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Prädestination - Hab ich denn eine Wahl?

Bibel erklärt

Es ist zum Verrückt werden. Wer ernsthaft eine Antwort auf die Frage sucht, ob er als Mensch und Christ einen freien Willen hat und somit seine eigenen Entscheidungen trifft oder ob sein Handeln von Gott vorherbestimmt ist, der wird entdecken, dass die Antwort nicht so einlinear ist, wie man sich das wünscht. Prof. Dr. Hans-Georg Wünch bringt Licht ins Dunkel.

Prädestination, also zu Deutsch: Vorherbestimmung, oder freier Wille? Das ist eine Diskussion, die jede Generation von Theologiestudenten erfasst. Nicht nur am Theologischen Seminar Rheinland (TSR), aber auch dort. Und natürlich macht das Thema auch vor den Gemeindetüren nicht Halt. Schon Martin Luther hatte sich mit Erasmus von Rotterdam einen Schlagabtausch über die Frage nach dem freien Willen geliefert. Wobei Luther gegen den freien Willen und damit für die Prädestination argumentiert hatte – „de servo arbitrio“ – Erasmus umgekehrt – „de libero arbitrio“. 

Dabei geht es um sehr viele Bereiche unseres Lebens als Christ. Angefangen von der Frage nach der „Entscheidung“ für Jesus über die Ereignisse unseres alltäglichen Lebens bis hin zu unserer ewigen Errettung. Ist das alles vorherbestimmt oder haben wir hier eine freie Wahl? 

Allmächtig oder eigenmächtig?

Wenn man in die Bibel schaut, kann man sich schon auch irritiert die Augen reiben. Da kann man einerseits sehr deutliche Worte für eine Vorherbestimmung finden. Sagt nicht Paulus in Epheser 1, 4 – 11, dass wir schon vor der Grundlegung der Welt erwählt wurden? Ähnlich steht das auch im Römerbrief, Kapitel 8, Vers 29. Und was ist mit den Tagen, die schon in Gottes Buch geschrieben sind, bevor einer von ihnen gekommen ist? Siehe Psalm 139, 16. Wenn man diese Verse liest, muss man Martin Luther (und noch mehr Johannes Calvin mit seiner doppelten Prädestinationslehre) Recht geben. Wie sollte es auch anders sein bei einem allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Gott! Kann es etwas geben, das außerhalb dieses Gottes geschieht, sozusagen eigenmächtig?

Nur Makulatur?

Auf der anderen Seite sind da Texte, die dem menschlichen Willen eine recht große Eigenständigkeit zuschreiben. Sagt nicht Jesus selbst, dass er immer wieder sein Volk Israel unter seinen Fittichen sammeln wollte, „aber ihr habt nicht gewollt“ (Matthäus 23, 37). Sind alle Aufrufe zur Umkehr, die wir etwa in den Predigten der Apostelgeschichte lesen, nur „Makulatur“? Konnten sich die Menschen überhaupt nicht anders entscheiden, die einen für Christus, die anderen gegen ihn? Und wo bleibt die Verantwortung des Menschen für seine Taten, wenn alles vorherbestimmt ist? Wie kann Gott jemand zur Rechenschaft ziehen für etwas, was dieser überhaupt nicht anders tun konnte?
 
Im Grunde stehen wir hier vor einem grundlegenden Dilemma. Beide Positionen – Prädestination und freier Wille – finden sich nebeneinander in der Bibel. In ganz klassischer Weise wird dies übrigens einmal von Paulus mit den folgenden Worten zusammengefasst: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2, 12b – 13)

„Wo bleibt die Verantwortung des Menschen für seine Taten, wenn alles vorherbestimmt ist? Wie kann Gott jemand zur Rechenschaft ziehen für etwas, was dieser überhaupt nicht anders tun konnte?“

Das große Dilemma

Wie sollen wir mit einem solchen Dilemma umgehen? Das Wort „Dilemma“ ist übrigens in diesem Zusammenhang durchaus hilfreich. Es bedeutet ursprünglich, dass etwas aus zwei Sätzen besteht, die einander entgegenstehen. Nur dass man sich in diesem Fall nicht für einen der beiden Sätze entscheiden kann, da beide ja ganz offensichtlich in der Bibel stehen. Nur – wie können zwei so entgegengesetzte Aussagen gleichzeitig wahr sein? Hier kann ein Vergleich helfen. Nehmen wir einmal an, wir machen jeweils ein Foto von den beiden Seiten einer Münze. Wenn wir nun beide Fotos nebeneinanderlegen, haben diese zwar die gleiche Form und Größe, aber sie sind doch deutlich voneinander unterschieden. Es ist nicht möglich, diese beiden Fotos miteinander in Harmonie zu bringen – es sei denn man macht aus dem zweidimensionalen Bild eine dreidimensionale Münze. Dann ist das eine die Vorder- und das andere die Rückseite der gleichen Medaille. Es ist also nur auf einer höheren Ebene möglich, beide Fotos miteinander in Übereinstimmung zu bringen.

Gott ist nicht gefangen

Ähnlich ist es eigentlich immer dann, wenn wir als Menschen über Gott und sein Wirken in dieser Welt nachdenken. Dort, wo Gott in unserer Welt wirkt, bricht eine höhere Wirklichkeit in unseren Alltag hinein. Gott ist eben nicht in unseren drei Dimensionen gefangen. Aber die Worte, mit denen wir Gottes Handeln beschreiben, sind es schon. Nehmen wir nur einmal den Begriff „Prädestination“ oder seine deutsche Übersetzung „Vorherbestimmung“. In diesem Begriff ist immer eine zeitliche Komponente enthalten: etwas wird „vorher“ dazu bestimmt, „später“ etwas Bestimmtes zu sein oder zu tun. Was aber, wenn es dieses „vorher“ und „später“ überhaupt nicht gibt, jedenfalls nicht in unserem Sinne? Gott steht ja außerhalb unserer Zeit. Wenn er daher in unsere Wirklichkeit hinein handelt, durchbricht das immer auch unsere Logik. Gottes Wirklichkeit selbst können wir nicht verstehen. Uns bleibt daher nur, das, was wir von ihm wissen, in unseren Worten und Vorstellungen zu formulieren. Und da ist nun einmal auf der einen Seite die absolut entscheidende Erkenntnis, dass auf dieser Welt nichts an Gott vorbei und ohne seinen Willen geschehen kann. Alles, was geschieht, ist von Gott „vorher“ bestimmt. Diese Erkenntnis wird nun aber an keiner Stelle der Bibel dazu benutzt, den Menschen von seiner Verantwortung und der Notwendigkeit einer Entscheidung freizusprechen. Es dient vielmehr dazu, dass wir in den Widrigkeiten und Problemen der Welt nicht ängstlich untergehen. Es ist schließlich 

alles Teil von Gottes großem und gutem Plan! Gleichzeitig erkennen wir aber auch die andere Seite der göttlichen Wirklichkeit: Gott bezieht uns mit ein in seinen Plan. Er achtet unsere Entscheidung und unseren freien Willen. Sogar damals im Paradies tat er dies – trotz der ungeheuren Folgen, die unsere menschliche Entscheidung damals hatte und hat! Diese Erkenntnis steht der anderen von Gottes Vorhersehung nicht entgegen, sondern ergänzt sie, auch wenn wir das logisch nicht nachvollziehen können.

Beides ist wahr

Prädestination und freier Wille! Das kann unser menschlicher Verstand übrigens genauso wenig erfassen wie manche anderen Aussagen über Gott: Die Dreieinigkeit (drei Personen und doch eins), die Gottheit und Menschlichkeit von Jesus (100 Prozent Gott und 100 Prozent Mensch) oder die Göttlichkeit und Menschlichkeit der Bibel (100 Prozent Gotteswort und 100 Prozent Menschenwort). Es ist daher entscheidend, dass wir nicht über die Bibel hinaus Schlussfolgerungen ziehen aus etwas, das wir nicht verstehen können. Wir müssen vielmehr immer wieder danach fragen, was die Bibel selbst aus diesen Lehren folgert. Dann kann diese doppelte Wahrheit sowohl im Gemeindealltag als auch in unserem eigenen Leben wirksam werden.

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