Zwischen Einsamkeit und Glücksgefühl

Standpunkt

Wie ist das eigentlich mit den Singles, wollten wir wissen. Sind die mehr als Egoshooter unterwegs und haben keinen Bock auf die Verantwortung einer Beziehung? Blasen sie Trübsal und bemitleiden sich ob ihrer Einsamkeit? Sind sie von Glück erfüllt, weil sie große Freiheit haben, um zu tun und zu lassen, was sie wollen? Sie wissen es natürlich: „den“ Single gibt es nicht und jede Form der Verallgemeinerung ist Unsinn. Von Eva Dittmann.

Waren Sie schon einmal allein im Kino? Allein in einem Restaurant? Allein im Urlaub? Oder hört sich das für Sie absolut erbärmlich an? Bemitleidenswert? Oder gar unzumutbar? Für mich gehört das zu meinem Alltag als Single dazu. Bin ich deswegen einsam? Nicht zwangsläufig! Natürlich habe ich auch Tage, an denen ich mich nach mehr Nähe sehne. An denen ich mich ausgeschlossen oder übersehen fühle. An denen ich andere um ihre Beziehungen oder Familien beneide. Aber davon möchte ich mich nicht vereinnahmen lassen. 

Stand akzeptieren

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, mir fiele das leicht. Denn zwischen der Hollywood-geprägten Welt, in der das Glück jeder Frau an einem Traumprinzen hängt, und einem Gemeindealltag, in dem die Familie als das höchste Gut gefeiert wird, ist es schwer, mein Herz davon zu überzeugen, dass die Ehelosigkeit ein göttliches Geschenk ist, wie der Apostel Paulus uns in seinem ersten Brief an die Korinther weismachen will (Kap. 7). Aber Paulus hat natürlich mal wieder (!) Recht. Und sein außergewöhnliches, strahlendes Leben ist der absolute Beweis dafür. Das Single-Dasein ist nicht nur ein Zustand, den ich akzeptieren muss, weil das Leben mir gerade nichts anderes gönnt. Im Gegenteil, es ist eine Berufung, in der ich befreit, erfüllt und hingebungsvoll leben darf. Und genau wie vieles andere im Leben ist auch das Single-Dasein eine Kunst, die man erlernen kann. Wer sie meistert, der blüht auf und erschafft wunderschöne „Kunstwerke“, an denen viele Menschen Freude haben. Ich möchte Sie mit hineinnehmen in ein paar „Kunstgriffe“, die mir in diesem Prozess helfen. 

Verantwortung übernehmen

Die Kunst des Single-Daseins fängt mit meiner Grundhaltung an. Ich muss lernen, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Natürlich wäre es auf den ersten Blick leichter, mich im Selbstmitleid zu suhlen und mich als Opfer meiner unglücklichen Lebensumstände zu sehen, aber damit schade ich mir letzten Endes selbst. Denn ich lade Unzufriedenheit, Bitterkeit und Neid in mein Herz ein und biete ihnen einen Platz an meinem Herzensstammtisch an. Wohlgenährt blähen sie sich hier auf, bis sie jegliche Freude aus meinem Leben herausgesaugt haben, mich gefangen nehmen und lähmen. Leider merkt man oft erst am Ende dieses lebensverneinenden Prozesses, worauf man sich eingelassen hat. 

„Ich habe die Wahl, ob ich den Lügen der Kultur glauben möchte und meinen Wert als Person an meinem Beziehungsstatus messe.“

Deutlich befreiender und beflügelnder ist es, hier Verantwortung wahrzunehmen. Aktiv und gestalterisch auf meine Lebenssituation zu antworten. Zum einem übernehme ich die Verantwortung für mein Denken. Ich habe die Wahl, ob ich den Lügen der Kultur glauben möchte und meinen Wert als Person an meinem Beziehungsstatus messe. Ich habe die Wahl, ob ich das unrealistische Bild der glückbringenden, romantischen Beziehung zu meinem Götzen mache. Ich habe die Wahl, neidisch auf das Leben meines Nächsten zu blicken oder dankbar zu sein für all das, was Gott mir schenkt.  Zum anderen übernehme ich die Verantwortung für mein Handeln. Ich habe die Wahl, wie ich mit meinen unerfüllten Sehnsüchten umgehe. Mache ich sie zum Zentrum meines Daseins, schwelge darin und setze alles daran, diesen Zustand zu beheben – wenn auch nur in einer verzerrten oder gar sündhaften Weise? Oder lebe ich im Vertrauen auf Gott meine jetzige Berufung als Single in einer heiligen und fruchtbaren Weise und nutze die Chancen, die diese Lebensverhältnisse mir bieten? 

Möglichkeiten nutzen

Ja, jede Lebensphase bietet ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Die Kunst dabei ist, sie zu kennen und sinnvoll zu nutzen. Paulus selbst spricht das in seinem Plädoyer für das Single-Dasein an. Er sieht die größte Chance dieses Stands im Fokus und der Flexibilität. Dadurch, dass Singles sich nicht um ihre Ehen und Familien sorgen müssen, können sie sich uneingeschränkt und voller Hingabe dem Reich Gottes widmen. Zumindest theoretisch. Denn in unserer Welt voller Ablenkungen und Möglichkeiten, in der Selbstverwirklichung und exzessive Selbstfürsorge erstrebenswerte Ziele sind, kann man sich schnell verlieren. Es ist leicht, sich treiben zu lassen und ein eigennütziges Leben zu führen. Denn der Teufel unterstützt uns bei jedem Schritt, wenn wir es tun. Das Paradoxe daran: Wirkliche Selbstverwirklichung erlangen wir nur dann, wenn wir uns in Gott verwirklichen.

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Alles andere ist nur eine leere Hülle. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir nach seinen Werten leben und die von ihm gegebenen Geschenke in seinem Sinne nutzen. Das Geschenk der Flexibilität hat dabei viele Facetten: Ich kann in der Gestaltung von Freundschaften, der Reaktion auf Notstände und bei der Unterstützung von Projekten spontan sein; ich kann mich verbindlich und regelmäßig für Menschen und Dienste einsetzen und ich kann mich selbstlos und ganzheitlich in das Reich Gottes investieren – all das, ohne meine eigenen Bedürfnisse außen vor zu lassen. 

Beziehung leben

Der Mensch ist von seinem Wesen her auf Beziehungen angelegt. Wir brauchen Beziehungen – zu Gott und zu unseren Mitmenschen. Daran erinnert mich der dritte Kunstgriff des Single-Daseins. Ehelosigkeit darf unter keinen Umständen zur Einsamkeit führen. Das allerdings ist oft ein hart umkämpfter Prozess, der viel Mut und Geduld von uns fordert. Und genau wie in einer Liebesbeziehung setzen auch diese Beziehungen eine bedingungslose Verbindlichkeit (lieben und geliebt werden), eine Atmosphäre der Gnade (vergeben und Vergebung empfangen), eine Dynamik der Bevollmächtigung (dienen und bedient werden) und eine Bereitschaft zur Intimität (kennen und erkannt werden) voraus. Zum einen möchte ich dabei gerne die Initiative ergreifen, anstatt darauf zu warten, dass andere meine Bedürfnisse sehen und darauf eingehen. Dafür muss ich meine Komfortzone verlassen und mich verletzlich machen. Wer den Nächsten sieht und ihm dient, kann sich nicht mehr um sich selbst drehen. Zum anderen darf ich für andere Menschen auch die Rolle als geistliche Mutter einnehmen. Biblische Mutterschaft/Vaterschaft ist nicht zwangsläufig biologisch begründet – und viele Menschen wünschen sich geistliche Familien. Wer hier die Gemeinde als Familie versteht, hat einen großen Schatz gefunden. 

Fazit: Leben gestalten

Berufungstreue bedeutet, dort aufzublühen, wo man hingestellt wurde – mitsamt allen äußeren Gegebenheiten und Ressourcen. Aus biblischer Sicht ist die Ehelosigkeit kein Problem, das behoben werden muss, und keine Übergangszeit, in der wir sehnsüchtig auf das „richtige“ Leben warten. Wer also die Kunst des Single-Daseins meistern will, muss den „Wenn-erst-Modus“ verlassen und im Hier und Jetzt mutig leben, dankbar Wachstumsmöglichkeiten nutzen und sich in der von Gott geschenkten Freiheit entfalten und beflügeln lassen. So wird meine „Kunstfertigkeit“ zum Segen für viele.

Magazin Sommer 2020