Tausend Sorten Birnen

Alltagstauglich

Bemerkenswert, was man alles wissen kann. Aber zugegeben, nicht alles ist tatsächlich nützliche Information. Man könnte auch drauf verzichten. Zum Beispiel auf den Fakt, wie viele verschiedene Sorten Birnen es gibt. Jedenfalls so lange, bis man mit einer gewissen Diakonisse zusammentrifft und begreift, warum dieser Fakt bedeutsamer ist, als man bisher dachte. Man muss nur drauf achten.

Kein Mensch lebt isoliert von anderen nur für sich selbst. Wir sind eingebunden in verschiedene Beziehungen und diese prägen uns enorm. Vorbilder haben einen gestaltenden Einfluss auf unser Leben, der sich multipliziert. Ob uns das bewusst ist oder nicht – meine Achtsamkeit im Blick auf meine Umwelt prägt mich. Und das gilt auch für mein Handeln oder nicht Handeln. Vielleicht zieht mein Leben keine großen Kreise, trotzdem berührt es andere und hinterlässt Spuren. 

Was immer vor dem Essen kommt

Ich denke dabei gerade an etwas, das ich von einer fröhlichen Diakonisse gelernt habe, deren freundliche Ausstrahlung und Achtsamkeit gegenüber Gottes vielen guten Gaben mich sehr beeindruckt hat. Ihre Verantwortung im Diakonissenhaus, in dem sie lebt und arbeitet, ist die Fürsorge für die Gäste. Mein Eindruck war, dass diese Aufgabe gleichzeitig auch ihr inniges Herzensanliegen war. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, dass es den Gästen gut geht und jede Mahlzeit zu einem Erlebnis wird. Zu diesem Zweck hatte sie etwas eingeführt: Bevor sich die versammelten Gäste über das reichhaltige Buffet hermachen konnten, sollten sie ganz bewusst wahrnehmen, was da eigentlich serviert wird. 

Sie spricht also das Dankgebet nicht, ehe sie einige Lebensmittel auf dem Tisch bis ins letzte Detail erklärt und beschrieben hat: die leuchtenden Farben der verschiedenen Paprikaschoten, die Birnen, die Kartoffeln, das selbstgemachte Müsli „Koinonia“ und vieles mehr. Während sie beispielsweise erzählt, dass Gott über tausend Sorten Birnen geschaffen hat und wir heute die Sorte X verzehren werden, greift sie behutsam zu einer dieser Birnen, führt sie an ihre Nase und schwärmt vom Duft, von der Farbe und vom einzigartigen Geschmack eben dieser Birne. Danach richtet sie unsere Augen auf die frischen, reifen Erdbeeren, die dem Gästehaus freundlicherweise von einem Bauern von der gegenüberliegenden Straßenseite geschenkt worden sind. Oder sie macht uns darauf aufmerksam, dass, bevor frische Brötchen im Korb liegen, viel Regen und Sonnenschein nötig ist, zusätzlich zu den Mineralien aus der Erde. Ohne all das würden die Zutaten nie gedeihen und wir sie heute nicht auf dem Tisch haben.

„Diese Achtsamkeit ehrt Gott, denn sie nimmt seine Schöpfung wahr und ehrt ihn als Urheber.“

Zum Schluss fesselt sie uns mit ihrer großen Dankbarkeit Gott gegenüber, dass er uns so viel Gutes und Schönes zum Kochen, Essen und Genießen zur Verfügung gestellt hat. Ihre achtsame Wahrnehmung von Lebensmitteln und wie man sie am besten zubereitet und isst, bringt mich zum Staunen. 

Das gute Gefühl, etwas gelernt zu haben

Sie nimmt sich genauso viel Zeit für die Achtsamkeit gegenüber Gottes Gaben wie für ihr begeisterndes Lob- und Dankgebet an Gott. Danach gibt es bei den Gästen an allen Tischen nur ein Gesprächsthema: Alle bekennen, dass diese Achtsamkeit beim Kochen und Essen bei ihnen schon lange in Vergessenheit geraten ist. Besonders dann, wenn sie gestresst sind. Alle sind sich einig. So wie diese Diakonisse das Essen einläutet, so wollen sie es demnächst auch tun: Erst achtsam wahrnehmen, was man alles vorbereitet, gekocht oder im Restaurant bestellt hat, und dann Gott dafür loben und danken. Sie wollen sich mehr Zeit für die Mahlzeiten nehmen und diese nicht länger so schnell oder nebenbei essen, und sie auch ohne Fernsehen, Radio oder Werbepost genießen. 

Diese Achtsamkeit ehrt Gott, denn sie nimmt seine Schöpfung wahr und ehrt ihn als Urheber. Dabei rückt auch Gottes Achtsamkeit in unser Blickfeld. Denn er nimmt jeden einzelnen von uns wahr und weiß um alle unsere Bedürfnisse. David formuliert das in Psalm 139 Vers 16 so: „Du hast mich gesehen, bevor ich geboren war. Jeder Tag meines Lebens war in deinem Buch geschrieben. Jeder Augenblick stand fest, noch bevor der erste Tag begann“.

Ich möchte mir das abschauen. Wahrzunehmen, sorgfältig und aufmerksam, was ich in, an und von Gott habe. Will es wertschätzen und darüber reden wie die Diakonisse, um so möglichst selbst Spuren im Alltag der Menschen zu hinterlassen, die um mich herum sind.

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