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Die Angst vor der Angst

Essay

Sie lässt sich kaum leugnen, ignorieren oder verdrängen. Sie drängt sich auf, ignoriert den, der sie willkommen heißt. Und leugnet die Hoffnung. Will allein da sein, bestimmen will sie und herrschen. Die Angst ist kein guter Begleiter. Auch wenn sie einem manchmal vormacht, sie sei die einzige, die bereit sei, mit einem zu gehen. Aber sie lügt. Doch sie wird mit ihrer Lüge nicht das letzte Wort behalten. Ein leidenschaftlicher Appell für das Gottvertrauen. Von Detlef Eigenbrodt.

Der kleine Junge, von dem ich Ihnen erzählen möchte, war alles andere als mutig. Zurückgezogen in seine eigene kleine Welt, in seinen Kopf, in einen Raum, in dem er sich sicher wähnte, hoffte er, dass seine Tagträume Realität werden würden. Irgendwann. Er war nicht wirklich schüchtern, er war nicht wirklich unsicher, aber er war dem Leben auch irgendwie nicht gewachsen. Weil die Angst von ihm Besitz ergriffen hatte. Und sie war vielschichtig, seine Angst. Zum Beispiel davor, dass die Hänseleien und die Verschmähungen in der Schule eines Tages nicht mehr zu ertragen sein würden. Mit jedem neuen oder wiederholten Witz über ihn zog er sich weiter zurück. Floh. In die Einsamkeit. An einen Ort, an dem sich niemand über ihn lustig machte. Weil ja niemand da war. Er hatte sie ausgesperrt, die Spötter und Verächter seines Alltags. Sie sollten seine Angst und Tränen nicht sehen. Weil sie ihnen nur neues Futter für neuen Spott bieten würden. Und noch mehr Spott konnte er nicht ertragen. 

Ob er denn ganz allein war, dieser Junge, fragen Sie? Nein, war er nicht. Er lebte in einer großen Familie. Hatte Eltern und Geschwister. Hatte es warm, hatte zu essen, hatte Kleidung. Er litt an all dem keinen Mangel. Ob denn niemand merkte, wie es ihm ging, dass er litt, innerlich schrie vor Schmerz und Verzweiflung? Nun, diese Frage ist schon schwieriger zu beantworten. Denn wenn es jemand merkte und nichts dagegen tat, wäre das nicht eine unverzeihliche Schuld, die da jemand auf sich lud? Eine grausame Unterlassung von dringend nötiger Zuwendung? Andererseits, wenn der, der es merkte, schlicht selbst nicht in der Lage war, der Not des Jungen etwas Frohes, Helles entgegenzusetzen. Was dann? Wären dann die um den kleinen Jungen herum nicht ähnlich schlecht dran wie er selbst, oder gar noch schlechter? Gilt Hilflosigkeit als Erklärung, ja gar Entschuldigung? Schlimmer noch: was, wenn niemand, der den Jungen kannte, spürte, wie verzweifelt er war, zerrissen in seiner Angst? Wenn es keinen interessierte? Wenn es nicht von Bedeutung war, weil der Junge nicht von Bedeutung war? Der kleine Junge fragte sich oft, ob es wohl jemand bedauern würde, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre. Und er wollte sich heimlich und leise wegschleichen. Aber es gelang ihm nicht. 

Der kleine Junge hatte große Brüder. Die hatten aber nicht viel mit ihm zu tun. Das ist manchmal so mit großen und kleinen Brüdern. Er mochte sie. Schaute zu ihnen auf. Wollte sein wie sie, stark, groß, selbstbewusst. Aber er erreichte sie nicht. Weil er noch zu klein war. Dabei spielte weder Alter noch Körpergröße eine Rolle. Jeder vergebliche Versuch ihnen nahezukommen, trieb ihn traurig weiter in seine eigene Welt, in der die Einsamkeit ihn umgab wie ein schützender Schild und er wenigstens davon träumen konnte, geliebt zu werden. Da war dann niemand, der ihm weh tat. Der kleine Junge hatte große Angst. Auch wenn er das damals so nicht wusste. 

Ob nicht wenigstens die Eltern etwas merkten, fragen Sie? Ob Sie nicht spürten, wie verzweifelt ihr Kind war, wie eingeschüchtert, hilflos, zutiefst verletzt und verängstigt? Wie sich der Junge in einer Welt bewegte, in die er nicht gehörte? Wie Illusion und Wunschvorstellung allmählich die Realität abzulösen drohten? Ich bin nicht ganz sicher, ob sie es nicht wussten. Es fällt fast schwer zu glauben, aber wer will das schon endgültig beurteilen? Vielleicht waren sie schlicht zu sehr mit sich selbst und ihren eigenen Herausforderungen beschäftigt. So weinte sich der kleine Junge Nacht für Nacht in den Schlaf. Mit dem panischen Gebet auf den Lippen, einschlafen zu können, bevor sein Vater heimkam und, betäubt von zu viel Alkohol, das Haus in eine Unruhestätte verwandelte. Ganz allein, den Kopf unter der Decke und zusammengekrümmt lag er da, der zitternde kleine Junge, als könne die Decke ihn vor dem wilden Geschrei der anderen abschirmen. Sie konnte es nicht. Und die kleine Seele litt großen Schaden.

„Er wollte wissen, was es im Leben noch zu finden gäbe und ob diese Welt eventuell doch noch etwas für ihn bereithielte, das es wert wäre, sie nicht jetzt schon zu verlassen.“

Bis sich eines Tages ein kleines, warmes Licht zaghaft seinen Weg in die dunkle, kalte Welt des Jungen suchte. Hatte das Leben ihn bis jetzt glauben gemacht, es sei nicht wichtig, dass er lebte und es wäre auch nicht von großer Bedeutung, wenn er es nicht mehr täte, fiel sein Blick auf einen für ihn zunächst sehr merkwürdigen Umstand. Ein Wort, ein Satz, ein Spruch: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“. Worte, die Gott vor Tausenden von Jahren zu Abraham sagte und die dem kleinen Jungen so nahegingen, als wären sie ihm selbst zugesprochen worden. Von Gott persönlich. Jetzt. Hier und heute. 

Zunächst nicht vorstellbar, wenn das wahr wäre. Wenn Gott sich für ihn interessieren würde. Der, der die Größe und Macht hatte, allein durch ein schlichtes Wort allem Geschaffenen Atem und damit Leben einzuhauchen. Ich will dich segnen. Du sollst ein Segen sein. Also machte sich der kleine Junge, der so klein schon gar nicht mehr war, auf den Weg und suchte. Er wollte wissen, was es im Leben noch zu finden gäbe und ob diese Welt eventuell doch noch etwas für ihn bereithielte, das es wert wäre, sie nicht jetzt schon zu verlassen. Ich will dich segnen. Ich will dich segnen. Ich will dich segnen.

Dabei musste er gegen sich selbst und seine selbstgebauten Mauern kämpfen. Weil dieser Wall auf der einen Seite zwar Schutz war, auf der anderen aber das abhielt, was ihn erreichen musste. Ein langwieriges, mühsames, oft von Misserfolg gekröntes Unternehmen. Aber irgendwie wollte er nicht aufgeben. Hatte begonnen, dem sogenannten Schicksal die Stirn zu bieten. Ich will dich segnen. Ich will dich segnen. Ich will dich segnen! Wohl wissend, welche Narben er an sich und in sich herumtrug, machte er sich auf den Weg. Er wusste, dass er die Wunden der Vergangenheit niemals loswerden könnte. Sie gehörten zu ihm, waren Teil seiner Persönlichkeit geworden. Sie verunstalteten sein Wesen so sehr, dass er sich zutiefst dafür schämte. Aber er musste wissen, ob es mehr geben würde, als die Angst vor der Angst.

Unterwegs begegneten ihm Menschen, die ihn mit Liebe anschauten und sich über ihn freuten. Deren Entschlossenheit, Mut und Hoffnung ihm zum Vorbild wurden. Zum Vorbild, den Kampf nicht aufzugeben. Alte Menschen oft, solche, die Erfahrung mit dem Leben hatten, die gewohnt waren, zu kämpfen, zu gewinnen und zu verlieren. Und die nach jeder Niederlage bereit waren, erneut aufzustehen und der Angst nicht die Macht über ihr Leben zu lassen. Vater- und Mutterfiguren, nach denen er sich sein Leben lang gesehnt hatte. Vorbilder, die ihn ermutigten, Großes von Gott zu erwarten und nicht bei dem Momentanen stehen zu bleiben. Menschen, denen er vertrauen wollte. Nicht selten waren es genau diese Menschen, die ihm Bücher gaben. Bücher, deren Inhalt sein Innerstes tief berührten und eine Saite zum Schwingen brachten, die er nicht kannte. Wenn er in John Bunyans Pilgerreise zur ewigen Glückseligkeit las, bekam er Mut. Wenn er Biographien las und lernte, wie Menschen vor ihm mit großen Nöten und Schicksalsschlägen umgingen und zurechtkamen, wuchs in ihm die Vermutung, dass seine eigenen Herausforderungen auch zu meistern sein würden. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken! All eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch! Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! Er las mehr Bücher, schaute mehr Filme, hörte mehr Lieder. Mit jedem neuen Lied, mit jeder umgeschlagenen Seite und mit jedem weiteren Film prägte sich die Überzeugung tiefer in seine Seele: Gott ist ein Gott, dem man vertrauen kann! Gott ist ein Gott, dem man sich öffnen kann! Gott ist ein Gott, der Licht ins Dunkel bringt und die Angst vertreibt! Sie besiegt! Über sie triumphiert! Ich will dich segnen. Ich will dich segnen! Und du sollst ein Segen sein.

Der kleine Junge hatte viel durchgemacht. So oft war er gefallen und hat sich die Knie aufgeschlagen. So oft hat er bei den falschen Menschen nach dem Richtigen gesucht. So oft hat er sich für Wege entschieden, die ihm nicht guttaten. So oft hat er versagt. Aber er hat nicht aufgegeben. Weil ihm das Versprechen Gottes vor Augen stand: Ich will dich segnen. Und mit dem Versprechen auch der Auftrag: Und du sollst ein Segen sein!
Was aus dem kleinen Jungen geworden ist? Heute ist er ein Mann. Einer, der weiß, dass er irgendwann beginnen musste, die Verantwortung für sein Leben selbst zu übernehmen. Dass er aufhören musste, der Vergangenheit die Schuld zu geben für das Elend seiner selbst. Er hat vergeben. Und sich damit aus dem Griff der Angst befreit. Er hat sich selbst vergeben lassen. Er hat der Hoffnung Raum gegeben, dem Glauben an die Macht Gottes und dem tiefen unerschütterlichen Vertrauen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln! Wenn Gott für mich ist, wer kann gegen mich sein?! Die Kraft Gottes ist in den Schwachen mächtig! Ich bin das Licht der Welt! Ich bin die Auferstehung und das Leben! Ich bin, der ich bin! Daran klammert er sich fest. Mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft. An den Worten Gottes, die ihm Kraft geben. Junge Männer straucheln und fallen, werden müde und matt. Die aber, die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft und fahren auf wie Adler mit mächtigen Flügeln. Das ist die Wahrheit. Das glaubt er. Das ist sein Halt. Dennoch hat er auch heute noch Angst. Davor, dass man ihn nicht mögen könnte. Dass er nicht so ist, wie die anderen ihn haben möchten. Dass die Beziehungslosigkeit seiner Kindheit ihn für alle Zeit beziehungsunfähig gemacht hat. Dass er versagt, dass er sich blamiert, dass sie auch heute noch über ihn lachen und er mit schamrotem Kopf davonrennt. Die Angst drängt sich immer wieder rein. Aber die Angst vor der Angst hat keine Macht mehr. Weil ein neuer Tag angebrochen ist. Siehe, ich mache alles neu, erkennst du es denn nicht?! Weil er sich bewacht weiß. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten! Weil er weiß, wohin er schauen muss. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!

Der kleine Junge im jetzt großen Mann weiß um die Sonne. Er weiß um die Berge. Er weiß um den Sieg. Und er weiß, dass sein Erlöser lebt. Deshalb wird die Angst niemals das letzte Wort haben.

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