Hoppe, Hoppe, Reiter

Leitartikel

Was uns der Alltag über die Achtsamkeit zu lehren hat? Manchmal sogar ganz nebenbei und ohne große Absicht? Wann verschütteter Cappuccino zur Tragödie werden kann? Was ein alter Mann mit Hörgerät, ein Baby und zigfacher Missbrauch uns zu sagen haben? Was an Egoismus gut ist und ob Christoph Kolumbus tatsächlich Amerika entdeckt hat? Detlef Eigenbrodt über Achtsamkeit und bewusstes Leben.

Kürzlich hab' ich es endlich mal wieder geschafft. Ein Freund von mir wohnt zwar im Grunde recht in der Nähe, aber wir sehen uns trotzdem sehr selten. Und dann kamen gleich mehrere Faktoren zusammen. Ich hatte einen dienstlichen Termin nur knapp 15 Kilometer von seinem Ort entfernt, und meine Tochter hatte einige Tage bei ihm und seiner hochschwangeren Frau verbracht. Kind Nummer drei war im Kommen und die zwei, die schon da waren, freuten sich sehr darauf. So hab' ich also die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mich nach meinem Termin zu meinen Freunden aufgemacht. Um sie zu sehen, um meine Tochter abzuholen, um frisch gebackene Waffeln zu essen und leckeren Cappuccino zu trinken. Und um mit den Kindern zu spielen. Hammer! Rasant wie Raketen flitzen die hin und her, schlittern auf dem Parkett von einer Ecke in die andere und ich ertappe mich mehr als einmal dabei den Kopf einzuziehen und zu denken: autsch, das geht aber diesmal nicht gut. Aber es geht gut. Immer. Die zwei Wiesel nehmen jede Kurve meisterhaft und verunfallen nicht. Dann habe ich zuerst den älteren Sohn auf dem Schoß. Hoppe, hoppe Reiter. Jedes Mal, wenn es dem Ende des Spruchs entgegengeht, leuchten seine Augen hell auf und er kichert schon vorweg. Er weiß ja, was gleich kommt: „Wenn er fällt, dann schreit er.“ Wobei ich das Fallen natürlich verhindere. Er kippt zwar hintenüber, fällt aber nicht, weil ich ihn halte. Und lacht sich kaputt. Und dann nochmal. Und nochmal. Puh. Und immer haarscharf an der Tischkante vorbei. Sich rückwärts fallenlassende Kinder sind nicht steuerbar. Anspruchsvoll wird das Ganze allerdings erst, als die etwas jüngere Schwester auch will und einfach mal beherzt zu ihrem Bruder auf meinen Schoß klettert. Was mit einem Kind geht, muss doch auch mit zweien gehen. Was für eine wunderbare Familie, was für ein wunderbarer Nachmittag, was für eine wunderbare Möglichkeit, einfach mal an einem Nachmittag mitten in der Woche zur Kernarbeitszeit bei Freunden vorbeizuschauen. Das geht nicht inflationär oft, doch gerade deshalb hat es so einen hohen Wert für mich. Wenn dabei dann der Cappuccino mit seinem herrlich in Form gebrachten Milchschaum aus Versehen verschüttet wird, ist das zwar ärgerlich, aber keine Tragödie. Tragisch wäre, wenn ich seine liebevolle Zubereitung nicht beachtet, mich nicht dran gefreut und nicht dafür bedankt hätte.

Mit der Hand am Hinterkopf

Als ich später mit meiner Tochter auf dem Heimweg im Auto sitze, reden wir über dies und das, und mir will dabei ein Gedanke nicht aus dem Kopf gehen. Der nämlich, wie ich ständig in „hab-Acht-Stellung“ war, als die kleinen Menschen durch die Bude flitzten. Weil ich Schiss hatte, dass die sich dabei weh tun. Und weil ich meinte, ich sei irgendwie dafür verantwortlich oder mitverantwortlich, dass das nicht passiert. Weil ich größer bin, weil ich Gefahren besser einschätzen kann, weil ich sie beschützen wollte. Dieses Bild wurde mir zu einer möglichen Erklärung, was Achtsamkeit bedeuten könnte. Dass da nämlich einer, der die Möglichkeit hat, auf einen oder mehrere andere, die gerade das Leben genießen und wild unterwegs sind, achtet, ihnen hilft, den Spaß zu genießen und sich dafür zuständig weiß, mögliche Gefahren feinfühlig abzuwenden. Und sei es mit der schützenden Hand am Hinterkopf des Kindes, das beim hoppe, hoppe Reiter doch mal zu dicht an den Tisch kommt. Also mit einer Hand, die den Stoß abhält und den Schmerz selbst einsteckt.

Wenige Tage später haben wir nicht nur fast alle unsere Kinder und zwei ihrer Freunde, sondern auch einige Nachbarn zum Mittagessen am Tisch. Selbstgemachter Sauerbraten, Klöße, Rotkohl. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Der über 80-jährige weiter straßenabwärts alleinlebende Mann scheint seine Hörgeräte des allgemeinen Lärms wegen runtergeregelt zu haben und speist fröhlich vor sich hin. Er liebt diese Zusammenkünfte, die wir von Zeit zu Zeit haben. Liebt die Gemeinschaft und meine gute Hausmannskost, wie er immer wieder betont, und geht dann traurig und einsam in sein Haus zurück. Aber er kommt wieder. Und wir alle freuen uns darauf. Bei diesem Essen war auch die junge Familie von nebenan dabei. Die haben vor wenigen Monaten ihr erstes Baby bekommen und alle Frauen am Tisch schmelzen dahin. Mein jüngster Sohn, gerade 18 geworden, übrigens auch. Er hat dem Zwerg gleich mal eine Mütze und Handschuhe von Michael Jordan geschenkt und ist von dem Jungen ebenso hin und weg wie alle anderen. Mich eingeschlossen. Aber ich respektiere das Kindeswohl und habe fast Mitleid mit dem wirklich noch sehr kleinen Menschen. Alle wollen ihn halten, sich an ihn kuscheln, ihn herzen … Arghhh … und dann landet er bei mir im Arm wie in einem sicheren Hafen und ich achte darauf, dass er jetzt mal seine Ruhe hat. Ich bin nämlich auch ziemlich verknallt in ihn. Und kann mein Glück nicht fassen, als die nette Nachbarin fragt: „Det, kannst du nicht morgen ein paar Stunden auf ihn achten? Ich bring ihn dir um 10 Uhr rüber, okay?“ 

Und so geschah es. Mal schlummerte der Kleine gemütlich auf einer riesen Decke zu meinen Füßen im Büro und ich arbeitete. Mal meinte er, ich solle lieber weniger arbeiten und mich mehr um ihn kümmern, was ich gerne tat. Am Ende landeten wir beiden zusammen auf dem Sofa. Er schlafend auf meinem Schoß und ich mit einem Buch, das ich mir ohnehin noch für dieses Magazin anschauen musste. Wieder hatte ich ein Kind, auf das ich achten wollte. Nach dem ich schauen wollte, damit  es ihm gut geht, an nichts fehlt und ihm nichts passiert.

„Da sehe ich eine Nische der Gesellschaft, in der gelebte Achtsamkeit wohl noch Fuß fassen muss.“

Der Schmied des Glücks

Nun lässt sich das ganze komplexe Thema rund um die Achtsamkeit sicher nicht auf unsere Erfahrungen mit Kindern reduzieren. Aber vermutlich genau in diesen Erfahrungen lassen sich der Schlüssel und das Verständnis finden, um die es im Grunde geht. Einer achtet auf den Anderen. Und das wird allen besonders schnell und einleuchtend klar, weil Kinder Schutz und Zuwendung brauchen. Wir haben da so ein Gefälle: ein Kind ist klein, schwach und wehrlos, ein Erwachsener groß, stark und beschützt. So soll es sein. Leider fallen mir beim Schreiben dieser Sätze die vielen Fälle von Missbrauch ein, in denen Erwachsene ihren Schutzbefohlenen unglaubliches Leid angetan haben. Der Gedanke ist unerträglich! Und wurzelt als tiefe Verzweiflung im Menschen. Scheinbar gab es niemanden, der darauf geachtet hat, was da passierte, oder der Mut genug gehabt hätte, etwas dagegen zu unternehmen. Als Christ schäme ich mich zutiefst für diese zerstörerischen Übergriffe, besonders wenn sie von anderen Christen in Ausübung ihres Dienstes und Amtes verübt wurden. Weil man ihnen vertraut hat! Ich weiß. Dieses Thema hat viele Schichten und seine Dimensionen verhaken sich so trotzig, dass es keine einfachen Antworten gibt. Aber ich will welche! Weil man Kindern so etwas nicht antun darf! Unter keinen Umständen! Wenn ich hier das Verständnis für die Täter vermissen lasse, die ja manchmal selbst Opfer sind, dann ist mir klar, dass ich vermutlich an der einen oder anderen Stelle falsch liege. Aber ich bin schlicht wütend, wenn zerbrechliche Wesen zerbrochen werden und niemand darauf achtet! Da sehe ich eine Nische der Gesellschaft, in der gelebte Achtsamkeit wohl noch Fuß fassen muss. Leider ein ganz eigenes und unschönes Thema.

Achtsam sein hat viel damit zu tun, Verantwortung zu tragen. Und das fängt bei einem und für einen selbst an. In einem Appius Claudius Caecus, dem römischen Konsul der Jahre 307 und 296 v. Chr., zugeschriebenen Gedicht heißt es: „fabrum esse suae quemque fortunae“ – jeder sei der Schmied seines Glücks. Dieses noch heute viel benutzte Sprichwort nutzen manche als Stütze ihres egoistischen Individualismus. Sie machen einfach, was sie wollen und für richtig halten, und kümmern sich damit zunächst nur um sich selbst. Was übrigens auch eine Form von Achtsamkeit ist, und keine von vornherein abzulehnende. Wenn Jesus im Neuen Testament sagt „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dann lenkt er doch tatsächlich den Blick erstmal in eine bestimmte Richtung. Vermutlich kann ein Mensch keinen anderen lieben, wenn er sich selbst nicht liebt. Vermutlich können wir gar nicht solide und nachhaltig gesund auf die Bedürfnisse von anderen achten, wenn uns unsere eigenen unbekannt oder egal sind. Ich muss also in erster Linie Verantwortung für mich selbst übernehmen. Dafür, wie ich lebe und empfinde, womit ich meinen Kopf und mein Herz fülle, auf welchen Grundlagen ich Entscheidungen treffe. Diese Formen des Egoismus sind nicht nur erlaubt, sie sind sogar dringend geboten. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, dabei stehen zu bleiben. Aus der gesunden Achtung der eigenen Person und der Liebe zu sich selbst, dem uneingeschränkten „mit-sich-selbst-glücklich-und-zufrieden-sein“ wächst die Fähigkeit, anderen Menschen aufrichtig zu begegnen. Alles andere wäre der bloße Versuch einer Pflichterfüllung, die zum Scheitern verurteilt ist. Liebe Dich! Das sagt Jesus uns, bevor er fortfährt: und dann liebe auch deinen Nächsten.

„Dieses Bild wurde mir zu einer möglichen Erklärung, was Achtsamkeit bedeuten könnte. Dass da nämlich einer, der die Möglichkeit hat, auf einen oder mehrere andere, die gerade das Leben genießen und wild unterwegs sind, achtet, ihnen hilft, den Spaß zu genießen und sich dafür zuständig weiß, mögliche Gefahren feinfühlig abzuwenden.“

Kolumbus in Amerika?

Wenn wir nur nicht ständig schwarz und weiß malen würden. Das tun wir übrigens dann besonders gerne, wenn bestimmte Themen uns unangenehm sind oder wir uns gar nicht damit auseinander-setzen wollen. Immer dann schmettern wir die These unseres Gegenübers ab und kontern mit einem „Ja, aber!“ Und das nicht, weil wir es besser wüssten oder zur Diskussion etwas Wesentliches beizutragen hätten, sondern weil wir gar keine Lust haben, weiterzudenken. Für viele gibt es eben nur ein „Entweder – oder“. Und so leben sie ihr Leben. Entweder ich achte auf mich oder ich achte auf dich. Entweder es gibt Gott oder es gibt ihn nicht. Und da mir niemand beweisen kann, dass es ihn gibt, gibt’s ihn eben nicht. Entweder Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt oder eben nicht. Und da ich nicht dabei war, muss dieser Fakt in Frage gestellt werden. Schwarz oder weiß. Entweder - oder. Ganz einfach. Oder nicht? Leider eher oder nicht. Denn der Mensch ist inkonsequent. Die Kolumbus-Sache glaubt jeder, weil sie in Geschichtsbüchern steht, die über die Jahrhunderte hinweg von Zeitzeugen geschrieben wurden. An die Existenz Gottes und die Geschichte um seinen Sohn Jesus glauben viele nicht, obwohl sie von Zeitzeugen über Jahrtausende hinweg belegt worden sind. Nicht nur in der Bibel übrigens, sondern auch in Werken unabhängiger Geschichtsschreiber. Flavius Josephus, einer der wichtigsten Autoren des hellenistischen Judentums, lässt grüßen. Wir sind zurück bei der Frage nach Verantwortung. Wer nicht bereit ist, sie zu tragen, hat aufgehört, achtsam zu leben. Achtsamkeit ist eben kein Mittel der Selbstverwirklichung mit den eigenen Wünschen im Zentrum, sondern ein Sich-bereit-machen zum Dienst am Nächsten.

Kennen Sie die Geschichte des alten Schusters Martin? Die ist nach einer Novelle von Leo Tolstoi in einem wunderschönen Buch erzählt und handelt davon, dass ein alter Mann darauf wartet, dass Jesus ihn besuchen kommt. Während er also wartet und ständig auf die Straße schaut, damit er Jesus nicht verpasst, bemerkt er dort einen in klirrender Kälte arbeitenden Straßenkehrer und gibt ihm heißen Tee. Er bemerkt auch eine junge Mutter mit ihrem barfüßigen Kind. Er bittet auch sie in seine Stube und gibt ihnen etwas Warmes zu essen und Schuhe. Er war so sehr damit beschäftigt, auf die Menschen um sich herum zu achten und für sie zu sorgen, dass er am Ende des Tages meinte, Jesus verpasst zu haben. Hatte er aber nicht. Der war ihm nämlich längst in seinen Besuchern begegnet. 

So schließt sich der Kreis gelebter Achtsamkeit in einem bewussten Leben. Wir akzeptieren, dass positiver Egoismus uns zur Kraftquelle wird, einen Schritt weiter zu gehen. Zu denen hin, die es nötig haben, dass wir auf sie achten. Zu finden sind die direkt vor der Tür.

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