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Ich musste meine Hände öffnen

Persönlich

Ein englisches Sprichwort sagt: „When you hold grudges, your hands aren’t free to catch blessings“ – „Wenn du einen Groll gegen jemanden hegst, sind deine Hände nicht frei, um Segnungen aufzufangen.“ Matthias Müller wurde von Christen tief verletzt und macht sich Gedanken über die Macht der Vergebung.

Ich erinnere mich an eine Freizeit 1978: schon damals als Kind habe ich dort gelernt: wenn ich schuldig geworden bin, kann ich gleich, ja sofort, wieder zurück zu Jesus kommen. Ohne Warten. Dazu gehört zweierlei: mir selbst zu vergeben und auch Gott zu bitten, dass er mir meine Schuld abnimmt. Gott ist nicht „sauer“, wenn ich etwas verbocke, und braucht keine „Auszeit“. Er will nichts lieber, als mich zurück in seinen Armen haben! Und auch jetzt, 40 Jahre später, ist dies immer noch so wahr, so schwer zu praktizieren und doch so zentral. Wir Christen dürfen mit einer „heiteren Gelassenheit im Glauben“ immer wieder zurück zu unserem Vater, unserem Papa, kommen. Es freut ihn, wenn wir kommen! Da sind keine „Wartezeiten“ nötig, bis Gott sich wieder „beruhigt“ hat. Im Gegenteil, er mutet uns zu, dass wir mit Schuld, die zwischen uns, ihm und anderen steht, so bald wie möglich ins Reine kommen.

Wenn der Kinderglaube erwachsen werden muss

Das mag nachvollziehbar sein und klingen, wenn es um Individuen geht. Was aber, wenn das alles im Kontext einer Gemeinde oder eines christlichen Werkes passiert? Wenn einem genau da tief in der Seele wehgetan wurde, wo man eigentlich Zuflucht finden sollte? Manchem scheint da am Ende nur die Trennung in Frage zu kommen, so bedauerlich das auch ist. Ein heikler Punkt. Ich weiß. 

Ich für mich habe festgestellt, dass ich nicht alles „im Nachhinein weichspülen“ muss. Ich muss zunächst erkennen, anerkennen und zulassen, dass man mich tatsächlich verletzt hat, dass man mir Unrecht getan hat. Zumindest von meinem Blickwinkel aus gesehen. Dabei hilft mir insbesondere, noch einmal hinzusehen, wer bei dem, was vorgefallen ist, „erwachsen“ oder „kindisch“ gehandelt hat. Mich selbst eingeschlossen. Und unter welchen Umständen. Jetzt, nach Jahren und mit Abstand, kann ich manche krassen Lebenssituationen neu anschauen. Situationen, in denen ich mich endgültig von christlichen Arbeitgebern verabschiedet habe. Dabei erkenne ich: hier und da habe ich selbst das Kind gemimt. An anderen Stellen waren es die, die mir gegenüberstanden. Von manchen warte ich bis heute auf Antworten.

Diese Rückschau mit Abstand hat bei mir dazu geführt, dass ich meinen eigenen Anteil an Schuld und daraus resultierenden Brüchen besser anerkennen kann. Und das war und ist nötig, um mir – und dann auch anderen – vergeben zu können. Manchmal jedoch habe ich auch nach Jahren noch gedacht: ja, auch jetzt sieht es immer noch so aus, dass mir echtes Unrecht angetan wurde, und bis jetzt haben es die auf der anderen Seite nicht fertiggebracht, für ihr schuldhaftes Handeln einzustehen.

„Ich möchte mich dafür einsetzen, dass Vergebung möglich wird. Möchte Anteil an dem geben, was ich erlebt habe und möchte Vorbild sein. Dazu gehört dann wohl auch, dass ich selbst vergebe.“

Dennoch entschließe ich mich aber gerade in solchen Momenten, dabei nicht stehenzubleiben. Ich bin glaubensmäßig und menschlich erwachsener geworden, reifer, und ich werde weiter vorwärtsgehen.

Wenn der Glaube der Kinder erwachsen werden muss

Schlimmer aber, als mit dem Schmerz umzugehen, der mir zugefügt wurde, ist die Tatsache, dass auch meine Kinder verletzt wurden. Auch Gott muss das so gegangen sein, als Jesus auf der Erde war. Es hat sein Herz gebrochen, als Jesus litt. Am Ende ist es mir trotz aller Enttäuschungen letztlich aber sogar lieber, wenn meine Kinder zu einem realen Glauben finden. Ich meine damit einen Glauben, der auch durch Leid und Enttäuschung geprüft und gestärkt wurde. Auch, wenn´s weh tut.

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Und es tat weh. Mir zum Beispiel, als ich erkennen musste, dass das im christlichen Kontext Erlebte bei meinen Kindern dazu führte, dass sie zeitweise auf unterschiedlich große Distanz zu Gott gingen.

Ich möchte und muss jeden Tag weiter lernen, auf das Wesentliche zu achten, real zu sein und mich nicht hinter billigen Ausreden oder Standpunkten zu verstecken. Mir gefällt es an Jesus, dass er mittendrin war, wenn er mit Menschen sprach! Im Haus des Steuerhinterziehers und neben der Prostituierten schuf und lebte er bleibende Vergebung! Wie sehr möchte ich auch so real meinen Glauben leben. Ich möchte erwachsen sein, im Glauben gewachsen, aber auch im Real-sein wachsen. Das wünsche ich mir übrigens auch für uns kollektiv in unseren Gemeinden. Ich meine, das wäre so nötig, damit Menschen dem Evangelium Glauben schenken, damit sie sich trauen, Hilfe zu suchen, wenn sie welche brauchen, weil sie spüren, dass da jemand ist. Wie wunderbar wäre es doch, wenn wir uns in unseren Gemeinden dafür einsetzten, dass Verletzte geheilt werden. Das bezieht auch Christen mit ein, die von Christen verletzt wurden – was oft mehr weh tut als alles andere.

Ich möchte meine Hände öffnen

Kürzlich sagte jemand in unserer Gemeinde in London zu mir: „Wir brauchen da vorne mehr Menschen in ihren 40ern und 50ern“. Anfangs wusste ich nicht, was er damit meinte. Es ist doch klasse, dass sich viele junge Menschen einbringen. Erst später im Lauf des Gesprächs verstand ich es: Diejenigen unter uns, die langsam graue Haare an den Schläfen bekommen, sollten sichtbarer sein in der Gemeinde. Nicht, um die Jungen nicht ranzulassen. Wir sollten mit unserer Lebenserfahrung Zeichen setzen. Wir sollten Vorbilder sein und deutlich machen, dass Vergebung möglich ist und wir bereit sind, sie zu leben. Ich glaube, dass das sehr wegweisend sein würde. Und so heilsam, dass sich jemand nach Jahren der Verletzung wieder dem himmlischen Vater zuwenden und an ihn glauben kann.

Ich möchte mich dafür einsetzen, dass Vergebung möglich wird, möchte Anteil geben an dem, was ich erlebt habe, und möchte Vorbild sein. Dazu gehört dann wohl auch, dass ich selbst vergebe. So tief der Schmerz, die Frustration und Enttäuschung auch sitzt. Und sie sitzen tief. Manchen Menschen möchte ich heute noch nicht wieder begegnen. Damit muss ich umgehen lernen und weiter wachsen. Aber ich will eben auch nicht nur auf das schauen, was mir angetan wurde. Ich will nicht stehenbleiben. Ich muss immer wieder an das anfangs genannte englische Sprichwort denken: „When you hold grudges, your hands aren’t free to catch blessings“ – „Wenn Du einen Groll gegen jemanden hegst, sind Deine Hände nicht frei, um Segnungen aufzufangen“.

Magazin Frühling 2019