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Das Vergeben nicht vergessen

Essay

Wie schwer Vergebung wirklich fällt, entdecken wir dann, wenn es um etwas geht. Wie groß der eigene Wunsch ist, dem anderen weiterhin etwas nachtragen zu können, auch. Dass der am meisten leidet, der nicht vergibt, sagen uns die Philosophen. Dass der seine eigene Schuld behält, der nicht vergibt, sagt uns Gott. Dass Vergebung nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, sagt uns Karsten Hüttmann.

Sie war in ihren Augen nicht mehr als eine Nummer. Nummer 66730. So wurde sie gerufen, so stand es in den Akten. Und damit war sie nicht allein. Auch ihr Vater war nur noch Nummer gewesen, so wie ihre Schwester. Sie waren beide gestorben. In einem deutschen Konzentrationslager. Weil sie versucht hatten, anderen zu helfen. Man hatte sie ihrer Freiheit beraubt, damals im Frühjahr 1944. Und die sie gefangen hielten, nahmen ihr ihre Würde und Menschlichkeit. Dennoch überlebte sie. Und jeden Tag, den sie im KZ Ravensbrück war, sah sie für sich als Chance und Aufgabe, einem Menschen zu helfen und zu dienen, der noch bedürftiger war als sie. Und so plötzlich, wie sie inhaftiert wurde, wurde sie auch wieder freigelassen. Von da ab hatte sie nur noch ein Ziel: das Leben, das ihr plötzlich wieder geschenkt wurde, einzusetzen, um Menschen zu dienen. Nachdem der Krieg aus war, begann sie zu reisen und erzählte von ihren Erfahrungen und ihrem Glauben, der sie durchgetragen hatte. Ihr Name ist Corrie ten Boom. 

Ihre Worte haben mich tief berührt

Eines Tages kam es während einer ihrer Reisen zu einer besonderen Begegnung. Eine Begegnung, die Corrie tief in ihrer ganzen Existenz treffen sollte. Es geschah in München. Sie hatte in einer Kirche von der unendlichen Liebe Gottes und seiner Vergebung gesprochen. Am Ende des Abends kam ein Mann auf sie zu und stellte sich als ein ehemaliger Wärter des KZ Ravensbrück vor. Zum ersten Mal stand sie vor einem der SS-Angehörigen, der sie und ihre Familie so sehr erniedrigt hatte. Und in ihr kamen all die Erinnerungen wieder hoch. Noch immer stand er vor ihr. Dann fing er wieder an zu reden. Von seiner Dankbarkeit über ihre Worte, die ihn tief berührt hatten, und davon, dass er selber Vergebung in Jesus gefunden hatte. Schließlich streckte er ihr seine Hand entgegen. Und die Frage stand im Raum, ob sie ihm auch vergeben könne. Corrie ten Boom stand regungslos vor ihm. So oft hatte sie zu Menschen gepredigt und ihnen gesagt, wie wichtig es ist, zur Vergebung bereit zu sein. Aber jetzt, wo sie selber gefragt war, fiel es ihr unendlich schwer. Zorn und der Wunsch nach Rache kochten in ihr hoch. Aber gleichzeitig war ihr klar, dass Jesus auch für diesen Mann gestorben war. Sie selber schreibt, dass sie in diesem Moment anfing zu beten: „Jesus, vergib mir und hilf mir, diesem Mann zu vergeben. Ich versuchte zu lächeln“, schreibt sie weiter, „kämpfte damit, ihm die Hand zu reichen, aber ich konnte es nicht. Ich fühlte nicht den kleinsten Hauch von Wärme oder Nachsicht. Und so sprach ich erneut ein stilles Gebet. Jesus, ich kann ihm nicht vergeben. Gib mir deine Vergebung.” 

Vom Widerwillen zur Vergebung

Vergebung. Ein starkes Wort. Es hat damit zu tun, aus freien Stücken einer anderen Person etwas nicht mehr nachzutragen beziehungsweise vorzuhalten und negative Gefühle und Einstellungen loszulassen – und ist damit die Grundlage für alle gelingenden Beziehungen. Im Alltag bekommen wir das auch meistens relativ gut hin. Aber wehe, wenn nicht. Vieles Hässliche in dieser Welt hat mit der Unfähigkeit und dem Widerwillen zur Vergebung zu tun und fast jeder kennt solche Geschichten, wo Freundschaften, Ehen, Familien, Gemeinschaften daran zerbrochen sind. Wegen Geld oder falscher Worte oder gemeiner Taten. Das können sogar Sachen sein, die Jahre und Generationen zurückliegen – aber noch immer herrscht Streit darüber und es wurde nie Vergebung ausgesprochen. Und so treiben die unvergebenen Konflikte Menschen auseinander und wirken sich weiter zerstörerisch aus. 

Vergib uns unsere Schuld

Kein Wunder also, dass Gott so viel daran liegt, dass wir bereit sind, einander zu vergeben. Unsere Vergebungsbereitschaft soll kein Ende haben, sagt er. Und an einer anderen Stelle geht Jesus noch weiter: wenn wir nicht den anderen ihre Schuld vergeben, wird Gott uns auch nicht vergeben. Da klingen die Worte im „Vater unser“ plötzlich nochmal ganz anders: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Das ist unbequem. Nämlich dann, wenn die erlittene Schuld groß ist. Manches, was Menschen mir antun, kann ich schnell loslassen, also vergeben: die unbeabsichtigte Tat, das unüberlegte, emotionale Wort. Vor allem dann, wenn die andere Person mir gegenüber so etwas wie Reue zeigt. Aber bei Ungerechtigkeiten, die mir richtig wehgetan haben, die mich in meiner Persönlichkeit oder Würde getroffen und verletzt haben? So wie bei Corrie ten Boom. Oder vielen anderen, unzähligen Opfern, die Missbrauch, Übergriffe, Mobbing, Gewalt oder ähnliches erleben. Da fällt es einem nicht mehr leicht zu vergeben. Im Gegenteil. Trotzdem sind wir dazu aufgefordert: Vergebt einander!

Aber wie kann ich jemandem vergeben, der mir einen tiefen seelischen, körperlichen oder existenziellen Schaden zugefügt hat? Eine Antwort darauf ist, zu verstehen, dass vergeben nicht bedeutet, das Verhalten der anderen Person zu entschuldigen. Die Schuldfrage aber zu klären, ist Aufgabe der entsprechenden Instanzen. 

Corrie ten Boom stand vor ihrem ehemaligen SS-Wachmann. Und sie musste sich entscheiden, ob sie vergeben will oder nicht. Ihr Herz und ihr Kopf waren im Streit miteinander. Deshalb betete sie um Kraft. Und reichte ihm schließlich zögerlich die Hand. Unter Tränen sprach sie dem Mann ihre Vergebung zu und schreibt später darüber: „Für einen langen Moment hielten wir unsere Hände. Der ehemalige Aufseher und die ehemalige Gefangene. Ich hatte noch nie Gottes Liebe so intensiv gespürt, wie in diesem Moment.“

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