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Straßenkinder - Wenn keiner sie liebt, dann geh´n sie kaputt

Persönlich

Kaum vorstellbar, dass Kinder auf der Straße leben. Manche von ihnen noch keine sechs Jahre alt. Erdrückend das Wissen, dass diese kleinen Menschen trotzdem auf der Straße oft noch besser dran sind als zu Hause. Andrea Hellemann lebt und arbeitet in Dodoma, der Hauptstadt Tansanias, und erzählt, warum sie das tut. Und sie gibt uns Anteil an den Höhen und Tiefen dieses beachtlichen, vorbildlichen Einsatzes.

Ich arbeite mit einem Team von Tansaniern unter Straßenkindern. Das Programm nennt sich “Safina”. Das ist Suaheli und bedeutet „Arche Noah“. Die Arbeit unter und mit den Straßenkindern ist sehr umfangreich. Sie sind oft sehr enttäuscht vom Leben und den Menschen und haben Probleme, den Erwachsenen zu vertrauen. Denn oft werden sie nur als Abschaum der Gesellschaft gesehen und wo immer sie auftauchen, verscheucht. Das heißt, dass sie auch keine Liebe erfahren. Sie sind oft sehr erstaunt, wenn man sich Zeit für sie nimmt und Interesse an ihrem Leben zeigt. Sie sind innerlich verwundet, neigen dazu, Wutanfälle zu bekommen, sprechen einen eigenen Straßenslang und immer, wenn sie sich benachteiligt fühlen, kann es auch zu Raufereien kommen. 

Meine Kollegen und ich sind hier, um den Kindern zu zeigen, dass Jesus sie liebhat und auch, dass wir sie echt liebhaben. Es ist interessant zu sehen, wie sie vom Zweifel, wenn sich jemand um sie bemüht, dazu kommen festzustellen, dass dieses Bemühen tatsächlich echt und aufrichtig ist. Einige dieser Kinder erleben dadurch so eine Veränderung, dass man sie nach einiger Zeit kaum wiedererkennt. Ich denke da zum Beispiel an einen Dreijährigen, den wir von der Straße geholt haben. Er hat sich ständig mit anderen Kindern geprügelt und sobald er den Mund aufgemacht hat, hatte man das Gefühl, dass man vor einem Erwachsenen steht. Inzwischen ist er sechs Jahre alt geworden und prügelt sich nicht mehr. Im Gegenteil. Er ist außergewöhnlich schlau und hat in diesem Jahr in der Schule tatsächlich eine Eins minus als Gesamtnote bekommen. 

Im Sumpf der Stadt verschwunden

Natürlich gibt es auch negative Erlebnisse, wenn zum Beispiel Kinder ohne ersichtlichen Grund von Safina weglaufen, freiwillig wieder zurück auf die Straße gehen, wegen Diebstahls im Gefängnis landen oder einfach im Sumpf der Stadt verschwinden. Das ist echt frustrierend, und es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie diese Kinder leiden und einfach keine Hoffnung haben. Manchmal ist ihr Verhalten auch nur eine Reaktion auf das, was andere Leute ihnen einreden. Einmal war ich in der Schule, um einem Jungen zu helfen, und die Lehrerin sagte ihm ins Gesicht, dass er einfach nicht lernen könne, da er zu dumm sei. Das war das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben. Obwohl ich noch versucht habe, ihn davon zu überzeugen, dass er tatsächlich schlau ist und die Lehrer nicht immer recht haben. 

Bei einem anderen Jungen, der auch frustriert war und die Schule abbrechen wollte, weil der Lehrer ihn schlecht behandelt und vor der ganzen Klasse als Straßenkind beschimpft hatte, war es zum Glück anders. Nachdem ich mit ihm zur Schule gegangen war und mit dem Schulleiter gesprochen hatte, machte der Junge die Schule dann doch noch zu Ende. Jetzt ist in der Ausbildung zum IT-Fachmann.

In letzter Zeit kam es leider immer wieder vor, dass Kinder auf der Straße umgekommen sind. Allein im letzten halben Jahr sind fünf unser Kinder gestorben. Das ist in den ganzen vorherigen Jahren noch nie so oft vorgekommen. Eins der Kinder wurde erstochen bei dem Versuch, zwei Streitende auseinanderzubringen. Ein zweiter Junge, der elf Jahre alt war, wurde ins Krankenhaus gebracht, weil er nicht ansprechbar auf der Straße gefunden wurde. Nach zwei Wochen starb er dort anonym. Leider haben wir das erst erfahren, als es zu spät war. Zwei weitere Jungen wurden von Leuten auf der Straße nur wegen des Verdachts auf einen möglichen Diebstahl erschlagen.

„Das ist echt frustrierend und es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie diese Kinder leiden und einfach keine Hoffnung haben.“

Das heißt nicht, dass sie sich nicht ändern

Um den Straßenkindern richtig helfen zu können versuchen wir, ihre Umgebung auf sie aufmerksam zu machen. Wir erklären den Lehrern, in welchen Situationen sich die Kinder befinden und dass sie manchmal für ihr Benehmen nicht wirklich etwas können. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht ändern könnten oder würden. Es dauert nur eben manchmal sehr lange und erfordert viel Zuwendung. Bei den Kindern, die im Grunde eine Familie haben, aber dennoch die meiste Zeit auf der Straße leben, arbeiten wir, wo das möglich ist, auch mit dem direkten persönlichen Umfeld. Wir versuchen, Eltern, Verwandte und Nachbarn der Kinder zu sensibilisieren, damit sie die Kinder verstehen und ihnen helfen, in einen normalen Alltag hinein zu kommen. Wann immer möglich, wollen wir die Kinder von der Straße wieder in ihre Ursprungsfamilien oder in ihre Dörfer reintegrieren. Meistens ist das tatsächlich möglich. Und wo nicht, versuchen wir, die Kinder in einer Pflegefamilie unterzubringen. Um nur einen Fall zu erwähnen: eine Mutter hatte ihre 11 und 9 Jahre alten Töchter nachts an Männer verkauft. In so einem Milieu konnten wir die Kinder natürlich nicht lassen. Die Mutter wurde vor Gericht gestellt. Hier arbeiten wir eng mit dem örtlichen Sozialamt und lokalen Behörden zusammen. Die Aufgabe, nach den Straßenkindern zu schauen und sie zu reintegrieren, ist zu groß, als dass eine Organisation sie alleine bewältigen könnte. Deshalb bündeln wir unsere Kräfte, damit die Kinder zur Schule gehen können und von den Eltern nicht misshandelt werden.

Auch die Polizei unterstützt uns sehr. Manchmal, wenn Kinder wahllos festgenommen werden, weil sie auf der Straße herumlungern, werden wir gerufen und können „unsere“ wieder rausholen. Letztens, als wir das Gefühl hatten, dass es zu viel wird mit den Übergriffen der Bevölkerung auf die Straßenkinder, oder auch, wenn sie wirklich was geklaut hatten, gingen wir auch zur 

Polizei. Zur Sicherheit der Kinder. Denn obwohl Selbstjustiz auch in Tansania nicht erlaubt ist, wird sie noch sehr häufig durchgeführt. So haben wir mit dem Polizeichef geredet, der sich sehr freute und sich bereit erklärte, mit uns zusammenzuarbeiten.

„Inzwischen ist er ein junger Mann und arbeitet als Manager in einer Bäckerei in Daressalam. Letztes Jahr lud er uns zu seiner Hochzeit ein. Das war total ermutigend für uns.“

Das große Glück, wenn etwas heil wird

Im Moment haben wir so an die 130 Schüler, die schon reintegriert worden sind, denen wir mit Schulmaterial und einem täglichen Essensprogramm helfen. Natürlich stellt sich immer die Frage, ob sich das alles wirklich lohnt. Haben wir tatsächlich schon Veränderung gesehen? Ich kann nur sagen, dass es mich immer wieder freut und aufbaut, wenn ich sehe, dass Kinder, nachdem sie auf der Straße waren, froh zur Schule gehen und feststellen, dass sie tatsächlich etwas leisten können. Und wenn sie dann noch Jesus kennen lernen, sind sie wirklich verändert. Mittlerweile halten einige der Kinder selbst Andachten und erzählen den anderen aus der Bibel.

Oft haben diese Kinder große Leitungsbegabungen. So wurden sie zum Beispiel Schulsprecher oder für die Sicherheit der Schule verantwortlich gemacht. Einige von ihnen sind bereits mit ihrer Ausbildung fertig geworden und haben gute Arbeitsstellen gefunden. Einer unserer Jungen ist mittlerweile in einer Leitungsposition als Dorfvorsteher bei der Regierung angestellt. Sein früheres Leben allerdings hat er auf der Straße verbracht. Er war sechs Jahre alt, als er das erste Mal auf der Straße gelandet ist. Ein anderer Junge wurde von seinen Verwandten von einem zum anderen geschubst. Letztendlich wohnte er dann bei seinem Bruder, der bereits verheiratet war. Da bekam er allerdings Probleme, da die Frau, immer wenn der Bruder nicht da war, ihm nichts zum Essen gab. So endete er auf der Straße. Dort versuchte er Geld zu verdienen, damit er zur Schule gehen konnte.
Das hat allerdings nicht geklappt. Als wir ihn aufgriffen, gaben wir ihm Schulmaterial und halfen ihm mit den Schulgebühren. Zu seiner Abschlussfeier tauchte kein einziger seiner Verwandten auf, und er war darüber echt wütend. Ich habe ihm gesagt, dass er ihnen trotzdem vergeben muss, da es sonst immer ein ungutes Gefühl für ihn sein würde. Später machte er eine Ausbildung zum Bäcker. Zu dieser Abschlussfeier ist der Vater dann tatsächlich erschienen. Inzwischen ist er ein junger Mann und arbeitet als Manager in einer Bäckerei in Daressalam. Letztes Jahr lud er uns zu seiner Hochzeit ein. Das war total ermutigend für uns. Die Verwandten haben immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie mit Safina und dem, was wir hier tun, nichts anfangen können. Aber dieser Junge hat während seiner Feier immer wieder erwähnt, wie wichtig und hilfreich Safina für ihn war. Bei uns hatte er seinen ganz persönlichen, rettenden Platz auf der Arche gefunden.

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