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Am Rande des Roten Meeres

Essay

Menschen reden von Zeit zu Zeit darüber, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu wollen. Was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag. Dr. Christian Brenner hat sich Gedanken darüber gemacht und erinnert sich dabei an eine Schlüsselerfahrung. Das Wesentliche aber geht ihm am Rand des Roten Meeres auf.

Auch wenn sie inzwischen einige Jahrzehnte zurückliegen, so erinnere ich mich noch gut an meine ersten Fahrversuche auf dem Fahrrad: Sie waren eine ziemlich wackelige Angelegenheit, und erst als ich ein bisschen Geschwindigkeit aufgenommen hatte, wackelte das Rad nicht mehr ganz so gefährlich und ich legte die ersten Meter zurück. Doch das reichte nicht aus, um fahren zu können. Bremsen will ebenso gelernt sein. Und hinzu kommen die ganzen Verkehrsregeln, die einen selbst und andere vor Unfällen bewahren sowie zu einer geordneten Teilnahme am Verkehr verhelfen. Eines der vermutlich wichtigsten Schilder sollte jeder kennen. Dabei handelt es sich um ein rotes Dreieck, in dem sich ein Ausrufungszeichen befindet: Achtung. Gefahrenstelle voraus! Es kommt immer dann zum Einsatz, wenn Situationen besonders brenzlig werden können. So soll es dazu beitragen, dass die Verkehrsteilnehmer mit besonderer Vorsicht und reduzierter Geschwindigkeit in die Gefahrenzone hineinfahren – einfach, damit nichts passiert. Denn wer sich mit erhöhter Achtsamkeit in eine solche Situation begibt, reagiert aufmerksamer und ist auf eventuell notwendige Ausweichmanöver vorbereitet. Dadurch kommt ein Doppeltes zum Tragen: Wer sich so verhält, gibt mehr auf die anderen Acht und auf sich selbst. So kommt es nicht so schnell zu einem Unfall, was für alle gut ist. Denn zu einem Unfall gehören meist mehrere Beteiligte, die nachher mit den Folgen zu kämpfen haben. 

Warnschild im Alltag

Schade, dass es solche Schilder nicht im „ganz normalen Alltag“ gibt. Zum Beispiel, wenn ich meine Termine plane. Es wäre doch genial, wenn immer dann, wenn ich in der Gefahr stehe, mir die Tage zu voll zu packen, ein entsprechendes Schild aufleuchten würde: „Achtung Gefahrenstelle: Kalender wird zu voll!“ Denn unter der Fülle an Terminen leide nicht nur ich, sondern auch die Familie, Freunde und Kollegen. Und manchmal leidet sogar die Arbeit, weil nicht genügend Zeit zur Vor- und Nacharbeit zur Verfügung steht. Ein solches Schild würde ich auch dann gerne hochgehalten bekommen, wenn ich im Umgang mit meinen Kindern falsch reagiere und gar nicht merke, wo ich ihre Anliegen übergehe und ihnen nicht mit genügend Wertschätzung begegne. Oder dann, wenn meine Frau und ich nicht genug Zeit miteinander verbringen, wenn wir zu wenige Schnittstellen zwischen unseren Parallelwelten von Beruf, Kindern, Alltag usw. schaffen. Also dann, wenn wir nur noch „zusammen organisieren“, aber nicht „gemeinsam leben“. Aber auch in den Situationen, in denen ich mich überfordere bzw. in der Gefahr stehe, mir zu wenig Zeit zum Innehalten zu nehmen. 

Denn es gibt sie, diese Gefahrenstellen im Alltag, die meist mit „Aufmerksamkeit“ und „Geschwindigkeit“ zu tun haben. Wenn die Sensibilität fehlt und das Tempo zu hoch ist, geht die Achtsamkeit flöten – und das Unfallrisiko steigt. Nicht nur für uns, sondern auch für andere Beteiligte. Manchmal sind es nur „kleine Blechschäden“, die entstehen. Nicht selten kommen aber auch Massenkarambolagen mit Schäden an Leib und Seele dabei heraus. Zum Beispiel durch Streit, der nicht ausgesöhnt wurde, mangelnde Vergebungsbereitschaft und die Fähigkeit, Verletzungen gewaltfrei auszusprechen. 

Worauf wir kaum achten

Zugegeben: Es gibt vermutlich mehr Gefahrenschilder oder Anzeichen, als ich zugeben möchte. Aber ich – und vielleicht stehe ich damit nicht alleine – bin geneigt, sie nicht so ernst zu nehmen. Dazu gehören neben gesundheitlichen Hinweisen wie Stressempfinden und Kopfschmerzen auch Merkmale wie Übellaunigkeit, mangelnde Geduld und vielleicht sogar auch fehlende Bereitschaft sich zu öffnen, zu wenig Zeit für Besinnlichkeit und zur Entschleunigung. Es mangelt an der Bereitschaft, offen zu sprechen, eigene Empfindungen zu teilen und am Willen, sich selbst und den anderen besser zu verstehen. Und dabei helfen doch gerade diese Momente, in denen mal mehr Zeit zur Verfügung steht, bedrängende Situationen gelassener zu sehen und besser einzuschätzen. Sie helfen auch die Gefahrenpunkte zu erkennen. Und – und das ist der eigentliche Ertrag – Ansätze für Lösungen zu entdecken, auf die ich in all der Hektik sonst nicht gekommen wäre. Achtsamkeit hilft mir und anderen, meinem Alltag, meinem Glauben, meinen Beziehungen.

„Es wird beschrieben, wie sich Menschen – selbst- oder fremdverschuldet – in prekären Lebenssituationen wiederfanden und aus diesen herausfinden mussten. Nicht selten hat Gott sie dabei unterstützt.“

Oft hilft mir die Bibel dabei, achtsamer zu sein und auch Lösungen zu finden. Einfach deshalb, weil in ihr offen über zugespitzte Lebenssituationen gesprochen wird. Es wird beschrieben, wie sich Menschen – selbst- oder fremdverschuldet – in
prekären Lebenssituationen wiederfanden und aus diesen herausfinden mussten. Nicht selten hat Gott sie dabei unterstützt. Zum Beispiel durch achtsame Menschen, die ihnen in diesen Situationen klar gesagt haben, was zu tun ist – aus menschlicher und göttlicher Perspektive. Mal hat er ihnen dadurch geholfen, dass er ihnen einen veränderten Blick auf ihre Lebenssituation gegeben hat, wodurch sich ihre Haltung verändert hat. Mal hat er auch selbst eine Lösung herbeigeführt, indem er auf die jeweiligen Umstände eingewirkt hat. 

Da stehen sie nun …

In einer Situation kommen fast alle diese Aspekte zum Tragen. Sie werden im 2. Buch Mose beschrieben und begleiten mich seit längerem. Und sie haben mit einem Lösungsansatz zu tun, auf den Mose oder das Volk Israel, an die sich die Worte des Verses richten, allein nie gekommen wären. Zum Hintergrund: Das Volk Israel befindet sich gerade auf der Flucht aus dem Land Ägypten. Dort haben sie über mehrere Generationen als Sklaven gelebt. Jetzt führt Mose sie aus der Zeit der Gefangenschaft in eine neue Zeit der Freiheit. Doch leider führt sie dieser Weg zunächst einmal an den Rand des Roten Meeres. Dort stehen sie nun, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Und in ihrem Rücken naht die feindliche Armee, die den aus der Sklaverei Entkommenen den Garaus machen will. In dieser zugespitzten, stressvollen und angstmachenden Situation spricht Mose den Menschen im Auftrag Gottes die Lösung zu: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein“ (2 Mose 14,14).

Was für eine Wende in dieser schwierigen Situation: Es kommt nicht auf die Kraft des Volkes Israel an, nicht sie müssen in dieser Situation für ihre eigene Rettung sorgen. Im Gegenteil. Ihre einzige Aufgabe ist, Gott dabei zuzuschauen, wie er die Situation löst. Gott ist da, und er verhilft Mose und dem Volk zu einer veränderten Sicht und Haltung. In diesem Vers kommt für mich zusammen, was der Gewinn aus Achtsamkeit sein kann: Die Situation mit anderen Augen sehen, die eigene Haltung verändern, Möglichkeiten und Grenzen verstehen – und begreifen, dass mit Gottes Hilfe ein anderer Weg eingeschlagen werden kann.

Mich fordert das Verkehrsschild „Gefahrenstelle“ nicht mehr nur dazu auf, im Verkehr achtsam zu sein. Es erinnert mich vielmehr an die Chancen von Achtsamkeit in allen Bereichen meines sonstigen Alltags.

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