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Wenn die Sonne auf mein Bäuchlein scheint

Essay

Tina Tschage erlaubt einen Einblick in ihr Innerstes und nimmt uns mit auf die Reise. Wie kann ein Mensch es schaffen, sich selbst zu lieben? Wie sich im Blick auf den Wert und die Akzeptanz des eigenen Seins losmachen von Erfolg und Leistung? Welche Rolle spielt die Liebe zu sich selbst im Blick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft? Und was hat Gott am Ende damit zu tun?

Morgens halb sieben in meiner Wohnung. Ich schäle mich aus dem Bett und schlurfe ins Bad. Vor dem Spiegel begegne ich einem zerknitterten Wesen. „Wer ist das denn???“ frage ich, lasse mich aber nicht abschrecken und gehe nach einer schnellen Katzenwäsche weiter in Richtung Kleiderschrank. Auf der Suche nach einer geeigneten Klamotte scheitere ich immer wieder beim Blick auf mich selbst: zu eng, zu klein, zu weit. In der Küche angekommen, bemühe ich mich um ein Frühstück, das meiner Figur so wenig wie möglich schadet. Danach schlage ich meine Bibel auf und frage mich plötzlich, ob ich meine Morgenroutine nicht vielleicht besser umstellen sollte. 

Das, was ich las, steht im Neuen Testament, wurde von Lukas aufgeschrieben und ist mir als Theologin bestens als „Doppelgebot der Liebe“ bekannt. Jesus rezitiert da Passagen aus dem Alten Testament. Und macht sie damit besonders bedeutungsvoll. 

Das ist ja gar kein Doppelgebot

Ich fasse kurz zusammen. Ein Gesetzeslehrer hatte Jesus mal wieder zum Disput herausgefordert. Gesetzeslehrer – das waren zu Jesu Zeiten die ganz schlauen gläubigen Leute. Die kannten sich aus mit den Heiligen Schriften und den Gesetzen. Und dieser eine wollte jetzt von Jesus wissen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu bekommen. Jesus stellte daraufhin die Gegenfrage: „Was liest du denn im Gesetz darüber?“ Klug und schriftfest wie der Gesetzeslehrer ist, antwortet er mit dem Doppelgebot der Liebe: „,Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand!‘ Und: ,Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst!‘“.
 
Das lese ich also an diesem einen Morgen, und merke: das ist ja gar kein Doppelgebot. Es ist ein Triplegebot! Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Da geht’s um dreierlei: Gott lieben, den Nächsten lieben – und mich selbst lieben. 

Gott lieben, ja ok. Das lerne ich seit vielen Jahren, geht mal besser und mal schlechter, aber im großen Ganzen: läuft. Meinen Nächsten lieben, hm. Schon schwieriger. Der Nächste ist mir oft so fremd. Selbst die, die mir sehr nah sind, sind manchmal so komisch. Aber gut, im Kern: läuft auch. Und was ist mit mir selbst? Denn in meinem Text steht ja: „... lieben .... wie dich selbst.“ Und es scheint mir, dass das nicht nur ein freundlicher Hinweis ist zu meiner eigenen Seelenpflege, sondern das, was die anderen beiden Aussagen auch sind: ein Gebot Gottes! Ein Auftrag an mich!

Nun ist ja Lieben an sich schon nicht immer einfach. Bei den Leuten, die ich gerne mag, fällt mir das leicht. Aber ich mag ja nicht einmal Gott immer gleich gerne. Wenn alles nach (meinem) Plan läuft, dann liebe ich ihn total. Wenn die Dinge anders kommen und meine Gebete (ähm ... Bitten, Aufträge, Anweisungen) anscheinend im Nichts verhallen – dann sieht die Liebes-Welt schon anders aus. Genauso ist es mit den Menschen um mich herum: Die, die ich gerne mag, zu lieben, ist eine einfache Sache. Aber was ist mit denen, die blöd sind, die ich nicht leiden kann, die nicht das tun, was ich denke, dass sie tun wollten? „Ja, die auch“ sagt Gott. 

Die Katze beißt sich in den Schwanz

Komme ich mutig zu mir: Wenn es mir gut geht, die Sonne auf mein Bäuchlein scheint und ich mit mir und meiner Welt zufrieden bin – ja klar liebe ich mich dann auch selbst. Aber wehe den schlechten Tagen. Die, an denen ich morgens im Spiegel ein zerknittertes Ding sehe und mich frage, wer das ist. Wenn ich mal wieder was nicht geschafft, erreicht habe. Lieben? Heute eher nicht. 

Das ist bei uns Mädels übrigens tatsächlich eher so eine Sache von Äußerlichkeiten. Wir drehen uns um Schönheit und Aussehen. Daran hängen wir unseren Wert und analog dazu die Liebe zu uns selbst. Da kommt es aufs Gefühl an. Wenn ich das Äußere nicht leiden mag, dann das Innere auch nicht. Ganz anders soll das übrigens bei den Herren der Schöpfung sein, habe ich mir sagen lassen. Da geht es mehr um Leistung: „Habe ich geschafft, was zu schaffen war?“ fragen sie, und wenn die Antwort „Nein?“ lautet, tja, dann ist die Liebe zu sich zwar auch schon mal ein bisschen in Gefahr, aber eben nicht gleich komplett dahin. Männer scheinen sich generell eher weniger Gedanken um diese Themenkreise zu machen als wir Frauen. 
Ob ich mich selbst lieben kann, scheint von meinem Wert abzuhängen. Der wiederum hängt daran, ob ich mich selbst positiv wahrnehme. Bei Männern heißt das vermutlich: Ich habe geschafft, was zu schaffen war. Bei Frauen heißt es eher: Ich bin schlank und schön genug. Der Umkehrschluss ist dann leider klar.

Ohne Wenn und Aber

Nun ist es vermutlich gar nicht so schlau, meine Selbstliebe von meinem Wert abhängig zu machen. Oder doch? Ich brauche offensichtlich nur den richtigen Maßstab. Und eine Bedingungslosigkeit, die ich in meiner Welt selten finde. Ich entdecke freudestrahlend, dass dieses Gottes-Gebot der Liebe eben nicht an Bedingungen geknüpft ist. Schlicht und ergreifend steht da, was ich zu tun habe: lieben. Gott, den Nächsten, mich. Und zwar ohne Wenn und Aber. 

Bei meiner Recherche zu mir selbst und anderen habe ich ein Geheimnis entdeckt. Es scheint mir sogar DAS Geheimnis zu sein, wie es gehen kann mit der Liebe. Auch mit der Selbstliebe. Es steckt der persönliche Glaube dahinter. Gott also. Und Jesus, der Mann, der die Liebe in die Welt gebracht hat. In der Antwort auf seine oben erwähnte Frage, wie das gehen kann mit dem ewigen Leben, zitiert 

der Gesetzeslehrer zwei Passagen aus dem Alten Testament. Und da geht es nicht darum, Gesetze zu erfüllen und das ewige Leben zu gewinnen. Hier geht es um Liebesgeflüster, das dem Leben dient. Und zwar heute, hier und jetzt. Am Ende sagt Jesus schließlich: „Tu das, und du wirst leben.“ 

Die Liebe zu mir selbst hat also eine ganz zentrale Bedeutung – eine lebenswichtige! Das Ganze ist aber dreidimensional geknüpft. Dachte ich eben noch, die Katze beiße sich in den Schwanz, merke ich jetzt auf einmal: Klar! Das geht nur alles gleichzeitig. Hand in Hand. Diese dreidimensionale Liebe bedingt einander. Sie beginnt mit Gott. Gott ist Liebe. Wir sind von ihm liebe-voll geschaffen. Wir sind wert-voll. Das genau ist der Grund, warum wir in Gottes Namen auch alle unsere Nächsten zu lieben haben: weil sie wert-volle Geschöpfe Gottes sind. Hier enden wir meist. Aber: Es geht weiter. Die dritte Dimension dieser Liebe ist meine Liebe zu mir selbst. Gott lieben und den Nächsten lieben – und zwar so, wie ich mich selbst liebe. 

Geliebt, wertvoll, wunderbar

Menschen, die sich selbst nicht lieben, sich selbst nicht wertschätzen und einfach nur unzufrieden sind – was bringen die wohl in ihre Welt? Genau: Hass, Missachtung und Unzufriedenheit. Wir müssen nur die Zeitungen aufschlagen, um das zu beobachten. Nun drehe ich das rum und entdecke: Gott bringt seine Liebe in die Welt, er legt sie in mich und dich hinein, er überschüttet mich und uns alle mit seiner Liebe. Ich antworte mit meiner Liebe. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben...“ So mit Liebe voll versetzt mich Gott selbst in die Lage, alle meine Nächsten zu Lieben – ob ich sie nun mag oder nicht. Das spielt keine Rolle – Lieben ist angesagt. Und dann komme ich. Auch hier heißt es: Lieben ist angesagt – ob ich mich mag oder nicht. Beim gewagten Blick auf mich selbst und auf andere entdecke ich, was für eine Kraft hierin liegt. Wie sähe meine Welt aus, entdeckte ich doch endlich, dass ich die erste bin, die gut für sich sorgen und sich lieben kann, ohne das bereits zitierte Wenn und Aber! Möglich macht das die Prämisse, mit der ich lebe: Ich bin geliebt! Ich bin wertvoll! Ich bin wunderbar! Manchmal fühle ich das nicht, allzu oft glaube ich das nicht. Aber es ist die Tatsache, die mir der Schöpfer dieser Welt – mein Schöpfer – zuspricht. Ich würde ihn zutiefst beleidigen, würde ich etwas anderes behaupten. Mir hilft an dieser Stelle der Unterschied zwischen lieben und mögen. Lieben: Ja, immer, ohne Kondition. Mögen: Ok, manchmal nicht. Ich sollte mir zum Beispiel manchmal mit mehr Bewegung und weniger Süßkram auf die Pelle rücken. Aber ich sollte das liebe-voll tun! 

…Morgens halb sieben in meiner Wohnung. Ich schlage mutig die Bettdecke zurück, hüpfe von meiner Matratze und gehe beschwingt ins Bad. Dort begrüße ich mich im Spiegel mit den Worten „Guten Morgen Schönheit!“ und mache mich anschließend schick. Vor meinem Kleiderschrank suche ich mir je nach Laune oder Anlass fröhlich das aus, was gerade passt und gehe dann nach nebenan in die Küche, um mir das leckerste Frühstück zu bereiten. Schließlich starte ich in einen neuen, liebe-vollen Tag. Damit der gelingt, fange ich am besten gleich bei mir an. Ich liebe mich selbst und lass mich das einfach an jedem Tag schon gleich morgens spüren … 

Ich will den Blick nach innen wagen, und zwar zuerst aus Gottes Perspektive. Indem ich mir selbst Gutes tue und gut zurede. Indem ich mir klar mache, dass Gott mich wollte, und zwar genau so, wie ich bin. Indem ich mich mit anderen umgebe, die mir gut tun, ohne dass sie es merken. Und ich ihnen gut tue. In dem Fall sogar so, dass sie es merken. Wir Menschen brauchen einander. Und mir hilft, wenn ich mich selbst liebe-voll anschaue. Ohne Wenn und Aber.

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