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Was bist du denn für´n Typ?

Psychologie

Dass Menschen unterschiedlich ticken, ist kein Geheimnis. Warum das so ist, für viele aber schon. Was macht uns aus? Wie ist unsere Persönlichkeit? Welche Eigenheiten haben wir, die uns entweder beliebt oder unbeliebt machen? Und wie wirkt sich das alles auf das Miteinander im Alltag aus? Wir fragten Dr. Martina Kessler danach.

Frustriert sitzt ein junger Pastor vor mir. Seit vier Jahren werde in seinem Leitungsgremium über die Gestaltung des Gemeindehauses diskutiert. Er halte es nicht mehr aus. Er wolle Menschen mit der frohen Botschaft von Christus, dem Retter, bekannt machen! Die ganze Diskutiererei bremse ihn völlig aus. Eine Situation aus dem Alltag, die viele in ganz ähnlicher Form erleben. Hier prallen Entscheidungswelten aufeinander! Der Pastor ist vermutlich ein schneller Entscheider, der seine Maßnahmen an seinem Ziel ausrichtet. Lange Diskussionen über Dinge, die ihm unwichtig erscheinen, liegen ihm nicht. Wichtig ist, dass es weitergeht! Den anderen im Team ist offensichtlich wichtig, dass die Gestaltung des Gemeindehauses wirklich genau geplant wird. Man will alle neuen Fakten bedenken und sich vor Schwierigkeiten bei der Umsetzung schützen.

Anders ist die Situation im Beispiel von Frau Quandt (Name geändert). Ihr ist das Leben deutlich zu anstrengend geworden. Sie ist Mutter von drei Teenagern. Sie ist erschöpft. „Ich komme überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Immer will einer was von mir. Auf nichts ist mehr Verlass“. Als die Kinder klein waren, sei für sie ein guter Zeitrhythmus möglich gewesen. Jetzt herrsche Chaos! Frau Quandt ist hoch stetig, ihre Kinder sind eher initiativ und direkt. 

Verschiedene Persönlichkeitstypen

Stetig, initiativ, direkt und gewissenhaft. Wenn verschiedene Persönlichkeiten aufeinandertreffen, wird es spannend und manchmal auch explosiv. So sind gewissenhafte Leute analytisch und vorsichtig unterwegs. Sie zählen, messen, wiegen, wann immer es geht. Sie sind sachlich und lieben die Perfektion. Ihr Ziel ist es, einen Plan zu haben, bei dem schon im Vorfeld alle möglichen Fehler bedacht und eliminiert worden sind. Da sie möglichst alles 100 % richtig machen wollen, nähern sie sich nur vorsichtig, Schritt für Schritt, ihrem Ziel. Wenn sie wirklich alles durchdenken konnten, dann stehen sie zu ihren Zielen und wollen diese auch durchsetzen.

In der Gegenwart von stetigen Menschen kann man sich wohlfühlen! Sie lieben Menschen und qualitative Beziehungen und sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Dabei haben sie die Einzelnen im Blick und hören immer gut zu. Sie sind treu und verlässlich. Und sie sind vorsichtig, denn sie suchen größtmögliche Sicherheit. Dabei geht es ihnen dann aber vor allem um Menschen. Geht es diesen gut? Sind sie zufrieden? Ist wirklich alles und jeder berücksichtigt? Schwierig ist es für sie ein Risiko einzugehen. Das verzögert jede Entscheidung. 

Initiativ-beeinflussende Menschen lieben Menschen. Aber auch Schnelligkeit, Lob und Freiheit. Sie sind gerne der Mittel-
punkt jeder Party. Je mehr Menschen umso besser! Sie wollen ein Thema oder eine Sache an den „Mann“ bringen. Ihr Motto: „Lieber 50 von 100 Lebensentscheidungen falsch treffen, als überhaupt nicht weiterkommen!“ Sie nehmen Fehlentscheidungen in Kauf, weil es ihnen wichtig ist, dass es weitergeht. Allerdings macht es ihnen sehr zu schaffen, wenn sie merken, dass andere Menschen mit ihren Entscheidungen nicht einverstanden sind oder darunter leiden. Das bremst sie dann im Nachhinein aus.

„Sind Sie eher beziehungs-orientiert oder eher auf-gabenorientiert? Gehen Sie eher schnell oder eher vorsichtig durchs Leben?“

Direkt-dominante Leute treffen, ebenso wie die initiativ-beeinflussenden Menschen, schnelle Entscheidungen. Sie lieben es, Leistung zu zeigen um ein Ergebnis zu erreichen. Dabei sind sie stark auf die Sachthemen ausgerichtet. Auch sie 
haben kein Problem damit, 50 von 100 Entscheidungen falsch zu treffen. Das bewerten sie als unvermeidbaren Kollateralschaden.
Wichtig sind ihnen die gut getroffenen Entscheidungen! Dabe ist das angestrebte Ziel ihr Entscheidungsleitfaden. Ihm ordnen alles unter. 
Manche fragen sich, welcher Persönlich-keitstyp wohl bei ihnen vorherrscht. Um der Antwort auf die Spur zu kommen, überlegen Sie mal: 
Sind Sie eher beziehungsorientiert oder eher aufgabenorientiert? Gehen Sie eher schnell oder eher vorsichtig durchs Leben? Allein diese beiden Fragen geben Ihnen schon in hilfreicher Weise Aufschluss für die Einschätzung der vier Typen.

Qualität oder Geschwindigkeit?

Hochgewissenhafte Menschen entscheiden, wenn sie die innere Gewissheit haben, dass ihre Entscheidungen zu fast 100 Prozent abgefedert sind und es daran so schnell nichts zu rütteln gibt. Und es ist sicherlich auch eher so, dass 99 von 100 Entscheidungen gut getroffen sind. Dabei sind sie auf die Sachebene fokussiert. Stetige Leute können mit der Unsicherheit nur schwer umgehen und zögern Entscheidungen hinaus. Sie wollen wirklich alles richtigmachen um niemanden zu verletzen. Die schnellen Entscheider, dominant-direkte und initiativ-beeinflussende Persönlichkeiten, treffen in der gleichen Zeit deutlich mehr Entscheidungen, leben aber auch damit, dass es dabei Fehlentscheidungen gibt. Aber: Es geht was voran!

Es hat sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, welche Entscheidungsprozesse man bei anderen bevorzugt. Ein gewissenhafter Mensch wird die Entscheidungsfähigkeit von dominant-direkten und initiativ-beeinflussenden Menschen kritischer bewerten als den Entscheidungsweg eines Stetigen. Initiativ-beeinflussende Leute können hingegen intensiv genervt sein von der „Entscheidungsverzögerungstaktik“ Gewissenhafter oder Stetiger.

Letztlich kommt man also zu dem Schluss: Alle persönlichkeitsabhängigen Entscheidungswege haben Vor- und Nachteile. Es kann verantwortungslos sein, eine Entscheidung hinauszuzögern, weil man noch unsicher ist, und es kann ebenso verantwortungslos sein, eine schnelle „Bauchentscheidung“ zu treffen. Aber genauso kann sowohl eine intensiv durchdachte Entscheidung eine wichtige Voraussetzung für gutes Gelingen sein, wie auch eine schnell getroffene Entscheidung.

Verschieden und doch ein Team

Um als Team oder Gruppe voranzukommen, bedarf es aller Persönlichkeitstypen. Wenn eine Sache gut durchdacht und auf Risiken abgeklopft ist, wenn das Ergebnis und die betroffenen Menschen berücksichtig wurden, dann sollte einer Entscheidung nichts mehr im Wege stehen. Aber manchmal muss man auch den Mut haben, sich nicht vom Risiko bestimmen zu lassen. Was würden wir von einem Rettungssanitäter halten, wenn er erst alle Eventualitäten abchecken würde, bevor er hilfreiche Rettungsmaßnahmen einleitete? Hier sind schnelle (und sicherlich auch fachlich gute) Entscheidungen gefragt, um Leben zu retten. Eine schwierige Operation braucht allerdings eine sorgfältige Vorbereitung und das Abwägen möglicher Risikofaktoren. Im Zusammensein mit unterschiedlichen Persönlichkeitstypen ist es daher auch wichtig zu bedenken: Was und wer ist von der Entscheidung abhängig? Welche Risiken hat es, sich zu entscheiden oder sich nicht zu entscheiden? Wer trägt das Risiko wirklich? Wieviel Zeit soll in eine Entscheidungsfindung fließen? Wie „wichtig“ ist die Sache an sich?

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Wenn ein Pastor Menschen mit der guten Botschaft vom Retter Jesus erreichen will, dann ist es für ihn nur untergeordnet wichtig, wie die Gestaltung des Gemeindehauses im Einzelnen aussehen soll. Er wird damit zufrieden sein, wenn erstens andere diese Entscheidungen treffen und das Ergebnis zweitens so ist, dass es seinem Ziel zuträglich ist. Eine durch quirlige Teenager überforderte Mutter muss sicherlich lernen, auf sich selbst zu achten und gegebenenfalls Grenzen zu ziehen, aber andererseits auch versuchen, ihre Spannweite auszudehnen.

Zum guten Schluss

Schwierig wird es immer dann, wenn man das eigene Verhalten als das wahre und richtige bewertet. Gerade, weil wir unterschiedlich sind, brauchen wir einander. So werden gegenseitige Wertschätzung und Respekt – trotz aller Unterschiedlichkeit – zum guten Miteinander beitragen. Eine hilfreiche, übertragbare „Anleitung“ dazu findet man in einem Brief von Paulus an die Korinther (1. Korinther 12, 12-26). Korinth war damals schon eine Hafenstadt von beachtlicher Größe. Dieses wichtige Handelszentrum war ein kultureller und ethnischer Schmelztiegel, in dem ein buntes Gemisch aus verschiedenen Kulturen, Sprachen, Religionen und Nationalitäten zusammentraf, was auch zum schlechten Ruf dieser Stadt beitrug. In der jungen christlichen Gemeinde trafen nun die Menschen aus diesen sehr verschiedenen Hintergründen aufeinander und man kann sich gut vorstellen, dass das bald zu Konflikten führte. Paulus ist nun daran gelegen, das Miteinander in der jungen Gemeinde auf einen geistlichen Weg zu führen und leitet die bunte Mischung von Christen in seinen Brief dazu an. Dazu nutzt er einen Vergleich mit dem menschlichen Körper. Obwohl der Organismus aus vielen unterschiedlichen Teilen besteht, die einerseits alle vom Körper leben und gleichzeitig alle ihren Beitrag dazu bringen, führt diese Mischung dazu, dass es dem Körper gut geht. Jedes Glied hat seinen speziellen Auftrag. Kein Glied ist entbehrlich und keines der Glieder soll überbewertet sein. So soll es auch im Miteinander der jungen Gemeinde sein. Paulus fordert dazu auf: „Lernt für euer Miteinander von eurem Körper!“ So soll es auch heute noch in christlichen Gemeinden sein, aber auch darüber hinaus immer da, wo Menschen in Wertschätzung miteinander leben wollen. 

Im Bewusstsein der eigenen Würde und in Wertschätzung für andere sollen sich alle – gewissenhafte, stetige, initiativ-beeinflussende und dominant-direkte Menschen – einbringen. Wer um die eigene Ergänzungsbedürftigkeit weiß, kann auch die spezielle Art der Entscheidungsfindung anderer als einen Beitrag zum gelingenden Ganzen erkennen. Bleiben wir also auf dem Weg zueinander und miteinander.

Magazin Frühling 2019