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Er blickt nur einfach tiefer

Essay

Ein echter Hingucker. Als genau das beschreibt Markus in seinem Evangelium Jesus und findet dafür reichlich gute Beispiele. Wobei – sind die wirklich alle gut? Auf den ersten Blick kann man da schon mal dran zweifeln, auf den zweiten kommen einem dann Zweifel an der eigenen Verzweiflung. Am Ende geht’s tatsächlich ums Hinschauen, weiß Dr. Simone Flad. Sie meint: Jesus blickt tiefer.

Jesus sieht zwei Brüder, Simon und Andreas, Fischer am See Genezareth, die ihrer Arbeit nachgehen. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, überall am Ufer des Sees sind Fischer bei der Arbeit zu sehen. Wahrscheinlich sind die beiden auch nicht allein, sondern andere befinden sich direkt in ihrer Nähe. Aber Jesu Blick schweift nicht über sie hinweg, er übersieht die beiden nicht, sondern er beachtet sie und spricht sie an. Genauso wie etwas später, als er einem anderen Brüderpaar begegnet, das Netze flickt. Auch sie „sieht“ er inmitten der anderen Fischer und Arbeiter. Und auch die beiden ruft er dazu auf, sich ihm anzuschließen. Der alltägliche Anblick von arbeitenden Fischern hält Jesus nicht davon ab, mittendrin die einzelnen Personen zu sehen und sie anzusprechen.

Die Aufmerksamkeit in Person

Am Ende des ersten Kapitels lesen wir dann von Heilungen. Zuerst ist da die Schwiegermutter des Simon Petrus, der nun zu seinen Nachfolgern zählt. Sie ist krank und Jesus wendet sich ihr zu, fasst sie bei der Hand, richtet sie auf und das schlimme Fieber verlässt sie sofort. Jetzt könnte man denken, ok, die Schwiegermutter eines Mitarbeiters ist ja auch wichtig, ihr würde sich wohl jeder zuwenden. Aber die folgenden Geschichten zeigen, dass Jesu Aufmerksamkeit nicht auf bestimmte wichtige Personen beschränkt ist. Noch abends spät werden „viele“ zu ihm gebracht, die er heilt – ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheiten und Nöten. Und dann ist da dieser Aussätzige, der Jesus um Heilung bittet. Hier berichtet Markus ganz ausführlich, wie Jesus sich ihm zuwendet. Luther übersetzt „es jammerte ihn“, Jesus hat also tiefes Mitleid mit dem Mann – und heilt ihn. Aber nicht einfach so mit einem „sei geheilt“, wie in vielen anderen Situationen. Nein, vorher berührt Jesus den Aussätzigen! Was muss das für diesen Mann bedeuten! Als Aussätziger ist er es gewohnt, dass Menschen sich von ihm fernhalten, dass ihn nie jemand freiwillig berühren würde, da alle Angst vor Ansteckung haben. Vielleicht hat er schon Jahre lang keinen körperlichen Kontakt mehr zu Menschen gehabt, keine Umarmung oder ein liebevolles Berühren der Hand erlebt. Und nun steht Jesus vor ihm (dem Mann, der immer noch aussätzig ist) und streckt seine Hand aus und berührt ihn! Was für ein Schrecken – aber was für eine Wohltat für diesen kranken Mann! Und dann, zur Krönung sozusagen, heilt Jesus ihn auch noch. 

Was wir von ihm erwarten

Jesus nimmt nicht nur die unscheinbaren, arbeitenden Menschen wahr oder die, die in persönlicher Not sind, sondern er „sieht“ genauso die Sünder, die Ausgestoßenen, die, mit denen niemand was zu tun haben will. Im zweiten Kapitel vom Markusevangelium ist es Levi, der Zolleinnehmer, den Jesus sieht. Er ist ein Kollaborateur, der mit den römischen Besatzern zusammenarbeitet und sich so auf Kosten der anderen bereichern kann. Kein anständiger Jude, der was auf sich halten würde, würde mit ihm Kontakt aufnehmen, geschweige denn sich von ihm zu einem Essen einladen lassen. Aber Jesus achtet auf Levi mitten im Trubel seines Arbeitsplatzes, er spricht ihn an, lädt ihn ein ihm nachzufolgen und lässt sich auch von ihm bewirten! 

Mitten unter diesen vielen verschiedenen Geschichten, die zeigen, wie Jesus Menschen beachtet und sich ihnen in einer barmherzigen Weise zuwendet, stehen auch Verse, die diesem Bild zu widersprechen scheinen. Nach der Heilung der Schwiegermutter des Simon und vieler anderer in Kapernaum zieht sich Jesus frühmorgens zum Beten zurück. Seine Jünger suchen ihn und teilen ihm mit, dass noch viele andere seine Hilfe suchen. Man würde annehmen, Jesus stünde direkt auf und ginge zurück nach Kapernaum, um auch diesen Menschen zu helfen. Aber das tut er nicht! Er lässt diese Menschen scheinbar links liegen und geht mit seinen Jüngern an einen anderen Ort. Oder am Ende von Kapitel 3 erzählt uns Markus, dass Jesu Mutter Maria und seine Brüder und Schwestern ihn suchten und mit ihm reden wollten. Alles ganz normal und bestimmt ist es wichtig, dass sie ihn sprechen wollen, oder nicht? Aber Jesus reagiert nicht so, wie man es erwarten würde. Er lehnt praktisch eine spezielle Stellung seiner Familie ihm gegenüber ab und sagt, dass alle, die Gottes Willen tun, seine Mutter und seine Geschwister sind. Das ist großartig für uns, die wir so zu seiner Familie gehören können – aber für Maria und seine Brüder und Schwestern? Fühlen sie sich nicht abgelehnt? Man kann es sich jedenfalls vorstellen. Also achtet Jesus nur auf bestimmte Menschen und missachtet andere? 

Jetzt geht er aber echt zu weit

Auch in der Begegnung mit dem Gelähmten (Luther nennt ihn den Gichtbrüchigen) am Anfang von Markus 2 reagiert Jesus nicht so, wie wir es erwarten würden und wie die Menschen um ihn herum es von ihm erwartet haben. Da ist Jesus in diesem Haus, das aus allen Nähten platzt. Überall stehen Menschen, die diesen besonderen Mann reden hören wollen, die ihn einmal aus der Nähe erleben wollen. Es gibt kein Durchdringen für die vier Männer, die ihren gelähmten Freund zu Jesus bringen wollen. Keine Chance, alles dicht. Ihre geniale Idee ist, es von oben zu versuchen – durch das Dach zu Jesus vorzudringen. Und das klappt! Direkt vor Jesu Füßen wird der Gelähmte abgeseilt. Jesus wendet sich den aufdringlichen Besuchern zu. Er könnte ja auch ärgerlich über diese ungehobelte Unterbrechung seiner Predigt sein. Aber so kennen wir Jesus schon von vielen anderen Situationen: die Menschen sind ihm wichtig, er wendet sich ihnen zu. Markus berichtet uns ganz konkret, dass Jesus den Glauben der Männer wahrnimmt – das schließt die vier Männer auf dem Dach ein. Auch sie werden von Jesus nicht übersehen – obwohl ihnen selbst der gelähmte Freund in diesem Moment bestimmt wichtiger ist. Jesus sieht ihren Glauben, ihr Vertrauen in ihn. Daraufhin beugt sich Jesus zu dem Gelähmten und spricht ihn an „mein Sohn“. Bis hierhin ist alles so, wie die Männer es sich erhofft hatten. Aber dann kommt etwas, das sie nicht erwartet haben. Jesus sagt nicht „was willst du, was ich dir tun soll“ oder „steh auf, sei geheilt“, sondern „deine Sünden sind dir vergeben“. Das irritiert – die Menschen damals und auch uns. Man könnte das als das genaue Gegenteil von Achtsamkeit bewerten. Jesus ignoriert das große Bedürfnis dieses Mannes. Er reagiert nicht auf die offensichtliche Not dieses Menschen, die doch für jeden anderen so ganz deutlich heraussticht. Er ist gelähmt! Also ist seine Hoffnung, dass Jesus ihn heilt, das ist doch ganz klar – für alle, außer für Jesus!?

„Jesus blickt tiefer – er sieht die Menschen und ihr Herz. Er sieht alle ihre Nöte. Die innere, die sie vielleicht selber gar nicht so genau kennen, wie auch die Fragen und Zweifel, die kein Mensch sonst kennt. Das nenne ich tatsächlich achtsam.“

Jesus ignoriert die Not des Mannes allerdings nicht – er blickt nur tiefer. Aus seiner Sicht ist das noch größere Problem, das der Mann mit sich herumschleppt, dass er in keiner Gemeinschaft mit Gott lebt. Er ist Sünder und damit von Gott getrennt. Jesus ist achtsamer als alle Menschen um ihn herum zusammen. Er blickt unter die Oberfläche, er sieht das Herz, er weiß um alle Nöte – äußere wie innere. Und er nimmt sich ihrer an. Er spricht dem Mann zu, dass seine Sünden vergeben sind. Etwas später kümmert er sich auch noch um die körperliche Not des Mannes und befielt ihm aufzustehen, seine Matratze zu nehmen und nach Hause zu gehen. Er heilt ihn. 

Der sieht einfach alles

In dieser Begegnung wird zusätzlich deutlich, dass Jesus auch die wahrnimmt, die sich gegen ihn stellen: Es sind einige Schriftgelehrte mit dabei, die ihrem Titel alle Ehre machen. Wirklich! Sie kennen sich in den Heiligen Schriften aus. Sünden vergeben will dieser Jesus – das ist Gotteslästerung, das kann nur Gott! Das ist ihr schnelles – und richtiges! – Urteil über das, was Jesus da zuerst zu dem Gelähmten sagt. Jesus sieht in ihre Herzen, er weiß, was sie denken, wie sie ihn verurteilen. Das Interessante daran ist, dass er sie nicht bloßstellt oder verurteilt. Er bestätigt ihr Urteil. Nur Gott kann Sünden vergeben! Ja, das stimmt! Mit seinen Worten und seinem Handeln zeigt Jesus ihnen, dass er außer zur Vergebung von Sünden auch noch die göttliche Macht hat, den Mann zu heilen. Er hat die Autorität dazu!

Jesus blickt tiefer – er sieht die Menschen und ihr Herz. Er sieht alle ihre Nöte. Die innere, die sie vielleicht selber gar nicht so genau kennen, wie auch die Fragen und Zweifel, die kein Mensch sonst kennt. Diese Eigenschaft Jesu zeigt sich an sehr vielen Stellen in den Evangelien. Es geschieht ziemlich oft, dass Jesus scheinbar Fragen ignoriert oder Bitten nicht oder ganz anders beantwortet. Aber er tut es nicht, weil er die Menschen nicht beachtet oder ihre Fragen ihm nicht wichtig sind. Nein, er blickt tiefer. Er sieht was sich hinter der Fassade verbirgt, was im Herzen vorgeht, welche Motive oder Einstellungen einen Menschen antreiben, was gerade wirklich wichtig ist. Darauf achtet er. Darauf reagiert er. Auch heute noch! Das nenne ich tatsächlich achtsam. Im wohl umfassendsten Sinn des Wortes.

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