Wenn Menschen glauben, recht zu haben

Standpunkt

Die Frage nach dem rechten Verstehen dessen, was Gott den Menschen sagen will, ist so alt wie das Wort Gottes selbst. Was der eine sehr weitläufig interpretiert, lehnt der andere als völlig unzulässig ab. Wo der eine die Wahrheit und die Leitung des geschriebenen Wortes betont, lenkt der andere den Blick auf die Liebe und die Führung des Geistes. Hans-Arved Willberg nimmt uns mit auf eine spannende Reise zu den Festen von Theologie und Ethik.

Viele Christen legen sehr großes Gewicht auf unverfälschte Bibelauslegung. Das ist sehr ehrenwert! Aber was haben wir eigentlich unter einer „unverfälschten“, „bibeltreuen“ Auslegung zu verstehen? Martin Kähler, ein pietistisch geprägter einflussreicher Theologieprofessor im 19. Jahrhundert (1835 – 1912), alles andere als ein „Bibelkritiker“, hat ein paar hilfreiche Sätze zu dem formuliert, was man den „hermeneutischen Zirkel“ nennt. Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen: Einerseits ist da der Text, andererseits die Person, die ihn liest und unweigerlich dabei ihre eigenen Vorstellungen auf ihn überträgt, was bedeutet: es gibt keine „rein“ objektive Bibelauslegung. Wir bitten zwar um den Heiligen Geist in der Hoffnung, dass er uns übersetzt, was Gott wirklich gemeint hat, aber dadurch wird die Auslegung nicht unbedingt objektiver, denn offensichtlich führt die geistliche Inspiration mitunter zu ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen. „Es ist zumeist der Herren eigener Geist, in dem Jesus sich spiegelt“, sagte Kähler über manche seiner Kollegen. Wer kann für sich beanspruchen, verbindlich objektiv zu ermessen, wie weit das, was sich da spiegelt, der göttlichen Wahrheit entspricht oder nicht? Gewiss, die Bibelauslegung prägt das Glaubensverständnis, aber das Glaubensverständnis prägt auch die Bibelauslegung, und Kähler zufolge liegt der Schwerpunkt des hermeneutischen Zirkels in Letzterem: „Wir glauben nicht an Christum um der Bibel willen, sondern an die Bibel um Christi willen“. Das leuchtet ein. Nur selten erschließt sich der Glaube einem Menschen nur dadurch, dass er die Bibel liest. Sie spielt zwar oft eine wichtige Rolle dabei, aber gar nicht unbedingt die wichtigste. Glaubensanfänger wissen häufig noch fast nichts über den Inhalt der Bibel, aber sie haben eine Vorstellung von der Liebe Gottes in Jesus gewonnen, sie haben sich davon berühren lassen und Vertrauen gefasst. Mit dieser Vorstellung fangen sie nun an, die Bibel zu lesen. Wenn es gut geht, wachsen Liebe und Vertrauen dadurch in ihnen. Die Vorstellung vertieft sich, die dankbare Liebe zu Gott reift heran und darum lieben sie nun auch das Buch immer mehr, das sie ihnen vor Augen führt. Der hermeneutische Zirkel wird zur hermeneutischen Spirale in ein immer tieferes Verständnis der Liebe hinein. 

Der Ton macht die Musik

Manchen ist das zu riskant. Sie fürchten, dass die Bibelauslegung durch die eigene Christusvorstellung des Lesers verfälscht wird. Deshalb bemühen sie sich, ein sehr scharf konturiertes Gegenstück dazu aus der Bibel herauszuarbeiten, das besonders objektiv sein soll, so wenig wie möglich durch subjektive Voreingenommenheit gefärbt. Um damit sicher zu gehen, scheint die Behauptung geeignet zu sein, die göttliche Inspiration der biblischen Autoren habe sich in der buchstäblichen Gestalt des Bibeltextes niedergeschlagen, er sei sozusagen zu Schrift geronnene Rede aus Gottes Mund. Der Heilige Geist bewirke dann im aufgeschlossenen Leser die Demut, sich dieser Buchstäblichkeit vollkommen unterzuordnen und alle Erkenntnis, die dem nicht exakt entspricht, zu leugnen. Man erhofft sich davon die nachhaltige Korrektur der subjektiven Vorstellungen von Gott und Liebe, mit denen der Leser den Text andernfalls verfälschen würde. Tatsächlich gibt es Texte, die nur dann richtig verstanden werden, wenn man sie buchstäblich nimmt, mathematische Formeln zum Beispiel oder präzise formulierte Gebrauchsanweisungen. Bei solchen Texten handelt es sich aber um ganz Unpersönliches. Je persönlicher hingegen ein Text ist, desto mehr kommt es darauf an, ihn so zu verstehen, wie er eigentlich gemeint ist, sich also vorzustellen, wer da redet und wie da geredet wird. Da geht es nicht mehr nur um falsch oder richtig, sondern da macht der Ton die Musik, da sind die Buchstaben Transportmittel für eine Botschaft, die nur zum Teil in ihnen selbst enthalten ist. Das trifft für die Bibel ganz eindeutig zu. 

Wahrheit ist nicht Wahrheit ...

Für Paulus ist es so eindeutig, dass er sogar zugespitzt sagen kann: „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“. Damit ist, wenn wir die Autorität des Apostels respektieren, was ich warm empfehlen möchte, die Verwendung der Bibel als Gebrauchsanweisung, als wissenschaftliches Lehrbuch oder als juristischer Katalog ausgeschlossen. Wer die Bibel so versteht, der versteht sie also falsch. Nach Paulus wird sie nur dann recht verstanden, wenn sie im Geist der Liebe gelesen wird. Die Liebe und nur die Liebe allein ist der Schlüssel zum Verständnis dafür, wie die Texte der Bibel eigentlich gemeint sind. Vor dieser Aussage muss man sich nur fürchten, wenn man Liebe und Wahrheit einander gegenüberstellt, als müsste die Wahrheit auf die Liebe aufpassen und sie begrenzen. Aber die Wahrheit hat die Liebe nicht zu überwachen, sondern sie hat ihr zu dienen. Wahrheit ist nicht Wahrheit, wenn sie nicht der Liebe dient. Nur in der Liebe hat sie Sinn. Die Liebe ist das einzig Wahre. Das ist viel mehr als nur ein Wortspiel. Wenn die Bibel, Gottes großartiger, sehr ausführlicher „Liebesbrief“ an uns, verkündet, dass alles durch Christus, in ihm und auf ihn hin geschaffen wurde, dann ist das gleichbedeutend damit, dass alles, das Universum also, aus Liebe geschaffen wurde,  durch Liebe erhalten und in Liebe vollendet wird. Alle Wahrheitsfindung ist darum eine Teilerkenntnis der universalen Liebe des Schöpfers und findet ethisch ihren Sinn darin, die Schöpfung auf das Ziel ihrer Vollendung hin voranzubringen. Wir wissen nur zu gut, wie entdeckte Wahrheiten übel missbraucht werden können. Aber dazu sind sie nicht bestimmt.

„Die Wahrheit hat die Liebe nicht zu überwachen, sondern sie hat ihr zu dienen.“

Um der Liebe willen korrigiert

Machen Sie die Probe! Wählen Sie sich einen beliebigen Bibeltext und nehmen Sie den Auslegungsschlüssel der Liebe zur Hand. Entschließen Sie sich, den Text ausschließlich aus dem Blickwinkel der Liebe zu interpretieren. Gehen Sie so in Zukunft auch an Texte heran, die Ihnen ganz schwierig erscheinen. Sie werden merken, dass Sie sich keine Gewalt mehr antun müssen, sich scheinbaren biblischen Diktaten zu fügen, die Ihrem gesunden menschlichen Empfinden widersprechen. Die Bibel korrigiert, um der Liebe willen, einige kranke Vorstellungen vom Leben, nicht aber den gesunden Menschenverstand, und der gesunde Menschenverstand ist das natürliche Empfinden für das, was wahrhaftig liebenswert ist. 

Das Musterbeispiel praktizierter Liebe

Es gibt Christen, die sehen das mit großer Skepsis. Sie sind der Ansicht, dass „Ungläubige“ überhaupt kein natürliches Empfinden für das ethisch Angemessene haben, weil ihre Natur ganz und gar verdorben sei. Darum trauen sie dem gesunden Menschenverstand, auch ihrem eigenen, nur sehr wenig zu. Ich halte das für eine lieblose Bibelauslegung, die der Wahrheit nicht gerecht wird. Sie ist schuld daran, dass gläubige Christen oft ziemlich arrogant und weltfremd zugleich wirken und dass sich uns immer wieder die merkwürdige Wahrnehmung aufdrängt, Nichtchristen hätten nicht selten ein besseres Gespür für das Angemessene als Christen und ein viel besseres als die Moralapostel unter ihnen. Jesus scheint das auch schon ähnlich gesehen zu haben, was ihn dazu veranlasste, die besonders gläubigen Gutmenschen seiner Zeit, die bekanntlich seine schärfsten Kritiker waren, dadurch zu provozieren, dass er ihnen als Musterbeispiel praktizierter Nächstenliebe ausgerechnet einen Samariter präsentierte – Samariter waren die Leute, die man als besonders gläubiger Mensch am allerwenigsten zur Liebe fähig und der Liebe wert hielt. Ich glaube, dass einigermaßen gesund empfindende Menschen sehr wohl ein Gespür für die Liebe haben. Es muss nicht erst künstlich aus buchstabengetreuer Bibelauslegung gewonnen werden; leider geht es sogar immer wieder bei den Versuchen, die „wahre Liebe“ der Bibel an die Stelle der „falschen“ natürlichen Liebe zu transplantieren, ziemlich verloren: Gläubige werden gesetzlich und so irritiert ihrem eigenen Gespür gegenüber, dass sie ständig nach göttlichen Weisungen und Zeichen Ausschau halten, die ihnen die Sicherheit verleihen sollen, sich nur ja „biblisch“ zu benehmen. 

Wem sich wahre Liebe offenbart

Nicht zuletzt die Bibel selbst bietet uns einige Beispiele von Menschen, die sich aufrichtig der Liebe verpflichtet sahen und darum zur Wahrheit der jüdisch-christlichen Gottesoffenbarung fanden, wie auch von ehrlichen Wahrheitssuchern, denen sich die wahre Liebe offenbarte. Sie kamen aus aller Herren Länder und den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen. Das ist bis heute so geblieben. Es ist zum Beispiel sehr beeindruckend, mit welcher Ehrfurcht und Bewunderung sich leidenschaftlich wahrheitsliebende große Wissenschaftler unserer Zeit wie etwa die revolutionären Physiker Einstein, Schrödinger und Heisenberg dem göttlichen Geheimnis der Schöpfungsordnung näherten. Solche Menschen gehen, wie schon jene Weisen aus dem Morgenland, oft ihre eigenen Wege, die nicht jedermann zugänglich sind und in keine engen Dogmen passen, aber sie alle leitet derselbe Stern. Den Stern von Bethlehem dürfen wir getrost als Sinnbild des völligen Zusammengehörens und Zusammenfindens von Wahrheitssuche und Liebessehnsucht verstehen. Wer sucht, soll finden. 

Wir vertiefen unser Verständnis

So erweitert sich der hermeneutische Zirkel: Unser eigenes Bibellesen öffnet sich dem Dialog mit Menschen, die sie anders lesen oder gar nicht, aber trotzdem ernsthaft nach Wahrheit und Liebe streben. Indem wir ihnen zuhören und von ihnen lernen, ohne uns in ihren Glaubensvorstellungen zu verlieren, die uns ruhig etwas fremd bleiben dürfen, erweitern wir unseren biblischen Auslegungshorizont. Wir schmoren nicht im eigenen Saft, wir finden wirklich neue Einsichten anstatt der immer selben alten Leier, wir begreifen, wie man als Mensch des 21. Jahrhunderts manches auch sehen und auslegen kann, wir vertiefen unser Bibelverständnis dadurch und bleiben staunend forschend unterwegs als Menschen auf der Höhe der Zeit, die sich nicht einbilden, die Wahrheit mit Löffeln gegessen zu haben, die aber doch ein wenig daran nippen dürfen.

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