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Ruhe, Rast und Rechenschaft

Essay

Was sind wir? Getriebene? Vom Alltag fest umschlossen und rastlos unterwegs, das Beste zu geben? Uns vor uns selbst und anderen ständig erklärend, warum wir tun, was wir tun, und vor allem, warum auch nicht? Egoshooter oder Alleskönner? Jürgen Schulz hat für uns einen Blick ins Buch der Bücher geworfen und erklärt, wie wir sicher durchs Leben navigieren können.

Deutschland kann Homeoffice. Auf einmal kann gefühlt jeder von zu Hause aus arbeiten. Homeoffice, Homeschooling und Hausarbeit. Deutschland kann Homeoffice? Die Stimmen zermürbter Eltern werden immer lauter. Am Ende des Tages fragen sich nicht nur Introvertierte: Und wo bleibe ich? Deutschland ist überfordert. Ach was: Die Welt ist überfordert. Diese Pandemie überfordert uns alle. Und diese Überforderung löst unweigerlich Schuldgefühle aus. Eltern fühlen sich schuldig, wenn sie die Kinder immer mit einem „Gleich, Schatz. Ich muss nur noch kurz diese E-Mail schreiben.“ vertrösten. Es ist niemals kurz. Das wissen Kinder und Eltern. Ehepaare fühlen sich schuldig, weil die Zeit zu zweit gerade viel zu kurz kommt. Sie reicht einfach nicht, um allem gerecht zu werden. Und sich dann noch Zeit für sich zu nehmen, das wäre doch egoistisch. Doch zwischen Egoismus und einer gesunden Selbstführung besteht ein wesentlicher Unterschied. 

Schwere Zeiten kosten Kraft

In Krisen werden unsere Motivation und unsere Werte einem Stresstest unterzogen. Die Umstände decken gnadenlos auf, was in uns steckt: Sind wir starke Persönlichkeiten mit einer gesunden Selbstführung? Oder sind wir nur auf unser eigenes Glück bedacht? Wer nur seine eigenen Bedürfnisse sieht, ist ein Egoist. Eine geistlich gesunde und reife Persönlichkeit hingegen verliert sowohl den Nächsten als auch die eigenen Grenzen nicht aus den Augen. Als Jesus die Nachricht vom Tod seines Cousins Johannes des Täufers erhielt, „fuhr er mit dem Boot in eine entfernte Gegend, denn er wollte allein sein“ (Matthäus 14, 13a). Jesus trauerte. Schwere Zeiten kosten viel Kraft und Zeit zur Aufarbeitung. Von Jesus lerne ich meisterlich, was zu einer gesunden Selbstführung gehört: Alleinsein, Zeiten der Stille, Gemeinschaft mit dem Vater, Gebet. Wenn Eltern sich zurzeit erdrückt fühlen, dann wahrscheinlich, weil sie auch tatsächlich von der Verantwortung erdrückt werden. Eine Pandemie nimmt keine Rücksicht auf die persönlichen Grenzen.

„Die Umstände decken gnadenlos auf, was in uns steckt: Sind wir starke Persönlichkeiten mit einer gesunden Selbstführung? Oder sind wir nur auf unser eigenes Glück bedacht?“

Jesus ging es ähnlich. „Aber die Menschen hatten erfahren, wohin er fuhr, und aus zahlreichen Dörfern folgten sie ihm über Land. Als er aus dem Boot stieg, erwartete ihn bereits eine große Menschenmenge“ (Matthäus 14, 13b – 14a). Durch eine gesunde Selbstführung hatte er die Kraft, die Not der Menschen zu sehen und gesundes Mitleid mit ihnen zu haben. Er heilte Kranke und speiste die 5000 (Matthäus 14, 14b – 21). Er half, ohne sich selbst zu überfordern. Es geht nicht um ein „Entweder – Oder“. Jesus hat sich sowohl um die Menschenmenge gesorgt als auch seine Ruhezeit genommen. Beides geht – nur nicht zeitgleich. „Sofort danach schickte Jesus seine Jünger zum Boot zurück und befahl ihnen, ans andere Ufer überzusetzen, während er die Menschen nach Hause entließ. Dann stieg er allein in die Berge hinauf, um dort zu beten. Als es dunkel wurde, war er immer noch allein dort oben“ (Matthäus 14, 22 – 23). 

Schwere Zeiten zeigen Grenzen

Jesus handelte entschieden. Am Ende des Tages schickte er alle fort. Jetzt brauchte er Stille und Gebet. Er ist ein Meister der gesunden Selbstführung. Besonders wer motiviert durch den Glauben lebt, braucht ein gutes Gespür für die eigenen Grenzen. In ehrenamtlichen Initiativen und im Gemeindedienst gibt es immer mehr Arbeit als Mitarbeiter. Das Gefühl der Überforderung, gefolgt von Einsamkeit, setzt da schnell einen Teufelskreis in Gang. Der Prophet Elia erlebte diese Abwärtsspirale. Gerade erst hatte er Gott in mächtiger Weise erlebt. Doch im nächsten Augenblick floh er verängstigt vor den Drohungen der Königin (1. Könige 18 – 19). Ausgebrannt suchte er Ruhe und Gott schenkte sie ihm. Und doch musste auch Elia sich letztlich Gottes Frage nach seinen Werten stellen. „Doch der Herr sprach zu ihm: »Was tust du hier, Elia?« Elia antwortete: »Ich habe dem Herrn, Gott, dem Allmächtigen, von ganzem Herzen gedient. Denn die Israeliten haben ihren Bund mit dir gebrochen, deine Altäre niedergerissen und deine Propheten getötet. Ich allein bin übriggeblieben und jetzt wollen sie auch mich umbringen«“ (1. Könige 19, 9 – 10). 

Elias hingegebenes Leben ist für uns Gläubige ein großes Vorbild. Sein Empfinden, ganz allein zu sein, zeugt aber von einer großen Unwucht in der Selbstführung, ohne dass er zum Egoisten wurde. Erst nach der Begegnung mit Gott, nach einer Neuausrichtung der Wahrnehmung an der Realität, fand Elia wieder zurück ins Gleichgewicht (1. Könige 19, 11 – 21). König David hingegen versündigte sich schwer – aus purem Egoismus. Er verweigerte sich der Pflicht, mit in die Schlacht zu reisen, nahm sich willkürlich eine Frau und tötete deren Ehemann (2. Samuel 11 – 12). Während Elia überfordert zusammenbrach, handelte David entgegen jeglicher frommen Moral. Die Folgen egoistischer Entscheidungen machtvoller Menschen sind schockierend. David hatte jede gesunde Selbstführung verloren. Erst das Schuldeingeständnis und die Umkehr brachten die notwendige Korrektur. Er übernahm Verantwortung für seine Entscheidungen und vertraute sich neu Gott an.

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Schwere Zeiten machen stark

Von Elia und David lerne ich: Eine intakte Beziehung zu Gott bildet eine notwendige Grundlage für eine gesunde Selbstführung nach christlichen Werten. Ebenso wichtig ist ein gutes Gleichgewicht von Arbeit und Auszeit. Unsere Werte – und damit auch unser Glaube – bestimmen aber, wie wir mit der Spannung des „Sowohl als auch“ umgehen. Je besser wir die Komplexität der konkurrierenden Sowohl-als-auch-Interessen organisieren, umso ausgeglichener gestaltet sich der Alltag. Dabei dürfen aber nicht alle Interessen den gleichen Stellenwert haben. Die Grenzen eines jeden sind im höchsten Grad individuell. Beeinflusst durch die Arbeits- und Wohnsituation, Gesundheit, Qualität der Beziehungen, besonders von Ehe und Familie, ergeben sich für jeden individuelle Möglichkeiten. Diese müssen wir immer wieder neu verhandeln. Die Grundbedürfnisse eines Menschen sind hingegen nicht verhandelbar. Vereinfacht ausgedrückt: Menschen müssen essen und schlafen, brauchen Bewegung und eine Arbeit. Doch hier hat die Überforderung schon eine ihrer Ursachen. Wir müssen uns ausreichend bewegen. Wie teuer und zeitintensiv der Sport aber ist, wird nicht vom Grundbedürfnis bestimmt. Egoismus handelt primär für das eigene Glück; eine geistlich gesunde Persönlichkeit setzt die Prioritäten den Umständen entsprechend richtig. Wenn der Sport zu einer negativen Belastung für die Familie, das Glaubensleben und die Finanzen wird, bestimmt der Egoismus und nicht eine ausgewogene Selbstführung. 

Zugegeben, eine Pandemie stellt eine einzigartige Herausforderung dar. Wir merken jetzt schmerzlich, wo wir uns und unsere Kinder überfordern. Zugleich werden wir aber auch von neu entdeckten Stärken und Möglichkeiten überrascht. Es bieten sich jetzt also auch gute Chancen: Nicht dem Verlust des Gewohnten nachzutrauern, sondern mutig Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Der starke Glaube, den wir dafür brauchen, entsteht aber erst dort, wo die Ruhe Priorität hat.

Magazin Sommer 2020