Verantwortung - Das Richtige tun

Gesellschaft

Es ist gar nicht so leicht zu entscheiden, was das Richtige ist. Umso größer soll der Wunsch sein, es herauszufinden. Respektvoll. Ohne Abgrenzung und Anklage. Beherzt, entschlossen, dem Wohl aller dienend. Der Weg dahin ist steinig und unübersichtlich. Wir gehen ihn trotzdem.

Wir wissen, woher wir kommen. Kennen unsere Vergangenheit, die Entwicklung unserer Gesellschaft, unsere Art, auf allzu populistisches Geschrei zu reagieren. Und davon gibt es ja zu allerhand Zeiten immer ausgiebig aus den unterschiedlichsten Ecken. Immer von extrem extremen Menschen oder Gruppen, die die ihrer Meinung nach extremen Positionen Andersdenkender angreifen. Und das Volk hört zu. Oder eben auch nicht. Und das Volk schreit mit. Oder eben auch nicht. Wo stehe ich? Wo Sie? Wir müssen uns fragen lassen, ob wir als Gesellschaft auf der einen Seite und als Individuen auf der anderen noch in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen. Denn die scheint sich immer mal wieder zu wiederholen. Hier zum Beispiel ein interessantes Indiz. Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung kann man mit Blick auf die Ereignisse Anfang der 90er Jahre Folgendes lesen:
 

„Trotz der fortschreitenden Integration der Zuwandererbevölkerung und trotz der vielfältigen multikulturellen Begegnung im Alltag entstand neben dieser mehr und mehr als normal empfundenen und pragmatisch verwalteten gesellschaftlichen Realität Anfang der 1990er-Jahre ein düsteres Gebräu an zunächst ausländerfeindlichen und bald allgemein fremdenfeindlichen Abwehrhaltungen. Den Hintergrund für diese Paradoxie bildeten zwei Erfahrungen: Zum einen waren es die um die Jahrzehntwende stark wachsenden neuen Zuwanderungen, zum anderen waren es teils dadurch beeinflusste, teils aber auch ganz davon abgehobene Irritationen und Verzerrungen in der Wahrnehmung von Zuwanderung und Eingliederung.“

 

Eigentlich lief alles prima

Noch mal langsam. Zunächst stellt der Autor also fest, dass die Integration positiv verlief und die ins Land gekommenen Menschen, woher übrigens auch immer sie waren, im Alltag immer mehr als ganz normaler und bekannter Teil der realen Gesellschaft wahrgenommen wurden. Wunderbar. Ich gehe dabei übrigens davon aus, dass das nicht von selbst kam. Automatisch. Nur, weil da jetzt neue Menschen waren, die eine gewisse Not hatten, und andere, die der Not begegnen konnten. Nein, viel mehr vermute ich, dass diese positiv fortschreitende Integration für alle Beteiligten harte Arbeit war. Helene Plett hat uns in ihrem Beitrag einen kleinen Einblick gegeben, wie das für die Einwanderer aussah. Sie hat uns auch gesagt, mit welchen Ängsten die Deutschen damals auf die Ankömmlinge geschaut haben. Und, was soll ich sagen. In den allermeisten Fällen, das wissen wir heute, waren diese Ängste zwar emotional verständlich, rational aber nicht berechtigt. Aus dem Abstand stellen wir fest: Es hat unserem Land nicht geschadet, im Gegenteil, es hat vermutlich sogar geholfen.

Die verzerrte Wahrnehmung

Obwohl also alles relativ gut ging, wurde das Volk doch mürrisch und unruhig. Fremdenfeindliche Abwehrhaltung. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Aktuell. Das lag damals schon an abgehobenen Vorstellungen und verzerrten Wahrnehmungen von einmal den Menschen und dann auch dem gesamten Prozess. Es ging also gar nicht um das, was wirklich wahr war, sondern um das, was die Menschen für wahr hielten. Auch, weil einzelne Kräfte die öffentliche Wahrnehmung manipulierten. Womit wir uns der Frage nähern müssen, wer für Trends im Land verantwortlich ist. Zunächst die Politiker, die wir in freien Wahlen in die Regierung und Opposition gebracht haben. Wer aus Prinzip oder anderen Gründen gar nicht erst wählen gegangen ist, ist selbst schuld. Schuldig auch an der Gesellschaft. Durch Unterlassen einer kostbaren demokratischen Möglichkeit. Dann sind da die, die laut schreien und Aufmerksamkeit haschen. Auch die, die denen folgen. Entweder, weil sie deren populistisch rausgeschriener Meinung sind, öfter aber wohl, weil sie gar keine eigene Meinung haben. Und da ist die Presse. Die, die sich auf Unabhängigkeit und freie Berichterstattung berufen und dafür da sind, das Volk investigativ aufzuklären. Allerdings ist deren Ansehen heute nicht besonders hoch.

Kein Vertrauen 

Nach einer aktuellen Studie von infratest dimap im Auftrag der „Zeit“ haben mittlerweile 60 Prozent der Deutschen, also die klare Mehrheit, insgesamt nur noch wenig; sieben Prozent haben gar kein Vertrauen mehr in die Medien. Auch das Allensbacher Institut für Demoskopie misst, dass sich nur ein knappes Drittel der Bevölkerung in den Medien „ausgewogen“ informiert sieht; fast die Hälfte der Bevölkerung empfindet die Berichterstattung als „einseitig“.

Schnitt. Wir könnten uns sonst verlieren im Suchen nach möglichen Schuldigen. Schuldigen für Ursachen, Verlauf und Auswirkungen. Zwar halte ich es für sehr geboten, sich solide mit dem auseinanderzusetzen, was ist. Die Betonung liegt auf solide. Mehr aber als den aufklärenden Blick nach hinten, empfehle ich den verantwortlichen nach vorne. Und die Besinnung auf die Präambel unserer Verfassung: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen …“

Verantwortung vor Gott

Wir haben eine Verantwortung vor Gott und den Menschen und müssen uns dieser bewusst sein. Mir scheint, dass wir es verlernt haben, uns in Verantwortung vor Gott zu bewegen und zu entscheiden, weil die Verantwortung vor den Menschen eine größere Bedeutung bekommen hat. Eine zu große, zumindest eine unausgewogene. Wir sollten diese enge Verflechtung der beiden Verantwortungsinstanzen nicht trennen wollen. Vor den Menschen, ja, da kümmern wir uns augenscheinlich aufrichtig drum. Viele Initiativen, Gesetze und Entwicklungen lassen dabei allerdings stark den Eindruck entstehen, hier würde der Humanismus einziehen. Was uns nebenbei nicht so richtig gelingt, ist die Konzentration auf den zweiten Bereich unserer Verantwortung. Der nämlich vor Gott. Und Achtung: Die Verfassung ist ein politisches Dokument und nicht Auszug aus der Bibel. Umso gewichtiger sind die einleitenden Worte! Die nicht von konservativen Theologen, sondern von dynamischen, aufbrechenden Politikern der Nachkriegszeit formuliert und von der überwältigenden Mehrheit des Volkes verabschiedet wurden. Wenn wir nur nicht so schnell vergessen würden.

„Mir scheint, dass wir es verlernt haben, uns in Verantwortung vor Gott zu bewegen und zu entscheiden, weil die Verantwortung vor den Menschen eine größere Bedeutung bekommen hat.“

Vom Willen beseelt

Mir gefällt diese Formulierung. Drückt sie doch aus, dass da etwas existenzieller Teil unseres Seins geworden ist. Tief in unserer Seele verankert, im Zentrum unseres Wesens, lebt der Wille, dem Frieden dieser Welt zu dienen. Und erlaubt uns damit neben aller staatsbürgerlichen Pflicht auch die Freiheit des Gewissens. So können wir zum Beispiel da, wo wir den Eindruck haben, dass sich um uns herum etwas bedrückend entwickelt, aufstehen und beherzt und liebevoll sprechen. Wir können unserem Herzen folgen, der Liebe, die in uns lebt, Raum und Ausdruck geben! Wir können als Einzelne das tun, was wir als Ganzes oft zu tun verlernt haben. Jede Gemeinschaft setzt sich aus Individuen zusammen. Jedes Individuum ist verantwortlich für die Entwicklung der Gemeinschaft. 

Nicht blauäugig

Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich gehöre nicht zu denen, die blauäugig durch die Welt laufen und einen Teil der Realität ignorieren, indem sie den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ich habe mit Flüchtlingen gesprochen, die mir Erstaunliches sagten: Dass sie ihre Ausweise vernichten, wenn das für sie hilfreich ist. Dass sie die Angabe des eigenen Geburtsdatums flexibel handhaben, wenn das hilfreich für sie ist. Am liebsten würden sie als Flüchtling anerkannt, bevor sie volljährig sind. Dann könnten sie die gesamte Familie nachholen. Deshalb schicken Eltern absichtlich ihre Kinder alleine auf die Reise. Weil sie kalkulieren, dass man flüchtende Kinder nicht so leicht abweist wie Erwachsene. Ich weiß, dass es unter der Flüchtlingen Betrüger gibt, die uns und unsere Hilfsbereitschaft ausnutzen. Das ist nicht in Ordnung. Aber es ist eben auch nur ein Teil der Wahrheit.

Lösung in Sicht?

Mir ist schon klar, dass wir eine schwierige Situation haben. Mir ist klar, dass die nicht von heute auf morgen zu ändern ist. Mir ist aber auch klar, dass sie garantiert nicht dadurch geändert und gelöst wird, wenn wir die Verantwortung vor Gott und Menschen trennen. Eine Lösung kommt nur dann in Sicht, wenn Gott vitaler Teil davon sein darf. Und wenn wir weniger populistisch schreien. Wenn wir mehr aus der Vergangenheit lernen. Wenn wir tun, was wir können. Und wir können ganz sicher mehr, als wir bereits tun. Wer hier jetzt versteht, dass es keine eindeutigen Einwanderungsregeln geben muss, wer liest, ich würde sagen, jeder und alle können und sollen kommen und bleiben, wir würden das schon schaffen, war bisher unaufmerksam. Ich bin nur schlicht nicht bereit, in diesem unsinnigen „entweder – oder“ zu denken. Das hat noch nie geholfen. Und führt nur zur Spaltung. Solange ich Atem habe und reden kann, werde ich mich dagegen wehren, werde ich meinen Mund aufmachen, werde ich dafür eintreten, dass wir mit all dem, was wir denken, tun und sagen, nicht nur vor Menschen, sondern auch vor Gott verantwortlich sind. 

Sie entscheiden, wie‘s weitergeht

Wir können das Richtige tun. Indem wir gründlich hinschauen und hinhören. Indem wir wieder lernen, sauber zu unterscheiden. Indem wir nicht den Lauten nachlaufen und ebenso nicht den Stillen unreflektiert das Wort reden. Indem wir lernen aus dem, was unser Land erlebt, geleistet und ausgehalten hat. Indem wir den Blick von uns weg hin zum anderen tun. Zu Asylsuchenden ebenso wie zu unserem Nachbarn. Die Entscheidung, was wir tun, trifft jeder selbst. Die, die beten können, haben die großartige Möglichkeit, das immer wieder für unsere Politiker zu tun. Die, die glauben können, dürfen sich daran erinnern, was David in einem Psalm und Paul Gerhardt später in einem Lied schrieb: „Befiehl dem Herrn deinen Weg und hoffe auf ihn. Er wird es wohl machen!“ Wir können also beten und glauben. Die Königsklasse der freien Menschen. Und wir können handeln. Ich bin begeistert über die vielen Initiativen, die sich der Menschen annehmen, die ins Land kommen. Denn in allererster Linie sind sie genau das. Menschen. Nicht Flüchtlinge, nicht Asylanten, Menschen! Wie gut zu sehen, dass sie von vielen aufrechten Bürgern als genau das behandelt werden. Dass ihnen Wärme, Respekt, Nähe und Liebe entgegengebracht wird. Lassen Sie nicht zu, dass das unter dem lauten Geschrei rechter oder linker Populisten kaputtgeht. Und gehen Sie bitte wählen, wann immer sich Ihnen eine Wahl bietet. Sie entscheiden, wie‘s weitergeht.

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