Wir hatten nichts mehr zu verlieren

Gesellschaft

Was eine Familie empfindet, die in der Heimat entwurzelt und in der Fremde nicht willkommen ist, schildert uns Helene Plett. Ihre ehrlichen Betrachtungen zeigen Angst und Sorge, aber sie machen auch Mut und Hoffnung. Vielleicht wird alles gut. Sicher nicht automatisch, sicher nicht ohne große Anstrengung, sicher nicht auf einseitiges Bemühen hin. Aber die Möglichkeit ist da.

Vor dem zweiten Weltkrieg lebten meine Großeltern in Krim und Ukraine in den deutschen Kolonien. Nachdem die deutsche Wehrmacht während des zweiten Weltkrieges in Russland einmarschiert war, wurden meine Großeltern enteignet und in ein Arbeitslager gebracht. Der Rest der Familie wurde zwangsumgesiedelt. Mein Name ist Helene Plett, ich bin 34 Jahre alt. Geboren wurde ich in dem kleinen Örtchen Komsomolez in Kasachstan. Dem Ort, an den meine Familie verbannt worden war. Dort lebten wir als Deutsche Migranten bis 1991.

Der Anfang einer schlimmen Zeit

Meine Vorfahren waren zu Zeiten von Zarin Katharina II. aus Deutschland nach Russland gekommen, um dort ein neues Zuhause zu finden. Sie wollten in Frieden und unter religiöser Freiheit ihr Leben verbringen. Das hat aber so nicht funktioniert. Während des ersten und des zweiten Weltkrieges mussten sie vieles erleiden: Enteignung, Zwangsumsiedlung, Gewalt, Hunger, Tod und viele, viele Demütigungen. Das hatte die „Volksdeutschen“, so wurden sie damals genannt, über Jahrzehnte stark geprägt. Ausreisen zurück nach Deutschland durften sie nicht. Die Landesgrenzen waren gesperrt. Erst während der Regierungsperiode von Herrn Gorbatschow wurden die Grenzen wieder geöffnet und die Massenauswanderung der in Russland lebenden Deutschen zurück in ihre Heimat begann. Unter den hier als „Russlanddeutsche“ bekannten, war auch meine Familie.

Die Lage insgesamt war sehr angespannt. Eine Einreiseerlaubnis nach Deutschland hatten wir zwar bekommen, aber die Ausreisepapiere von den russischen Behörden wurden uns verwehrt. Meine Eltern waren am Boden zerstört, das Ausreiseverbot zerschlug all unsere Zukunftspläne. So entschieden sich meine Eltern, einen Besucherausweis zu beantragen und dann mit diesen Papieren aus Russland aus- und in Deutschland einzuwandern. Mein Vater musste die nicht offiziellen Wege gehen, um die nötigen Zugtickets zu beschaffen. Er verbrachte 10 Tage in Moskau und gab einem wildfremden Mann, der ihm versprochen hatte, die Tickets zu besorgen, sehr viel Geld. Das hatte ihm einiges abverlangt, wusste er doch zu keinem Zeitpunkt wirklich, ob er ihm vertrauen konnte. Aber er bekam die Zugtickets tatsächlich und unsere sehr abenteuerliche Reise konnte starten. Wir hatten unsere Koffer gepackt und alles, was wir sonst besaßen, für kleines Geld verkauft. Die ersten drei Tage Zugfahrt nach Moskau waren unspektakulär, wir reisten schließlich nur in Russland von einem Ort zum anderen. Die nächsten drei Tage von Moskau über Polen nach Köln mit ihren Grenzübertritten waren die gefährlichen. Die Grenzkontrolle war streng militärisch bewacht und jedes Vergehen wurde hart bestraft. Da wir nur eine Besuchergenehmigung besaßen, durften wir nicht auffallen. Aber zum Glück ist alles gut gegangen und wir sind ohne Probleme in Deutschland angekommen.

Die Ankunft wie in Trance

Empfangen wurden wir am Bahnhof von unseren Verwandten, die für uns die Papiere von Deutschland aus vorbereitet hatten. Sie brachten uns in das erste Auffanglager in Friedland, wo wir die nächsten zwei Wochen in einer Kaserne unterkommen konnten. Dort konnten wir die Einreisepapiere fertigstellen. Danach ging es direkt nach Hamm/Sieg, wo unsere Verwandten bereits eine kleine Wohnung für uns gemietet hatten. Mit dem Geld aus dem Verkauf unseres Hauses in Kasachstan konnten wir gerade so die Bahnreise bezahlen und die erste Miete für diese Wohnung. Danach waren wir pleite. Die ganze „Ankunftszeit“ erlebten wir wie in Trance. Wir funktionierten, wir taten das, was man uns sagte, und dachten erstmal über nichts anderes nach. Der emotionale Zusammenbruch durfte einfach nicht kommen. Das konnten und wollten sich unsere Eltern in dieser Situation nicht erlauben. Wir Kinder bekamen das natürlich mit und versuchten, so angepasst wie möglich zu sein. Wir wollten unsere Eltern nicht zusätzlich belasten.

Wir waren endlich in Deutschland, dem Land unserer Vorfahren, fühlten uns als „Heimkehrer“ und erhofften anzukommen, eine Heimat zu finden, dazuzugehören. Empfangen wurden wir allerdings mit sehr unterschiedlichen Reaktionen. Die einen begrüßten uns herzlich und versuchten so gut es ging zu helfen, die anderen dagegen zeigten uns ihren Unwillen. Natürlich waren wir über die negativen Reaktionen enttäuscht. Es tat weh, auch hier abgelehnt zu werden. In der eigenen Heimat. Aber es gab für uns nur noch den Blick nach vorne. Wir wollten das Beste aus der Situation machen. Schnell lernten wir die deutsche Sprache und versuchten uns zu integrieren. Mein Papa hatte auch fast sofort einen Arbeitsplatz bekommen und konnte so mit dem, was er verdiente, seine Familie eigenständig versorgen. Das war wunderbar. Die „Einheimischen“, so nannten wir die Deutschen damals, hatten vermutlich große Zukunftsangst. Sie sorgten sich, dass wir ihnen die Arbeitsplätze streitig machen und sie insgesamt nicht mehr genug haben würden. Neues und Veränderungen machen Menschen immer Angst. Und da kamen viele „fremde Menschen“ ins Land, was da alles passieren konnte! Wir Einwanderer dagegen hatten ja nichts zu verlieren. Wir hatten ja bereits alles verloren. So blieb uns einfach nur die Existenzangst und wir mussten zusehen, dass wir irgendwie überleben und wieder auf die Beine kommen. Alle anderen Gefühle wurden verdrängt.

„Wenn ich auf die letzten 25 Jahre zurückschaue, finde ich, dass die damaligen Einwanderer das Land bereichert haben.“

Was ist aus Deutschland geworden

Wenn ich auf die letzten 25 Jahre zurückschaue, finde ich, dass die damaligen Einwanderer das Land bereichert haben. Durch ihren Fleiß und ihr handwerkliches Geschick konnten viele Menschen und Unternehmen profitieren. Die Aussiedlerfrauen haben sich im hauswirtschaftlichen Bereich und im Pflegebereich sehr stark engagiert und die meisten Aussiedlermänner fanden im Handwerk und der Industrie ihren Platz. Heute kenne ich viele russlanddeutsche Jungunternehmer, die Arbeitsplätze schaffen und mutig mit eigenen Ideen vorangehen. Es hat zwar fast eine Generation gedauert, aber die Einwanderer von damals sind heute integriert und ein fester, nicht wegzudenkender Teil unserer deutschen Gesellschaft.

Wenn ich auf die Herausforderungen schaue, die uns heute durch große Wellen von Flüchtlingen begegnen, möchte ich offen für die „Fremden“ sein und ihnen nach Möglichkeit helfen und beistehen. Meine Grundlage für das Verhalten den Flüchtlingen gegenüber finde ich in der Bibel. Auch in den alten Zeiten gab es schon ähnliche Situationen. Immer wieder wanderten Menschen aus unterschiedlichsten Gründen aus und suchten eine neue Heimat. In 5. Mose 10, 18 – 19 steht zum Beispiel: „Er (Gott) verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht; er liebt auch die Fremden, die bei euch leben, und versorgt sie mit Nahrung und Kleidung. Darum sollt auch ihr die Fremden lieben. Ihr habt ja selbst in Ägypten als Fremde gelebt.“ Das hilft und motiviert mich sehr, meinen Teil zu tun.

Und was kommt jetzt?

Aber ich habe auch Angst, genauso wie viele andere Bürger in Deutschland, denke ich. Die „Fremden“ verunsichern mich ganz klar. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Besonders Angst macht mir die große Menge an Menschen, die in unser Land flüchten. Eine große Anzahl von jungen Männern mit muslimischem Hintergrund. Wie sind die wohl? Werden sie sich integrieren? Sind sie bereit zu lernen und mit anzupacken? Fragen über Fragen, zu denen ich keine Antworten habe. Die Angst ist da, aber sie ist nicht der beste Ratgeber. Das musste ich in meinem Leben bereits oft erfahren. Ich wende mich wieder dem Wort Gottes zu. Im 1. Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 18, steht: „Die Liebe kennt keine Angst, wahre Liebe vertreibt die Angst.“ Dieser Vers könnte auch das Motto zum Umgang mit den vielen Flüchtlingen werden.

Ich persönlich wünsche mir, dass die Flüchtlinge bereit sind, sich zu integrieren. Ein friedliches und bereicherndes Zusammenleben ist nur dann möglich, wenn alle es wollen, beide Parteien sozusagen. Die „Einheimischen“ sowie die „Zuwanderer“. Wenn Deutschland die neue Heimat werden soll, dann müssen unsere Gesetze und vor allem das Grundgesetz beachtet werden. Das geht gar nicht anders. Es wäre ganz schlecht, wenn die neuen „Heimatsuchenden“ sich komplett gegen unsere Kultur stellen würden. Das wäre eine Katastrophe.

Ich sehe viele Parallelen zu damals, zu unserer eigenen notvollen Situation, der bangen Flucht und dem Ankommen in einer neuen Welt. Nur, dass ich heute auf der anderen Seite stehe. Als eine von den „Einheimischen“. Das ist für mich ein großes Privileg, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Manchmal frage ich mich, ob das, was uns heute so viel Angst macht, in 25 Jahren vielleicht das Selbstverständlichste der Welt sein wird. Gott ist einfach unfassbar großartig und er ist meine Hoffnung.

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