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Irgendwann erwischt es dich

Essay

Ob man Angst vor der Bedeutungslosigkeit haben muss, wollten wir wissen. Davor, dass man plötzlich nichts mehr zählt, niemand mehr etwas von einem will, alles, was in der Vergangenheit erreicht und geleistet wurde, verblasst. Gefragt haben wir Jürgen Werth. Einen, von dem wir annahmen, dass er es wissen könnte. Und der malt uns ein erstaunliches Bild.

Die Kölner A-Capella-Gruppe „Wise Guys“ besingt in ihrem tragisch-komischen Lied „Der letzte Martini“, was irgendwann einmal von James Bond geblieben sein wird: Es ist ein Trauerspiel, wie er am Tresen hängt und an die Zeit der fetten Spesen denkt. Mit schönen Frauen um die Welt zu jetten, nach dem Frühstück eben mal die Welt zu retten. Seine Majestät, sein Mutterland, schickten James Bond in den Ruhestand. Ein starker Mann, ein großer Held wird kaltgestellt. Zum Abschied nahm man ihm den BMW, Miss Moneypenny weinte und hauchte „Ade“. Q, der Erfinder, schenkt ihm zur Pension einen Treppenlift mit eingebautem Telefon. Geheimagent in tausend Nöten: Sie entzogen ihm die Lizenz zum Töten, und vom Kürzel „007“ sind nur die Nullen geblieben …

Und irgendwann erwischt es dich. Du selbst bist James Bond. Aussortiert. Nach Hause geschickt. Und du stehst vor denselben Fragen: Wer will dich noch? Was willst du noch? Was kannst du noch? Was sollst du noch? Erzählen kannst du noch. Von früher schwärmen. Die alten Geschichten wieder und wieder aufwärmen. Aus dem Krieg. Aus der Schule. Aus dem Betrieb. Aus der Gemeinde. Und anderen damit auf die Nerven gehen. Neulich hörte ich von einem alt gewordenen Politiker, der jedem, der es sehen will oder nicht, die Fotos zeigt, auf denen er mit den Großen dieser Welt zusammensitzt, zusammensteht. Und alle gähnen ...

Nein, was du warst, will keiner wissen. Wenigstens nicht auf die Dauer. Was du bist, zählt. Aber was bist du? Was bleibst du? Was bist du wert? Wenn du zuvor nie darüber nachgedacht hast: Spätestens jetzt musst du. Sollst du. Darfst du. Aber keine Angst: Du kannst dich dabei auf Überraschungen gefasst machen.

Auf einmal war ich nur noch Henri

Henri Nouwen, der bekannte holländisch-amerikanische Autor, Psychologe und Theologe, hat die letzten Jahre seines Lebens mit geistig behinderten Männern gelebt und gearbeitet. Die hatten, als er kam, nie zuvor seinen Namen gehört, nie ein Buch von ihm gelesen. Die interessierte nicht, dass er Harvard-Professor gewesen war. Die wussten nicht einmal, was Harvard bedeutet. Nouwens bittere und gleichzeitig entlastende Erkenntnis: „Auf einmal war ich nur noch Henri.“ Irgendwann bist du nur noch Thomas, Nicole, Werner. Aber ist das schlimm? Vor ein paar Jahren war ein junger Student aus Gießen zum ersten Mal in unserem CVJM-Kreis in Wetzlar zu Gast. Wir stellten uns gegenseitig vor. Ich auch. Da stutzte er. Und strahlte. „Wow! Jürgen Werth! Der große Liedermacher …“ – ich wuchs auf Überlebensgröße – „… von früher!“ Ich sackte zurück auf Normalmaß.

Wer bin ich? Was bleibe ich? Was bleibt von dem, was ich einmal war? Was ich geleistet habe? Geschrieben und gesungen? Was nehme ich mit, was lasse ich zurück? Mich nehme ich mit. Immer. Mein Herz. Meine Seele. Meine Geschichte. Und die hoffentlich guten Spuren, die ich in dieser Welt und im Leben anderer Menschen hinterlassen habe. Mehr wohl nicht. Alles andere verblasst, vergilbt, gerät in Vergessenheit. Und ich lerne, dass das tatsächlich nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Es macht mich frei, der Mensch zu werden, der ich wirklich bin. Das Alte ist gut. Wichtig. Es gehört zu mir, ich habe es geformt und geprägt. Und es hat mich geformt und geprägt. Aber es gehört in eine bestimmte und begrenzte Phase meines Lebens. Es hatte seine Zeit.

Mehr Anfang war selten

In der Zeit meines Abschieds von ERF Medien – dort war ich über 20 Jahre lang verantwortlich für rund 200 Mitarbeitende und einen Jahresetat von deutlich mehr als 10 Millionen Euro – habe ich Tagebuch geschrieben. Für mich. Für andere. Inzwischen ist es ein Buch, das manche in der Zeit ihres eigenen Übergangs vom alten in ein neues Leben begleitet hat. Dem Buch habe ich den Titel gegeben: „Mehr Anfang war selten“. Weil ich es so erfahren habe. Denn es geht nicht nur etwas zu Ende. Es beginnt etwas komplett Neues. Es geht weiter. Immer weiter.
Dafür braucht man Phantasie und Mut. Zuversicht und Geduld. Ja, Geduld. Denn dieser neue Lebensabschnitt ist ein Ausbildungsberuf. Gute zwei Jahre habe ich inzwischen absolviert. Aber nein, ich habe noch nicht ausgelernt, ich bin noch nicht angekommen, bin noch nicht Meister, nicht einmal Geselle. Nicht wirklich. Ich will auch gar nicht angekommen sein. Nicht auf Dauer. Ich bin unterwegs. Ich bleibe unterwegs. Das fühlt sich zuweilen etwas ungemütlich an. Ist aber dennoch wohl das, was mir und uns allen verordnet ist.

„Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten. Aber auf dem alten Grunde Neues wirken jede Stunde.“

An der Wand eines alten Hauses in Davos habe ich gelesen: „Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten. Aber auf dem alten Grunde Neues wirken jede Stunde.“ Das muss man wollen. Und sich vorbereiten. Rechtzeitig. Wie auf die Reise in ein unbekanntes Land. Als ich noch viel jünger war, 45 oder so, sagte ein kluger Mann: Jetzt musst du anfangen, dich auf die Zeit nach dem Berufsleben vorzubereiten. Jetzt? Mit 45? Ich habe verständnisvoll genickt – schließlich hatte da ein wirklich kluger Mann gesprochen. Aber die Rückseite meines Gesichts hat gegrinst. Also wirklich. Klar. Für eine gescheite Altersvorsorge war es da fast schon zu spät. Aber für alles andere zu früh. Dachte ich. Damals. Heute weiß ich: was dem Bankkonto Recht ist, ist der Seele billig. Und dem Körper. Wer erst mit Anfang 60 anfängt, dem Leben Sinnhaftigkeit zu verleihen, fängt in der Regel zu spät an. Wer erst da beginnt, das Leben außerhalb des Betriebs zu erkunden, beginnt zu spät. Wer nie Sport getrieben hat, wird mit 60 kaum noch die müden Knochen aus dem Fernsehsessel bekommen. Wer nie gelesen hat, wird nicht plötzlich auf wundersame Weise zur Leseratte. Wer nie musiziert hat, greift nicht plötzlich begeistert zur Violine. Und wer keine Freundschaften gepflegt hat, wird nur noch schwer Freunde finden, die diesen Namen verdienen. 

Um den Abend wird es licht sein

„Um den Abend wird es licht sein.“ So steht es beim alttestamentlichen Propheten Sacharja. (14,7) 

Vielleicht kann man diesen Satz, der die letzte Zeit beschreibt, auch ganz persönlich interpretieren: Manche Gedanken werden klarer und klüger, wenn einer älter wird. Weiser. Heller. Weil sie vollgepackt sind mit demütigem Lebenswissen. Vielleicht werden sie auch rücksichtsloser in einem besonderen Sinn. Er muss und wird ja weniger Rücksicht nehmen müssen auf die Empfindlichkeiten der anderen und auf seine eigenen. Er muss ja keine Sorge mehr haben, was er sagt oder schreibt, könnte der eigenen Karriere schaden. Was nichts mit nachlassender Barmherzigkeit zu tun hat. Im Gegenteil. Denn wer nicht wagt zu sagen, was er erkannt hat, weil er niemandem zu nahe treten und selber nicht zurückgewiesen werden möchte, sagt ja eben oft nicht das Wichtige und Wesentliche. Das Erhellende. Alles bleibt dann dämmrig und im Ungefähren. Womit keinem geholfen ist. Keinem Menschen. Und nicht der Welt. Klarer sehen und empfinden, klarer sprechen und schreiben, klarer und eindeutiger – auch hier haben älter werdende Menschen eine besondere Aufgabe. Sie können Leuchtturm sein. Orientierungsfeuer.

„Um den Abend wird es licht sein.“ Dieser Satz gilt aber vielleicht nur dann, wenn das Licht der Liebe Gottes jeden Tag neu die eigenen Gedanken- und Gefühlswelten durchstrahlt. Licht sein kann nur, wer sich dem Licht aussetzt. Am Morgen, am Mittag, am Abend. Und in der Nacht. So sind wir unterwegs Richtung Himmel. Mit offenen Augen und Ohren. Mit Händen, die zupacken, wo Not am Menschen ist. Mit guten Gefährten an der Seite. Und mit einem unendlich barmherzigen Gott.

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