Ein kleines Stückchen Schokolade

Plädoyer

Was hat Achtsamkeit mit persönlichen Werten zu tun? Wie entdeckt man seine persönlichen Nischen, erweitert seine Horizonte, kümmert sich um wirklich Wesentliches? Um dann tatsächlich achtsam zu leben? Verena Birchler hat sich darüber Gedanken gemacht.

Es gibt Begriffe, die sind fast verschwunden. „Achtsamkeit“ gehörte bis vor einigen Jahren zu dieser Sammlung. Irgendjemand entdeckte dieses Wort dann wieder und brachte es zurück in die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Und plötzlich wurde aus diesem vergessenen Wort ein Trendwort. Ein neuer Hype war geboren und nimmt seinen Lauf. Noch immer schießen Achtsamkeitsseminare aus dem Boden wie das Unkraut im Garten. Die ersten Kritiken am „Achtsamkeits-Wahn“ werden laut, einzelne reden schon vom „Unwort“ Achtsamkeit. 

Weit mehr als eine Zeiterscheinung

Schade eigentlich. Aber so ist das mit den Hypes. Irgendwann übertreibt man es damit, und das Schöne, das Wichtige dahinter geht wieder verloren. Für mich ist ein achtsamer Lebensstil wichtig, da er Auswirkungen auf unendlich viele Bereiche hat. Achtsam zu leben beginnt oft in kleinen Schritten. Vor einigen Jahren wurde mir bewusst, wie sehr mich negative, sorgenvolle Gedanken während des Tages, vor dem Einschlafen und beim Aufwachen dominierten. Diese Gedanken hatten oft mit Konflikten zu tun, mit Konflikten am Arbeitsplatz, mit einzelnen Freunden oder mit mir selbst. Jedenfalls waren diese Gedanken so intensiv, dass ich besser darauf achten wollte wie ich mit ihnen umgehe. Mir war klar, dass ich etwas ändern musste, wenn ich mein Hirn, meine Seele und meinen Verstand nicht überlasten wollte. Ich entschloss mich, dass mein erster und mein letzter Gedanke morgens und abends Gott gehören sollte. Keine Ahnung, ob das schon unter die Rubrik „achtsam leben“ fiel, oder ob es sich einfach um eine Überlebensstrategie handelte. Natürlich versagte ich bei der Umsetzung immer wieder. Aber manchmal gelang sie mir auch. Es machte mich dankbar, wenn ich beim Erwachen zuerst mit Gott in Kontakt war. Und am Abend schlief ich oft mitten im Gebet ein. In dieser Zeit spürte ich, dass ich viel mehr Wert auf die Rahmenbedingungen meines Lebens legen musste. Also legte ich mir einen Kompass zu. Keinen wirklichen, sondern einen, der mir hilft, besser auf mein Leben zu achten. Achtsamkeit war mir als „Modewort“ zu ungenau. Es hatte zu viel mit mir allein zu tun und zu wenig mit dem ganzen Leben. Mit der Gesellschaft, mit politischen Entwicklungen, mit den ganzen Umweltdiskussionen, mit Freunden, mit der Kirche, mit meinem gesamten sozialen Umfeld. Ich wollte einen Aspekt besonders anschauen; meine persönlichen Werte. Vergeht doch kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht in irgendeiner Form über die westlichen Werte geredet, geschrieben oder in einem Polittalk diskutiert wird. Meistens begleitet vom Aufruf, sich wieder an christlichen Werten zu orientieren.

Lässt der Wert sich wirklich leben?

Aber leider ist es mit den Werten gar nicht so einfach. In einer Umfrage auf Facebook wollte ich erfahren, welche drei Werte denn für das eigene Leben bestimmend sind. Mehr durften die Befragten nicht hinschreiben. Selbstverständlich haben sich nicht alle an diese Vorgabe gehalten. Aber egal, jedenfalls kamen ganz viele Werte zusammen: Genaugenommen 61. Die Hitliste wurde angeführt von Liebe, Vertrauen und Dankbarkeit. Bei genauerer Betrachtung keine einfachen Werte.

Selbstverständlich wurden auch die „biblische Werte-Trilogie“ Glaube, Liebe, Hoffnung genannt. Sind das eigentlich Werte? Oder doch eher Auswirkungen des bereits erwähnten Vertrauens? Sie merken schon, wenn es um Werte geht, kann es durchaus philosophisch werden. Wenn es dann noch um persönliche Werte geht, die wir achtsam einhalten möchten, wird es anspruchsvoll. Vielleicht hilft ein einfacher Test um herauszufinden, ob wir einen philosophischen Wert auch im Leben nachvollziehen können. Wird das Substantiv zum Verb? Wenn nicht, hat es keinen Wert: Der Glaube – glaubwürdig leben, glaubend leben. Die Liebe – liebevoll leben, liebend leben. Die Hoffnung – hoffend und visionär die Zukunft gestalten.

Testen Sie einfach mal Ihre drei Lieblingswerte dahingehend, ob sie in kurzen Worten erklärbar sind. Denn bezeichnenderweise hat einer der Befragten geschrieben: „Alle, die hier rasch ihre Werte hinschreiben, haben gar nicht richtig reflektiert. Das sind nichts anderes als Standardantworten, nichts als Worthülsen.“ Wenn Werte wirklich unser Leben beeinflussen und prägen sollen, dann finden wir Beispiele, in denen sie getragen haben. Darauf sollten wir achten. Ein achtsamer Umgang mit unseren Werten macht das Leben unglaublich reich und bewirkt mehr als die vielen Achtsamkeitsübungen, die in jeder Entspannungsbibel zu finden sind. Zum Beispiel fand ich die Werte „verantwortlich leben“, „respektvoll besitzen“ und „fürsorglich teilen“ in der folgenden, wahren Geschichte:

Was damals niemand achtsam nannte

Francine Christophe wuchs in einer säkularen jüdischen Familie in Paris auf und war bei Kriegsbeginn sechs Jahre alt. Wie viele andere, geriet sie zusammen mit ihrer Mutter in Gefangenschaft und wurde 1944 ins „Austauschlager“ Bergen-Belsen deportiert. Noch Anfang April 1945 wurden sie in Richtung Theresienstadt transportiert und am 23. April bei Tröbitz befreit. Als Jugendliche hielt Francine Christophe ihre Erinnerungen in Notizen und Skizzen fest. Dazu gehört auch die Geschichte mit der Schokolade. Als Francine mit ihrer Mutter deportiert wurde, gelang es der Mutter, ein wenig Schokolade zu verstecken. Die Mutter gab sie dem Mädchen und meinte: „Die heben wir auf für einen Moment, wo du sie dringend brauchst.“ Die kleine Francine war damit einverstanden. Einige Wochen später erlebten sie gemeinsam, wie eine Insassin ein kleines Mädchen gebar. Danach war diese Frau völlig kraftlos. Die Mutter von Francine ging anschließend zu ihrer Tochter und meinte: „Jetzt wäre vielleicht der Moment, wo das Stück Schokolade dringend gebraucht wird. Bist du damit einverstanden, dass wir diese Schokolade dieser Frau geben?“ 
Francine war einverstanden, und so bekam die entkräftete junge Mutter wenigstens für einen Moment eine kleine, unerwartete Stärkung. Die Zeit verging, und aus Francine wurde eine erwachsene Frau, die Psychologie studierte. Viele Jahrzehnte später hatte sie den Wunsch, einen Kongress für Psychologen zum Thema „2. Weltkrieg“ zu organisieren. Viele Fachleute folgten der Einladung. Eine der Referentinnen begann ihre Rede, indem sie ein mitgebrachtes Stück Schokolade an Francine Christophe übergab. Dazu sagte sie: „Ich bin dieses Baby, das im KZ zur Welt kam.“ 

Die Werte „verantwortlich leben“, „respektvoll besitzen“ und „fürsorglich teilen“ hatten Spuren und Erinnerungen hinterlassen, die 70 Jahre später bei diesem Kongress zeigten, wieviel ein kleines Stück Schokolade bewirken kann. Ich liebe diese Geschichte, in der drei Mal achtsam gehandelt wurde. Mutter und Tochter verabredeten achtsam, wann sie diese Schokolade essen wollten. Beide waren achtsam gegenüber der gebärenden Mutter und handelten zu ihren Gunsten. Und „das Baby“ war achtsam genug, dieses Handeln Jahrzehnte später zu erwähnen. Das ist für mich gelebte Achtsamkeit, bei der der Fokus von mir weg auf meinen Nächsten geht. 

Nichts bleibt unangefochten

Doch Werte können auch verloren gehen. Der ehemalige deutsche Fußballer Uli Hoeness lebte auf Erfolgskurs. Als Sportler erhielt er mehrere Ehrungen. Später wurde er „Unternehmer des Jahres“, erhielt den Bambi in der Kategorie „Wirtschaft“. 2010 bekam er den Zivilcourage-Preis der Stiftung „Bündnis für Kinder“ und 2011 folgte der Ehrenpreis der Hamburger Sportgala für sein Lebenswerk und insbesondere für seinen Einsatz bei der Rettung des FC St. Pauli. Selbstverständlich erhielt er als erfolgreicher Präsident des FC Bayern München auch den „Bayerischen Verdienstorden“. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und er war beliebt. Bei den Vereinsmitgliedern wie bei den Fußballern.

„Ein achtsamer Umgang mit unseren Werten macht das Leben unglaublich reich und bewirkt mehr als die vielen Achtsamkeitsübungen, die in jeder Entspannungsbibel zu finden sind.“

Ein bayrischer Nationalheld. Viele Geschichten erzählen davon, wie er sich persönlich und sehr engagiert um Menschen aus der Fußballwelt kümmerte, wenn es ihnen schlecht ging. Er war einer mit hohen Werten. Und dementsprechend lebte er auch. Bis im Hintergrund die Gier und die Spielsucht sein Leben zerstörten. Aktien, Börsen, Wertpapiere – das war die Welt, die stärker war als Hoeness’ bisherige Werte. In der Folge kam es zur Steuerhinterziehung, zur Anklage, zur Verurteilung. Die Börsensucht hat ihn in diese Katastrophe getrieben. Es steht niemandem zu, Hoeness zu verurteilen. Das haben die Richter getan. Er hat seine Steuerschulden beglichen, hat seine Gefängnisstrafe abgesessen und amtet heute als neuer, alter Präsident des FC Bayern München wieder in der Führungsetage. Die Geschichten um Uli Hoeness zeigen, dass die eigenen Werte immer wieder überdacht und gepflegt werden müssen.

Vielleicht braucht man dazu auch mal Hilfe. Ein erfolgreicher Wirtschaftsmann hat mir einmal erzählt, wie er mit all diesen Versuchungen „nach mehr“ umgegangen ist: „Ich habe mich ein für alle Mal dafür entschieden, nie zu tricksen oder im Graubereich zu agieren. Denn sobald ich mir überlegen muss, ob mein Handeln legal ist, bin ich schon in einer Zone, die meine Werte zerstört. Wer sich solche Fragen stellt, ist meistens schon auf der Spur des Scheiterns. Und dieses Handeln würde mich auch von Gott wegtreiben. Dieser Entscheid hat mir viel Freiheit gegeben, weil ich mir über Vieles keine Gedanken machen muss.“

Eine zielführende Auseinandersetzung

Auch Jesus sprach über Werte, immer und immer wieder. Wenn wir uns mit den sogenannten christlichen Werten auseinandersetzen möchten, kommen wir an der Bergpredigt nicht vorbei. Das sozialpolitische Vermächtnis aus dem Matthäus-Evangelium (Kapitel 5 – 7) hat gesellschaftsrelevantes Potential. Damit meine ich nicht nur die Seligpreisungen, sondern viel mehr. Die Verse in Matthäus 5,13 – 16 reden darüber, verantwortlich und achtsam zu leben. „Licht und Salz“ zu sein in unserer Gesellschaft. Die Verse 5,21 – 22 im gleichen Kapitel machen das verbale Mobbing zum Thema: Achtsam sein im Umgang mit dem Nächsten in Konfliktzeiten. Und im Kapitel 7, Vers 12, werden wir aufgefordert, wertschätzend zu leben. Die Bergpredigt ist voller Werte, denen achtsam nachzuleben nicht einfach ist. Aber sich damit auseinanderzusetzen, könnte ein Anfang sein. Und manchmal führen die eigenen Werte auch zu Konsequenzen.

Egal, in welcher Lebensphase man sich befindet, die Auseinandersetzung mit Werten lohnt sich. Angenommen, Sie dürften nur noch 20 Dinge besitzen, welche wären das? Gehen Sie ruhig mal durch Ihre Wohnung, Ihr Haus, Ihren Besitz und wählen Sie. Das wird schon ziemlich schwierig. Jetzt folgt der zweite Schritt. Welche Werte dokumentieren Ihre Wahl? Bei mir wäre sicher das iPad dabei. Denn auf diesem Gerät habe ich tausende Erinnerungsfotos, die mir wichtig sind. Da geht es um Menschen, um Geschichten, um Erlebnisse, die mich reich beschenkt haben. Der Wert dahinter ist Dankbarkeit. Und jetzt kommt die nächste Übung, die hilft, die eigenen Werte zu entdecken. Wählen Sie aus der nebenstehenden Werteliste ruhig mal jene Werte aus, die Ihnen nicht so wichtig sind. Machen Sie das, bis nur noch etwa zehn übrig sind. Überlegen Sie sich, was diese Werte mit Ihrem Leben zu tun haben. Welche Menschen und Geschichten stehen dahinter? Und nun versuchen Sie, daraus eine persönliche Wertepyramide zu gestalten. Wenn Sie Ihre ganze Achtsamkeit auf diese Werte richten, können Sie viel Energie für alle Lebensbereiche freimachen. Denn mit klaren Werten fallen Entscheidungen leichter. Ansonsten wird nur hin und her überlegt und mit mancher Entscheidung gehadert. Die Werte in meinem Leben sind mein Kompass, der mich richtig durchs Leben führt. Und letztlich auch näher zu Gott.

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