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Heute leben

Essay

Nur noch kurz die Welt retten? Avengers-Fan? Allzeit bereit, allen und überall unter die Arme zu greifen? Dann leiden Sie vielleicht am Atlas-Syndrom. Und fühlen sich wie die meisten Superhelden dabei unverwüstlich. Schade nur, dass das, was im Kino funktioniert, im Leben meistens in die Hose geht. Eva Dittmann nimmt uns mit auf einen Spaziergang nach New York.

Da steht er. Stoisch. Stark. Und stumm. Direkt vor dem Rockefeller Center. Der bronzene Atlas. Zur Erinnerung: In der griechischen Mythologie war Atlas ein Titan, der als Strafe für seine Niederlage von Zeus die beschwerliche Aufgabe erhielt, das Himmelsgewölbe am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt auf seinen Schultern zu tragen. Heute kennen wir diesen Mythos vor allen Dingen durch die eindrucksvollen Statuen dieses Titanen – zum Beispiel durch den Farnese-Atlas in Neapel oder eben den bronzenen am Rockefeller Center in New York. Als Sinnbild für absolute Stärke, stoisches Durchhaltevermögen und hingebungsvolle Leistungsfähigkeit dient er vielen als Vorbild und Inspiration im Blick auf ihre eigenen Lasten und Alltagskämpfe. Es scheint fast so, als wäre das „Atlas-Syndrom“ – Hauptsache, die Last der ganzen Welt auf den Schultern zu tragen – in unserer Gesellschaft zu einem Statussymbol geworden. 

Die Lasten, die wir tragen müssen

Neben all den Lasten, die zu unserem Leben unausweichlich dazugehören, tragen viele aber wahrscheinlich auch Dinge mit sich herum, die sie gar nicht tragen sollten. Wir beschweren uns mit Lasten, die uns nicht guttun; die uns umhertreiben und lähmen. Mit Dingen, für die wir gar nicht verantwortlich sind; für die wir nicht geschaffen wurden. Daher ist es sicherlich hilfreich, ab und zu mal ein kleines Lasteninventar zu machen und unnötigen Ballast abzuwerfen. Nur so können wir wirklich in der Fülle leben, die Gott für uns vorgesehen hat. Ein Bereich, in dem ein solches Inventar notwendig ist, ist unsere Lebenszeit. Denn unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bürden uns immer wieder Lasten auf, die uns die Kraft für ein Leben mit der Perspektive Ewigkeit nehmen. 

Die Lasten der Vergangenheit: Als Menschen, die in einer gefallenen Welt leben, werden wir häufig mit dem Thema Sünde konfrontiert. So beschäftigt uns zum einen unsere eigene Schuld. Wir machen uns Vorwürfe, stellen uns selbst infrage und tragen die langfristigen Konsequenzen unserer schlechten Entscheidungen. Zum anderen leiden wir unter der Schuld, die andere uns angetan haben. All die Verletzungen, die Scham und die Verantwortungslosigkeit machen uns wütend und bitter, sie prägen unsere Identität und hindern uns daran, ganz aufzublühen. 

Die Lasten der Gegenwart: Unser alltägliches Leben zeichnet sich heutzutage vor allem durch zwei verquere Phänomene aus. Einerseits sind wir getriebene Menschen. Getrieben von äußeren Umständen, die uns vorgeben, wie wir uns fühlen sollen. Getrieben von kulturellen Werten, die uns sagen, was uns gefallen soll. Und getrieben von den Erwartungen anderer, die uns vorschreiben, was wir zu tun haben. Andererseits sind wir abgelenkte Menschen. Abgelenkt durch all die Reize, die uns in den (sozialen) Medien, Werbeanzeigen und Entertainment-Möglichkeiten erreichen. Und abgelenkt von unserer letztendlichen Verantwortung für unser eigenes Herz, für die Menschen um uns herum und für die Welt als Ganzes. 

Die Lasten der Zukunft: Mit Blick auf das, was vor uns liegt, prägen uns in erster Linie unsere Sorgen. Sorgen des alltäglichen Lebens. Sorgen um anstehende Veränderungen oder Verluste. Oder Sorgen um mögliche Perspektiven. Darüber hinaus neigen viele von uns dazu, all unsere Hoffnung auf die nächste Lebensphase zu legen. Mit diesem „Wenn-Erst“-Modus nehmen wir jedoch den Wert, die Freude und die Bestimmung aus den Möglichkeiten der Gegenwart.

„So können wir aus der Gebrochenheit des Gestern lernen, im Heute durch den Geist geführte Entscheidungen treffen, damit wir im Morgen von ihm voll und ganz vereinnahmt und umgestaltet werden.“

Die Perspektive, die uns hilft zu überwinden

Zweifellos. Die Lasten der jeweiligen Zeit können erdrückend sein. Doch wer sie abwerfen will, kann sich nicht einfach von der Zeit lossagen. Schließlich gehört sie auch zur eigenen Geschichte dazu. Vielmehr geht es darum, konstruktiv, reflektiert und hoffnungsvoll mit ihr umzugehen und sie aus der Perspektive Ewigkeit zu betrachten und darin einzubetten. Diese Perspektive Ewigkeit überwindet die Lasten der Zeit durch drei wirksame Mächte, die uns auf Gott ausrichten: Erstens hilft uns diese Perspektive, die vielfältigen Geschenke Gottes wahrzunehmen. So erinnert sie uns zum einen an die entscheidenden Momente der Heilsge
schichte. Zum anderen verweist sie aber auch auf all die Gottesgeschenke in unserer eigenen Geschichte. Die Segensgaben der Vergangenheit – trotz aller Schwierigkeiten – die besonderen Momente der Gegenwart und die Verheißungen für die Zukunft. Zweitens hilft uns diese Perspektive, Jesus zu dienen und an seinem Reich zu bauen. Denn sie schenkt uns Klarheit über unsere Bestimmung im Hier und Jetzt und hilft uns dabei, für das Reich Gottes alles zu geben und aufzublühen. Sie gibt uns die Weisheit, unsere Vergangenheit nicht als „verkorkst“ abzustempeln, sondern sie im Licht der Geschichte Gottes zu sehen. Und sie rüstet uns mit Mut aus, um hoffnungsvoll in die Zukunft zu gehen und Großes zu wagen. Und drittens hilft uns diese Perspektive, durch das Wirken des Heiligen Geistes von innen heraus verändert zu werden. So können wir aus der Gebrochenheit des Gestern lernen, im Heute durch den Geist geführte Entscheidungen treffen, damit wir im Morgen von ihm voll und ganz vereinnahmt und umgestaltet werden.

Doch wie können wir uns diese Perspektive zu eigen machen? Wie können wir im Heute so leben, dass uns die Lasten der Zeit nicht unterdrücken? Folgende Rituale haben mir selbst in diesem Prozess geholfen:

  • Beichte und Vergebung: Es ist unglaublich befreiend, die eigene Schuld vor Gott, vor der verletzten Person und vor einer anderen Person zu bekennen und Vergebung zu empfangen. Ebenso ist es notwendig, dass wir den Menschen, die uns verletzt haben, vergeben. So können wir Frieden und Freude finden und Verantwortung für unser Heute übernehmen.
  • Dankbarkeitstagebuch: Dankbarkeit verändert unsere Perspektive. Sie richtet unseren Blick auf den Moment, der letztendlich ein Repräsentant der Ewigkeit ist. Und sie führt uns ins Gotteslob. Daher führe ich ein Tagebuch, um all die kleinen und großen Dinge zu notieren, für dich ich dankbar bin.
  • Berufungsinventar: Um im Reich Gottes aufblühen zu können, ist es notwendig, sich regelmäßig die Frage der Berufung zu stellen. Wie kann ich Gott in meiner konkreten Lebenssituation mit meinen Gaben, meiner Geschichte und meiner Leidenschaft am besten dienen?
  • Geistlicher Rückblick: Um sich nicht von den Sorgen des Lebens erdrücken zu lassen und auf Gottes Treue zu vertrauen, kann es hilfreich sein, an Gottes machtvollen Taten aus der Vergangenheit zu denken. Neben den Feiertagen, die uns an die Heilsgeschichte erinnern, gehe ich gerne zu meinen alten geistlichen Tagebüchern zurück, in denen ich meine Erfahrungen mit Gott niedergeschrieben habe.

Letztendlich erinnert uns die Perspektive Ewigkeit vor allem daran, dass wir nicht Atlas sind. Lassen Sie also den wahren Atlas die Atlas-Rolle übernehmen. Als Erinnerungsstütze im Alltag stellen Sie sich doch bewusst mit beiden Füßen auf den Boden und denken Sie daran: „Nicht ich trage diesen Tag. Ich werde getragen!“

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