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Glaubst Du an die Liebe?

Leitartikel

Diese Frage ist unter Umständen so alt, wie die Menschheit selbst, die sie stellt. Zumindest die westliche Menschheit. Dass nämlich andere Kulturen auch einen anderen Blick auf diese komplexe Angelegenheit haben, erklärt Natascha Landes. Dass es bei der Liebe nicht nur um das Gefühl geht, auch. Am Ende steht eine These, die herausfordernder nicht sein kann.

Sie sitzt mir im Café gegenüber. Ihre Augen funkeln geheimnisvoll und ihren Mund umspielt ein verträumtes Lächeln. "Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?", fragt sie mich. Ohne zu Zögern antworte ich mit einem Nein. Und stoße sie damit erstmals vor den Kopf. Liebe auf den ersten Blick. Das, wovon jedes Mädchen und wahrscheinlich  auch so mancher Junge insgeheim träumt. Man steht auf der gegenüberliegenden Seite, die Blicke treffen sich und alles um einen herum verschwindet. Es gibt nur noch den anderen, den Einen. Man hört Musik, ein Feuerwerk explodiert, Schmetterlinge flattern im Bauch und fast magisch schweben wir aufeinander zu. Wir werden angezogen. 

Es muss aus dem Herzen kommen

Doch was ist Liebe? Gefühle? Schmetterlinge? Feuerwerk? Musik? Romantik pur? Was geschieht, wenn die Schmetterlinge wegflattern, die Musik aufhört zu spielen? An den Tagen, wenn es regnet und matschig ist in unserem Inneren und keine Romantik mehr zu spüren ist.  Ich frage meine Freundin aus Südostasien. Was ist Liebe? Ein Gefühl oder ein Gedanke? Sie sagt, Liebe kommt aus dem Herzen. In ihrer Heimat gibt es viele Paare, die verliebt sind und heiraten. Doch dann kommen die Kinder und die Liebe hört auf. Es dauert nicht lange, dann trennen sie sich wieder. "Das gefällt mir gar nicht.", sagt sie nachdenklich. "Was ist dann diese Liebe? Ein Gefühl?" "Ja, ein Gefühl. Aber es muss eben aus dem Herzen kommen. Vielleicht war das auch so am Anfang. Aber irgendwann ist es weg." 

Die Ehen sind gegründet auf einem Gefühl, gekoppelt an diverse Erwartungen. Der Mann steht eindeutig über der Frau, sie ist da, um ihm zu dienen. Kochen, Wäsche waschen, Kinder gebären. Es ist kein Miteinander oder Gegenüber. 

Ich erinnere mich an mein erstes Jahr in Südostasien. Ich bin in der 20. Woche schwanger, als wir unser Leben hier beginnen. Der Bauch wächst. David, mein Mann, hilft mir oft beim Aufstehen vom Fußboden (auf dem man gewöhnlich sitzt), trägt Einkäufe und ist allgemein hilfsbereit. Ganz normal, denke ich. Doch unsere Nachbarn beobachten uns. Einmal kommt eine Nachbarin auf uns zu, sie ist etwas angetrunken und kann deshalb sagen, was sie wirklich denkt. "David hilft dir immer. Ihr seid echt anders. Er liebt dich wirklich." In einem Land, in dem es enorm viele zerrüttete Familien, häusliche Gewalt, Abtreibungen und Scheidungen gibt, fallen wir auf. Manche Männer haben sogar mehrere Familien in unterschiedlichen Orten, kümmern sich allerdings um keine so richtig. 

Was geht da schief?

Auch in Deutschland ist viel Unsicherheit mit Liebe verbunden. Woher kann ich wissen, ob er mich wirklich liebt? Viele binden sich nicht, oder nur sehr spät und zaghaft. Es könnte ja doch noch schief gehen und man muss sich das Hintertürchen offen lassen. Als wir mit 25 Jahren heiraten, sind viele unserer Freunde überrascht. "Ihr seid doch noch so jung. Woher wisst ihr, dass es gut gehen wird?" Manche unserer Freunde heiraten dann auch, doch wir sind erschüttert, von vielen Scheidungen in unserem Freundeskreis zu hören. Was geht schief? 

Mein Vater sagt gerne scherzhaft: "Eine Ehe ist eine Verbindung, die zwei Menschen eingehen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht hätten." 

Was ist diese Liebe, die vom Herzen kommt, die bleibt? Wie kann ich lieben, ohne aufzuhören oder ohne, dass der Andere aufhört, mich zu lieben?
Zurück zu der Anfangsszene im Cafè. “Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?” fragt sie mich. “Nein. Ich glaube an Anziehung auf den ersten Blick, aber nicht Liebe auf den ersten Blick.” Was viele als Liebe auf den ersten Blick definieren, ist ein Gefühl. Vielleicht Intuition, vielleicht die Vermutung, dass dies der Richtige ist. Oder nur das Verlangen, diese Person besser kennen lernen zu wollen. Wir fühlen uns zu dem Anderen hingezogen. Wir sind fasziniert und möchten dem Anderen gefallen. Aber dieses Gefühl kann schnell verschwinden. Wir lernen den Anderen kennen und merken, dass er (oder sie) doch nicht so toll ist. Weil er beim Essen mit offenem Mund kaut, ständig in der Nase popelt, dauernd zu spät ist oder doch nicht so ein interessanter Gesprächspartner ist, wie wir anfangs dachten. Oder, tiefer gehend, nicht dieselben Werte vertritt, die uns wichtig sind, oder andere Lebensziele verfolgt.

„Gefühle kommen und gehen. Liebe, die halten soll, tiefe Liebe, kann deshalb nicht nur auf einem Gefühl aufgebaut sein.“

Gefühle kommen und gehen

Vielleicht lebt man sich auch einfach auseinander, sagt in einem Streit Dinge, die unverzeihlich sind. Oder man trifft jemanden, der uns ganz neu fasziniert und unsere Schmetterlinge wieder flattern lässt. Gefühle kommen und gehen. Liebe, die halten soll, tiefe Liebe, kann deshalb nicht nur auf einem Gefühl aufgebaut sein. Da muss mehr sein. 

Liebe muss auch eine Entscheidung sein. Die Entscheidung, beim Anderen zu bleiben, auch wenn es Streit und Unpünktlichkeit und schlechte Manieren gibt. Die Entscheidung, einen gemeinsamen Weg zu finden, auch wenn man vielleicht Eingeständnisse machen muss. Die Entscheidung, einander zu dienen und das Glück des Anderen vor sein eigenes Glück zustellen. Die Entscheidung, einander zu achten und wert zu schätzen und auch die Dinge mit Geduld zu ertragen, die einfach nerven. Die Entscheidung, wegzusehen und wegzulaufen, wenn jemand ankommt, der anziehend und interessant wirkt. Die Entscheidung, gemeinsame Ziele und Werte zu  finden und vielleicht dabei auch etwas Neues an mir selbst entdecken. 

David und ich sind nun seit fast 12 Jahren verheiratet. Es gab Tage, an denen ich nicht mehr wollte. An denen ich an all das dachte, was ich nun tun könnte, wenn ich alleine wäre und nicht auf andere achten müsste. Wenn ich tun und lassen könnte, was ich wollte. Essen was ich wollte. Aber am Ende des Tages bin ich doch dankbar, diesen Weg nicht alleine zu gehen. Dass ich jemanden habe, mit dem ich die guten und die schlechten Zeiten durchlebe und erlebe. Dass ich mich für die Liebe entschieden habe und nun mit jemandem lachen und weinen kann.

Liebe ist eine Entscheidung 

In guten wie in schlechten Zeiten.  Also doch nur Verstand? Als ich meinen erstgeborenen Sohn nach neun Monaten endlich in meinen Armen halten darf, überwältigt mich eine Welle der
Gefühle – Stolz, Zärtlichkeit, der Gedanke, ihn gegen alle Gefahren beschützen zu wollen, und der Wunsch, ihn ganz nah bei mir zu haben. Ich hätte ihn zu Tode knuddeln können, weil er so süß war. Alle meine Träume und Hoffnungen waren in ihm vereint. Ich konnte mich gar nicht an ihm sattsehen. Meine Tage und Nächte drehten sich fast nur noch um ihn. Mit viel Freude sah ich zu, wie er wuchs und jeden Tag etwas Neues lernte. 

Ein tiefes Gefühl der Liebe. Insgesamt viermal hielt ich ein winziges, neugeborenes Wesen - mein geliebtes Kind - in meinen Armen und durfte dieses Gefühl erleben. Einfach Liebe. An Tagen, an denen die Windeln endlos waren, das Geschrei nicht mehr aufhörte, der Boden überall klebrig war und ich nicht mehr wusste, wer ich bin, war das Gefühl oftmals nicht mehr da. Ich empfand keine Liebe mehr. Doch ich konnte mich trotzdem meist liebevoll um diese kleinen Menschen kümmern, denn ich hatte mich ja für jedes einzelne von ihnen entschieden. Manchmal war es sehr hart und mit vielen Tränen verbunden. 

Jetzt sind sie älter, aber immer noch süß. Sie heute zu begleiten und täglich mit ihnen zu leben, ist eine ganz neue Herausforderung. Sie bringen mich immer wieder an meine Grenzen. Wie kann ich diese heranwachsenden Kinder individuell begleiten und fördern, so dass sie Menschen werden, die ich selbst gerne kennen würde? Wie kann ich ihnen täglich Liebe zeigen und entgegenbringen, wenn sie jammern, streiten, trotzig und frech sind? Auch hier ist es eine Entscheidung. Ich muss mich täglich für die Liebe zu ihnen, für Geduld, für Weisheit entscheiden, auch in den Momenten, in denen ich am liebsten weglaufen möchte. 

Entscheidung aus Liebe

Am Ende ist es egal, ob es um die Beziehung zwischen Partnern geht oder die zwischen Generationen. Am Anfang steht die Liebe, dieses wunderbare kribbelige Gefühl, das einen schier um den Verstand bringen kann. Diese Liebe führt – wenn es gut geht – zu der unauflöslichen Entscheidung zur Treue. Beides bedingt und befruchtet einander. Und erlaubt der Liebe auch in schweren Zeiten zu leben, zu überleben. 

Abends, wenn meine Kinder friedlich in ihren Betten liegen und schlafen, dann stellt sich auch das Gefühl wieder ein. Egal, wie mies der Tag war. Ich weiß dann wieder, dass ich sie liebe und immer lieben werde. Weil ich mich nicht nur dazu entschieden habe, sondern weil es sich gut anfühlt.

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