Hochmut. Demut. Mut.

Essay

Es gibt sie, die Menschen, die wir im Grunde lieber von hinten sehen. Weil jede Begegnung weh tut, eine Demütigung ist, gewollt oder ungewollt, bewusst beabsichtigt oder nicht. Menschen, die die Nase so hochtragen, dass es fast reinregnet. Menschen, die einem fortwährend das Gefühl vermitteln, nicht gut genug zu sein. Heike Huhn bespricht nicht nur die Ursachen, sondern rät auch für den Umgang.

Der Grat zwischen einem überzeugten Lebensstil und Überheblichkeit ist schmal. Überzeugt zu sein, dass man Wissen hat, dass die eigenen Erkenntnisse richtig sind, ist das eine. Dass der eigene Lebensstil immer als richtig und besser angesehen wird als der der anderen, und dass man die das auch spüren lässt, etwas ganz anderes. Paart sich im Bereich des Glaubens der Eindruck der Überlegenheit dann noch mit der Position oder dem Gefühl von Macht, etwa bei geistlichen Autoritäten in Kirchen, christlichen Gemeinschaften oder bei Vorgesetzten in christlichen Werken, dann wird es schnell sehr anstrengend. Dann lassen manche Menschen andere schon mal verbal oder non-verbal spüren, dass sie ihnen nicht das Wasser reichen können. Kein Zweifel: das ist nicht gesund, vor allem nicht für das Umfeld. Wie aber gehen wir mit geistlich Hochmütigen um?

Demonstrative Überlegenheit

Geistlicher Hochmut kann viele Namen und Gesichter haben. Super geistlich, super fromm, super hingegeben. Aber egal, wie man es nennt; geistlich hochmütige Menschen zeigen häufig sehr ähnliche Eigenschaften: Sie glauben ein Monopol auf die Wahrheit und Erkenntnis zum rechten Lebensstil zu besitzen.Ihre (gefühlte oder tatsächliche) Überlegenheit demonstrieren sie in intellektuellen oder geistlichen Debatten oder durch den Hinweis auf die Höhe, Tiefe und Reichweite ihrer guten Taten. Erzählungen und Ideen von anderen kommentieren sie mit einem milden Lächeln. Sie haben auf jedes Argument ein starkes Gegenargument. Sie begegnen bevorzugt oder ausschließlich Menschen mit derselben Gesinnung und Erkenntnis wie sie selbst. Sie stellen keine Fragen, ha-ben aber viele Antworten und Ratschläge parat. Und sie fordern sich ständig selbst und verlangen das Gleiche auch von anderen. Man könnte also auch sagen: Überhebliche Menschen besitzen die Fähigkeit, dass man sich in ihrer Nähe kleiner fühlt, als man ist.

„Sie stellen keine Fragen, haben aber viele Antworten und Ratschläge parat.“

Deutlich befreiender und beflügelnder ist es, hier Verantwortung wahrzunehmen. Aktiv und gestalterisch auf meine Lebenssituation zu antworten. Zum einem übernehme ich die Verantwortung für mein Denken. Ich habe die Wahl, ob ich den Lügen der Kultur glauben möchte und meinen Wert als Person an meinem Beziehungsstatus messe. Ich habe die Wahl, ob ich das unrealistische Bild der glückbringenden, romantischen Beziehung zu meinem Götzen mache. Ich habe die Wahl, neidisch auf das Leben meines Nächsten zu blicken oder dankbar zu sein für all das, was Gott mir schenkt.  Zum anderen übernehme ich die Verantwortung für mein Handeln. Ich habe die Wahl, wie ich mit meinen unerfüllten Sehnsüchten umgehe. Mache ich sie zum Zentrum meines Daseins, schwelge darin und setze alles daran, diesen Zustand zu beheben – wenn auch nur in einer verzerrten oder gar sündhaften Weise? Oder lebe ich im Vertrauen auf Gott meine jetzige Berufung als Single in einer heiligen und fruchtbaren Weise und nutze die Chancen, die diese Lebensverhältnisse mir bieten? 

Möglichkeiten nutzen

Ja, jede Lebensphase bietet ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Die Kunst dabei ist, sie zu kennen und sinnvoll zu nutzen. Paulus selbst spricht das in seinem Plädoyer für das Single-Dasein an. Er sieht die größte Chance dieses Stands im Fokus und der Flexibilität. Dadurch, dass Singles sich nicht um ihre Ehen und Familien sorgen müssen, können sie sich uneingeschränkt und voller Hingabe dem Reich Gottes widmen. Zumindest theoretisch. Denn in unserer Welt voller Ablenkungen und Möglichkeiten, in der Selbstverwirklichung und exzessive Selbstfürsorge erstrebenswerte Ziele sind, kann man sich schnell verlieren. Es ist leicht, sich treiben zu lassen und ein eigennütziges Leben zu führen. Denn der Teufel unterstützt uns bei jedem Schritt, wenn wir es tun. Das Paradoxe daran: Wirkliche Selbstverwirklichung erlangen wir nur dann, wenn wir uns in Gott verwirklichen.

„Überhebliche Menschen besitzen die Fähigkeit, dass man sich in ihrer Nähe kleiner fühlt, als man ist.“

Versteckter Wunsch nach Beachtung

Woher kommt geistlicher Hochmut? Was Überheblichkeit auslöst, ist nicht immer ganz eindeutig. Die Schwierigkeit im Umgang mit betroffenen Menschen – und das ist ein entscheidender Unterschied zu unqualifizierten oder faulen Menschen – ist dieser: der Überhebliche kann wirklich etwas und besitzt oft überdurchschnittliches Wissen und Bereitschaft sich einzubringen, oft zum Wohl anderer. Es gibt also durchaus Argumente warum sie sich auch überlegen fühlen können. Warum manche dann aber daraus das Bedürfnis entwickeln, ihre Überlegenheit permanent zu demonstrieren, deutet eher auf Unsicherheit hin. Dahinter verbirgt sich im Kern unter Umständen eine Identität, die sich im Absolvieren guter christlicher Taten im Dienst der Nächstenliebe begründet und nicht im Lieben und Nachfolgen Jesu. Oft kommt dann noch ein unreifer Charakter, mit dem unerfüllten Wunsch danach, gesehen und anerkannt zu
werden, hinzu.

Gesunde Selbstkontrolle

Ich muss gestehen: jetzt wo ich über geistliche Überheblichkeit nachdenke, frage ich mich, wie ich wohl selbst auf andere wirke. Ich weiß auf jeden Fall, was ich manchmal über andere denke! Auch wenn ich mir ein hohes Maß an Selbstkontrolle zuschreibe, muss ich doch davon ausgehen, dass mein schnelles Urteil über andere nicht so unbemerkt an ihnen vorübergeht, wie ich mir das gerade wünschen würde. Was sind Anzeichen dafür, dass ich selbst überheblich bin oder werde? Überhören: Ich ertappe mich dabei, dass ich manchen Menschen weit weniger aufmerksam zuhöre als anderen. Ihre Meinung regt mich äußerst selten zum Nachdenken an. Und ich finde spielend Argumente, um meinen eigenen Standpunkt zu untermauern.Und Überfliegen: Gerade in arbeitsintensiven Phasen reduziere ich meine Sozialkontakte auf möglichst Gleichgesinnte. Austausch mit Menschen, die mich Energie kosten fahre ich runter. Jesus hat übrigens niemals irgendjemandem den Eindruck vermittelt sie seien nicht genug. Er hat klare Worte für das sündhafte Verhalten gefunden, er hat Fragen gestellt, niemals aber die Person in Frage gestellt. Das wurde nur sehr unterschiedlich interpretiert. Die einen blieben bei der rechtlichen Auslegung und Verurteilung von jeglichem Fehlverhalten stehen, die anderen verstanden das Gesetz durch den Geist der Gnade. Bei allem Verständnis für die Ursachen und Auslöser für Überheblichkeit – anstrengend ist es trotzdem mit solchen Menschen zusammen zu sein. Und irgendwie müssen wir ja damit zurechtkommen und umgehen können. Vielleicht hilft das hier:

Gnade geben ohne Gnade zu erwarten

Geistlich Hochmütige sind meist gesprächsresistent. Ein offenes Gespräch ist oft nicht möglich. Schaffen wir es dem Verhalten dieser Menschen mit Gnade zu begegnen, obwohl wir die im Gegenzug nicht empfangen? Überheblichkeit mit Freundlichkeit zu parieren sagt etwas über unser Identitätsverständnis und zeugt von wahrer charakterlicher Reife.

Vergleich aussichtslos

Wer setzt eigentlich den Maßstab darüber, wann ich genug bin und genug tue? Wir wissen, dass es nicht unser Gegenüber ist, auch wenn es sich so anfühlt. Es ist hilfreicher sich klarzu-machen, dass das Verhalten der anderen in den allermeisten Fällen nichts mit uns persönlich zu tun hat.

Nicht „aber“, sondern „ja, und“ sagen

Wie reagiert jemand der meint, schon die beste Lösung zu haben, auf einen Verbesserungsvorschlag? Richtig, weder offen noch erfreut. Hier kann ein Prinzip aus dem Brainstorming helfen. Die Idee dabei ist, anstatt zu widersprechen, seine eigene Meinung auf der Idee des anderen aufzubauen: „Deine tolle Idee bringt mich gerade darauf, dass wir auch noch x tun könnten ...“

Mein schlechtes Gefühl ist auch eine Chance

Das schlechte Gefühl, dass manche Menschen bei uns hinterlassen, muss nicht nur negativ sein. Es kann uns durchaus auch mal darauf hinweisen, dass wir einen Wert, der uns eigentlich wichtig ist, nicht in dem Maß leben, wie wir es eigentlich möchten.

Abstand halten

Wenn alles nicht hilft, kann es auch mal angebracht sein, sich schlicht aus dem Weg zu gehen. Im besten Fall stolpern solche Leute früher oder später über ihre eigenen Unarten und werden dadurch eventuell lernbereit.

Es braucht Mut zur Demut

Die Gründe warum manche Menschen ihren Mitmenschen das Gefühl geben, nicht zu genügen, mögen unterschiedlich und oft nicht nachvollziehbar sein. Aber häufig lassen sie sich auf einen Grund herunterbrechen: Sie haben das Bedürfnis sich selbst besser zu fühlen und/oder vor anderen (vermeintlich) besser dazustehen – oder vereinfacht gesagt: Sie machen andere kleiner, um sich selbst größer zu fühlen. Das ist im persönlichen Umgang miteinander immer anstrengend. Gelingt uns die Begegnung dennoch einigermaßen aufrecht, liegt unsere Belohnung im Festigen des eigenen Identiätsverständnisses und der charakterlichen Reife.

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