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Stellt Gott die Menschen auf die Probe?

Kommentar

Spätestens seit März ist die ganze Welt in Aufruhr. Ob, wann und wie die Corona-Pandemie ihr Ende finden mag, viele – und längst nicht nur Christen – können sich nicht recht frei machen von der Frage, was der Herr im Himmel mit der Sache zu tun hat. Von „Prüfung Gottes“ ist bisweilen die Rede, oder auch von „Strafe“. „Warum? Gott! Warum?“ Andreas Malessa macht sich so seine Gedanken dazu und unternimmt einen Streifzug durch die Bibel.

Ja, sagt 1. Mose 22, 1: „Da versuchte Gott den Abraham und sprach: Nimm Isaak, Deinen einzigen Sohn, den Du lieb hast, und opfere ihn zum Brandopfer.“ Abraham fesselt sein Kind, legt es auf den Altar, setzt ihm das Messer an die Kehle, da ruft ein Engel Gottes: „Tue dem Knaben nichts, denn nun weiß ich, dass Du Gott fürchtest und hast Deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen“ (1. Mose 22, 12). Millionen gläubige Eltern, wenn sie ehrlich sind, müssten sich von dem sehr ungläubigen Atheisten Richard Dawkins verstanden fühlen („Der Gotteswahn“, Ullstein 2007), wenn er fragt, warum man so einem Wahnsinnigen vertrauen sollte. Dass zum Schluss nicht Isaak, sondern ein Widder geschlachtet wird, macht die Sache ja nicht besser, fand 1794 Philosoph Immanuel Kant. So ganz im Sinne von: April, April, war nur ein Test! Dankeschön, Kadavergehorsam erfolgreich bewiesen, Wiedersehen! Und Theologe Sören Kierkegaard fragte 1843: Braucht ein allwissender Gott grausame Feldversuche, um etwas herauszufinden?

Ändert Gott seine Meinung?

Schon der oder die Autoren und Empfänger des Hebräerbriefes, schon Paulus und die frühen Christen haben den Skandaltext aus dem 1. Buch Mose als „Voraushinweis“ auf den Gottessohn Jesus interpretiert. Dass eben nicht wir Menschenkinder, sondern das „Gotteslamm“ Jesus geopfert wurde. Was mindestens drei Fragen aufwirft. Erstens: Ist die Forderung „Kind schlachten!“ eine von Gott autorisierte zutreffende Selbstbeschreibung seines Wesens? Zweitens: Und falls ja, wie verträgt sich die mit der Charakterisierung, Gott sei „barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue“ (Psalm 86, 15), er sei „die Liebe“ selbst (1. Johannes 4, 8)? Und drittens: Hat sich Gott zwischen Abrahams und Jesu Lebenszeit geändert? Ketzerisch ist diese Frage keineswegs, denn in der Isaak-Geschichte heißt Gott zunächst „Elohim“ und ausgerechnet dann ab Vers 11 „Adonaj“. Der erste Name stammt aus dem kanaanäischen Polytheismus, der zweite ist ein sprechbarer Ersatz für „Jahwe“. Also für jene Selbstbezeichnung Gottes „Ich-bin-der-mit-Dir-Bleibende“, die Moses am brennenden Dornbusch hörte. Was Juden aber aus Respekt vor Gottes Heiligkeit nicht aussprechen, sondern „Adonaj“ sagen. Die menschliche Vorstellung und Redeweise, wer Gott ist und was er will, ändert sich innerhalb derselben Szene!

Legt Gott Wert auf Opfer?

Der Text selbst also ermöglicht ein Verständnis, das – verkürzt gesagt – so geht: Im gelobten Land Kanaan, in das die hebräischen Nomadensippen einsickern, leben unter anderem Phönizier und Ammoniter. Die verehren als höchsten Sicherheits- und Wohlstandsgaranten ihren Gott „Moloch“ und bringen ihm das jeweils erstgeborene Kind als Menschenopfer dar. Denn Moloch ernährt sich von Kinderblut und Elterntränen, sagen sie. Und wenn dann plötzlich in Kanaan Epidemien grassieren, wer ist dann schuld? Die Migranten natürlich! Diese zugezogenen religiösen Warmduscher mit ihrem unsichtbaren Gott, dessen Ge- und Verbote sie mit hunderterlei Anwendungsregeln relativieren und dem sie samstags ein paar Tauben oder Lämmer darbringen, aber für den sie nie existentiell bis zum Äußersten gehen. Liberale Luschen halt. Wie wehren sich die Neusiedler gegen diesen Vorwurf? Indem sie eine Geschichte erzählen, die zweierlei beweisen soll: Auch wir können loyal sein bis zum Kindermord. Aber: unser Gott will gar keine Menschenopfer! Ich weiß, das ist nur eine denkbare Option, diesen Text zu interpretieren, aber es ist eben auch eine. Und wir sollten uns von niemandem, zum Beispiel mit dem Hinweis auf die Bibeltreue, das Denken verbieten lassen.

Weiß denn Jesus nicht schon alles?

Stellt Gott den Menschen auf die Probe? Nein, sagt Psalm 139, 1 – 2 und 4: „Herr, Du erforschest mich und kennst mich; ich sitze oder stehe auf, so weißt Du es; Du verstehst meine Gedanken von ferne; es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass Du nicht alles wüsstest.“ Nein, sagt auch Johannes 2, 25: „Jesus hatte nicht nötig, dass ihm jemand Zeugnis gäbe vom Menschen, denn er wusste (selbst), was im Menschen war.“ Salopp gesprochen: Jesus kann Gedanken lesen. Auch heimliche Vorwürfe:
„Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie (die Schriftgelehrten) so dachten und sprach zu ihnen …“ (Markus 2 ,8) Aber ist Psalm 7, 10 nicht sprichwörtlich geworden „auf Herz und Nieren prüfen“? Stimmt. 

Prüfung? Strafe? Oder Verzicht auf Deutung?

Der Liederdichter und Pfarrer Paul Gerhardt (1607 – 1676) verlor infolge des 30-jährigen Krieges mit 12 die Mutter und mit 14 den Vater. Vier seiner fünf Kinder trug er selbst zu Grabe. Nach nur 13 Jahren Ehe starb seine Frau. Ein „leidgeprüfter“ Mann, sagen wir umgangssprachlich. Wer oder was prüft da? Das Leid selbst. 

Das einzige von ihm erhaltene Porträt hängt in der Kirche von Lübben im Spreewald, wo er starb. Der Hammer ist die Bildunterschrift: „Paul Gerhardt, in cribro satanae versatus“. „Erprobt im Sieb Satans“! „Versiert im Erleiden des Bösen“, müssten wir übersetzen. Der Schuldige steht fest. Keinen Schuldigen dagegen dingfest und haftbar machen zu können für unsere Schwäche, für Krankheit, Elend und Verlustschmerz – das ist unbefriedigend. Wir wollen und brauchen Ursachen, Plausibilität, etwas Nachvollziehbares. Lieber konstruieren wir uns was zurecht, als auf Deutungen zu verzichten. Wer ist schuld, dass es Corona gibt? „Wer hat gesündigt, dass der hier blind geboren wurde? Er oder seine Eltern?“ fragen die Jünger. „Weder noch“, antwortet Jesus. „Der ist blind, also zeigen wir ihm die Werke (der Barmherzigkeit) Gottes“ (Johannes 9, 1 – 3)!

„Keinen Schuldigen dingfest und haftbar machen zu können für unsere Schwäche, für Krankheit, Elend und Verlustschmerz – das ist unbefriedigend. Wir wollen und brauchen Ursachen, Plausibilität, eine nachvollziehbare Mechanik. Lieber konstruieren wir uns was zurecht, als auf Deutungen zu verzichten.“

Krankheit ist Strafe für Sünde: diese simple Mechanik, der sich die fragenden Jünger damals bemächtigten, brach sich zu Beginn der Corona-Krise einmal mehr auch bei uns Bahn. Da wurde auf evangelikalen Webseiten ein Bußgebet empfohlen, in dem es heißt: „Herr, in unserer Selbstsucht haben wir den Schutz des Lebens vernachlässigt; die Ehe zwischen Mann und Frau haben wir missachtet; wir bitten Dich um Vergebung und um Hilfe in unseren Nöten.“ Soll das heißen: Hätten wir abtreibungswillige Schwangere strafrechtlich schärfer verfolgt und den Schwulen verboten, einander das eheliche Treueversprechen zu geben – dann wäre Corona vielleicht gar nicht erst gekommen? Wir fromm es doch klingen kann, wenn man die Gnadenlosigkeit der Natur moralisiert, das Corona-Elend politisch instrumentalisiert und die Gnade Gottes in Jesus Christus ausblendet. Aber nur, weil es so klingt, ist es nicht unbedingt auch wahr. Die Annahme nämlich, dass Krankheit Strafe für Sünde ist, setzt Jesus selbst außer Kraft. Was passiert, als sich der miese Feigling Petrus und der enttäuschte verratene Jesus wiedersehen? Sie essen zusammen. Und beim Dessert fragt Jesus Petrus: „Hast Du mich lieb? Dann weide meine Lämmer“ (Johannes 21, 15)! So sieht Gnade aus: Der „Prüfungsversager“ wird nicht zur Sau gemacht und bestraft, sondern zum Hirten, zum Hüter, zum Seelsorger befördert.

Für mich, mitten in und nach der Corona-Krise, folgt daraus: Still sein und helfen, wo ich kann. Auf Deutung verzichten. Askese von frommer Besserwisserei oder gar moralischer Instrumentalisierung. Fasten und beten. Das ist anstrengend selbstbescheiden, ja. Aber ich glaube, es ist richtig.

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