Das ist das Ende

Interview

Halt! Bevor Sie jetzt vorschnell denken, alles gehe den Bach runter: Diese Überschrift ist nur die erste Hälfte eines Zitats von Dietrich Bonhoeffer, mit dessen Denken sich Jürgen Werth in seinem neuen Buch intensiv auseinandersetzt. Weiter geht es so: „– für mich der Beginn des Lebens“. Wir wollten wissen, wie dieses Werk in diese Zeit passt und ob des alten Theologen Gedanken uns heute neu beflügeln können.

Jürgen, als du dieses Buch konzipiert hast, konntest du kaum ahnen, in welchem Zustand die Gesellschaft sein würde, wenn es erscheint. Hast du da Weitsicht bewiesen oder war es Vorsehung oder Zufall?
Jedenfalls nicht meine Weitsicht. Zufall? Ja, vielleicht im Sinne Einsteins: „Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will.“ Ich bin echt erstaunt, wie gut dieses Buch in die Zeit passt. Wir alle fühlen uns ja wie gefangen in diesen Tagen … Auch wenn es, rein kommerziell betrachtet, in einem ausgesprochen ungünstigen Zeitraum erschienen ist: Viele Buchläden sind noch geschlossen … 

Im Klappentext schreibst du: „Ein Austausch, der viel mitteilt: über das Leben, über die Welt und über Gott. Und mehr noch darüber, wie man lebt und überlebt, wenn das Leben ernst macht und man am Abgrund zu stehen meint.“ Hast du dich mit diesem Thema nur für deine Leser auseinandergesetzt oder denkst du da auch an eigene Abgründe?
Ich kann das ja gar nicht losgelöst von eigenen Erfahrungen und Befindlichkeiten tun. Im Leben geht alles gut, solange alles gut geht. Jeder von uns kennt die Momente, in denen überhaupt nichts mehr gutgegangen ist. Wo die Fragen größer sind als die Antworten, die Probleme gewaltiger als alle Lösungsmöglichkeiten. In den 90er Jahren wurde ich von einem Burnout aus dem Spiel genommen. Ich habe damals gelernt: So etwas passiert dir dann, wenn du merkst, dass deine Lebensstrategien, auch die Überlebensstrategien, nicht mehr greifen. Du kommst dir überrollt vor. Aber ich kenne auch andere Abgründe, klar. Als ich 14 war, fing mein Vater an zu trinken. Und mehr und mehr wurde ich zum Puffer zwischen meinen Eltern. Zu dem, der das Schlimmste zu verhindern versuchte. Das alles ist allerdings harmlos, wenn ich es mit der Lebenssituation von Dietrich Bonhoeffer vergleiche. Doch wer weiß, was mir noch blüht?! 

An einer Stelle schreibst du: „Oft ist ja unsere Vorstellung von der Wirklichkeit gruseliger als die Wirklichkeit selbst.“ Was meinst du damit?
Ich habe eine ausgesprochen blühende Fantasie. Ich kann mir immer alles vorstellen, auch das Schlimmste. Meist stelle ich danach fest, dass es bei weitem nicht so schlimm gekommen ist wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Tag vor der Prüfung ist für viele schlimmer als die Prüfung selbst. Die Angst vor der Diagnose des Arztes ist oft schlimmer als die eigentliche Diagnose, selbst wenn sie schlimm ausfällt. Mancher fühlt sich geradezu erleichtert: Jetzt weiß ich wenigstens, woran ich bin. Und man beginnt, sich einzurichten.

Verstehe. Lass uns über Kierkegaard reden, denn auch den zitierst du: „Im Morgen lebt der Heide, der, der vielleicht an Gott glaubt, der ihm aber im Grunde nicht traut und ihm nichts zutraut. Der Christ lebt im Heute. Er weiß: Der Gott, der gestern an meiner Seite war, wird auch morgen da sein.“ Ist das nicht ein Schlag ins Gesicht all derer, denen Vertrauen schwerfällt? Ich glaube, hilf meinem Unglauben?
Nein, kein Schlag, eher ein Streicheln der Seele. Ich ändere doch nichts durch meine Sorgen. Petrus rät dazu, sie auf Jesus zu werfen. Werfen, nicht legen. Also möglichst weit weg. Das ist echt anstrengend. Ich muss das vielleicht jede Stunde wiederholen. Und mache mir dabei jedes Mal neu klar, dass ja für mich gesorgt ist. In meiner Version von Luthers Morgensegen habe ich das so gesagt: „Du hast gesorgt, ich musste nicht sorgen. Du bist ein Gott, der’s nur gut mit mir meint.“ Aber, klar, das muss man sich immer neu vor Augen halten. Oder besser noch: Sich vor Augen halten lassen. Von einem anderen. Bonhoeffer sagt einmal, dass der Christus im anderen oft größer ist als der Christus im eigenen Herzen. Wir brauchen einander.

Bonhoeffer schrieb an Bethge, einen nahen Freund: „Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen.“ Das war, bevor auch in unserem Land viel Erweckung geschah. Du antwortest in deiner Fiktion: „Du postulierst ein religionsloses Christentum. Ich bin dabei!“ Hilf mir, Jürgen: Womit haben wir es hier zu tun? Mit Verfall oder Wachstum? Mit einem dringend nötigen „Aufwachen“? – Denn Bonhoeffer schrieb in seinem Brief an Bethge ja auch: „Auch diejenigen, die sich ehrlich als religiös bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise – sie meinen also vermutlich mit religiös etwas ganz anderes.“
Ja, manches ist dann doch anders gekommen ist, als er es damals vorausgesehen hat. Wenigstens in vielen Teilen der Welt. Wir hier in Westeuropa allerdings sind wie das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix. Säkularismus und Materialismus genießen hier auch in schweren Zeiten noch einen hohen Stellenwert. Daran haben leider auch manche geistliche Aufbrüche nichts verändert. Insofern ist seine Analyse richtig. Was ist denn „Religion“? Für mich ist sie der Versuch des Menschen, einen Weg zu einer höheren Instanz zu finden, ein möglichst gottgefälliges Leben zu führen und zu hoffen, dafür mit himmlischen Wohltaten belohnt zu werden. Zugegeben, auch im christlichen Glauben, so wie wir ihn heute vorfinden, gibt es viele solcher religiösen Elemente. Dabei geht es hier genau umgekehrt: Gott findet einen Weg zu den Menschen, ist bedingungslos gnädig. Das hat Luther neu entdeckt. Christsein heißt seitdem: Ich lebe eine Beziehung mit Gott. Und er lebt sie mit mir. Ich bin mit ihm unterwegs in dieser Welt. Unterwegs zu den Menschen. Zu den Frommen und den ganz und gar Unfrommen. Mit seiner Gnade und mit seiner Liebe im Gepäck. Ich liebe den Satz des indischen Theologen Daniel T. Niles: „Christen sind Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es etwas zu essen gibt.“

Bonhoeffer quält sich neben der Frage nach der Religion auch mit der nach Selbst- und Fremdwahrnehmung und meint am Ende: „Wer ich auch bin, DU kennst mich, dein bin ich, o Gott!“ Wie hilft seine gedankliche Auseinandersetzung der alleinerziehenden Mutter, der Friseurin, dem Verkäufer, dem Arbeiter, Beamten und Manager im Jahre 2020? Werden sie durch ihn eine Antwort finden?
Es beginnt damit, dass ich ehrlich bin; dass ich bereit bin, mich mir selbst zu stellen. Dazu brauche ich Zeit und Stille und manchmal einen weisen Menschen, der mir einfühlsam und trotzdem schonungslos den Spiegel vorhält. Ich brauche dazu auch die Begegnung mit Gott, mit seinem Wort. Für Luther etwa waren die Zehn Gebote ein Beichtspiegel, vor allem in der Radikalisierung, die Jesus in der Bergpredigt vornimmt. Ich entdecke, dass ich Gottes Ansprüchen einfach nicht genüge. Wenigstens nicht auf Dauer. Aber dann darf ich mir auch sagen lassen, dass ich unendlich geliebt bin. Von Gott – und hoffentlich auch immer wieder von Menschen. Danach sehnen wir uns doch alle, oder? Eigentlich reicht uns doch nicht, dass andere nur unsere „Hülle“ lieben und wir immer Angst haben müssen, dass sie eines Tages herausfinden, was da noch so alles in uns steckt. Gott liebt uns brutto. Und hoffentlich gibt es wenigstens einen Menschen in unserem Leben, der das auch tut.

Du traust dich nicht, schreibst du, die 3. Strophe des Liedes „Von guten Mächten“ mitzusingen – das ist abgrundtief ehrlich. Kann es sein, dass die Bedeutung dieses Liedes immer weiter zunimmt? Und dass wir heute, im Licht der internationalen politischen Lage, mehr denn je daran zu knabbern haben? Und kann es sein, dass wir ohne dieses Lied jämmerlich auf der Strecke blieben?
Ich entdecke in diesen besonderen Wochen ganz neu, wie privilegiert ich die 69 Jahre meines Lebens gelebt habe. Immer war alles da, was ich gebraucht habe. Ich konnte mich verlassen. Auf den Staat, die Kirche, das Gesundheitssystem. Ich konnte besuchen, wen auch immer ich besuchen wollte. Ich konnte fahren und fliegen, wohin auch immer ich fahren oder fliegen wollte. Und meinen Glauben durfte ich völlig unbehelligt leben. Und auf einmal kommt alles ins Rutschen. Doch was wir zurzeit so schockiert erleben, haben Generationen vor uns immer wieder erlebt. Ich habe die alten Choräle neu entdeckt – Bonhoeffer in seiner Zelle ja auch. Da geht es ständig auch um Entbehrungen, um Angst und Schmerzen und Tod. Aber immer geht es nie nur um die jetzige Zeit, es geht immer auch um die Ewigkeit. „Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende. Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht …“ Insofern sind solche Zeiten am Rande des Abgrunds auch gnädige Zeiten. Sie verweisen uns auf die Ewigkeit. Auch der schwere, bittere Kelch des Leids kommt aus seinen liebevollen Händen. Allerdings kann ich nicht einfach so versprechen, noch nicht, dass ich ihn dankbar und ohne Zittern entgegennehmen werde. Vielleicht hätte Bonhoeffer das vor seiner Inhaftierung auch nicht so sagen können. Wir bekommen diese Haltung wohl erst dann geschenkt, wenn wir sie nötig haben. Mutter Teresa hat das so ausgedrückt: „Wenn du nur noch Jesus hast, entdeckst du, dass du nur noch Jesus brauchst.“

Was muss noch kommen, damit der Mensch sensibel, wach und emphatisch in den Tag geht und sein Denken neu justiert?
Ich weiß es nicht. Die momentane Krise ist eine Chance, wie ja jede Krise eine Chance ist. Aber wir Menschen vergessen und verdrängen schnell. Nach dem Krieg waren die Kirchen voll, heute sind sie an vielen Orten leer. Vielleicht wären sie aktuell wieder ein bisschen voller – aber leider ist das ja wegen all der Beschränkungen zurzeit nicht möglich. Wir sollten nicht vergessen und am besten schon jetzt Entschlüsse fassen, an die wir uns danach erinnern. Entschlüsse zum Beispiel, wie wir künftig mit anderen Prioritäten leben wollen, persönlich und als Gesellschaft, einfacher und achtsamer. 

Doch ich will auch das noch sagen: Gott redet zuweilen lautstark durch Lebenskrisen oder Weltkrisen. Meist aber redet er leise, lockend und liebevoll. Paulus sagt: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Umkehr leitet?“ Güte, ja. Umkehr ist nötig. Nicht nur in Krisenzeiten. Zurück zu den Wurzeln. Zu Gott. Zu dem, was wirklich zählt und hält. Zurück zueinander. Und zu uns selbst. Neu herausfinden, was die Seele nährt. Und was ewig hält. Vielleicht können wir dann wie Bonhoeffer am Ende unseres Weges sagen. „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“

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