzenskalibrierung“ wird ganzheitlich erwirkt. Sie geschieht in den vielen kleinen und großen, bewussten und unbewussten Ritualen und Praktiken des alltäglichen Lebens. Diese Gewohnheiten – seien sie kulturell, gemeindlich oder persönlich – werden zu Trainern unseres Herzens. Sie richten uns auf das aus, was wir lieben sollen. Und das, was wir lieben, beeinflusst dann natürlich unseren Umgang mit Unglück. Wer sich also einen guten Umgang mit der nicht vermeidbaren Realität des Unglücks wünscht – einen Umgang, der reflektiert, hoffnungsvoll und trotz aller Widrigkeiten von wahrer Freude geprägt ist – sollte sein Herz auf den ausrichten, der auch mitten im Unglück unser wahres Glück ist. So gibt es auch im Unglück nichts zu verlieren. Denn, wie C.S. Lewis so schön gesagt hat: „Gott kann uns kein Glück und keinen Frieden schenken, die von ihm unabhängig wären, denn so etwas gibt es einfach nicht.“

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